Mein Appell!

Am Samstagabend sitzen meine Freundin und ich auf der Couch und unterhalten uns über die AfD-Wählerschaft. Es ist der Abend vor der historischen Bundestagswahl, es ist der 23.09.2017. Ich werfe eine kurze Analyse in den Raum und beschuldige alle AfD-Wähler als dumm. Ja, ich finde, sie sind dumm, wenn sie diese Entscheidung treffen. Weil sie nicht weiterdenken, weil sie nicht dahinterblicken, weil sie nicht das Ganze sehen, weil sie sich verführen lassen. Und schlicht und ergreifend deshalb, weil sie eine Partei in den Bundestag wählen, an deren Spitze Rechtsextremisten stehen, Nazis. Das ist dumm, diese Partei zu wählen, und deshalb sind diese Menschen für mich dumm.

Meine Freundin kann das so nicht stehen lassen. Sie verweist auf all die sozial Schwachen, da draußen. Die, die sich von der AfD haben abholen lassen, weil sie darauf hoffen, dass sie endlich auch mal ein größeres Stück vom Kuchen bekommen können, das ihnen der Migrant weggenommen hat. Sie erklärt mir, dass es beispielsweise Kinder aus sozial schwachen Familien nicht schaffen können, da niemals rauskommen. Dass es natürlich immer um Geld geht, die Bildung gewährleistet. Dass aus fehlender Bildung, fehlendem Geld und fehlendem Allem ein Neid entsteht auf andere, die vermeintlich mehr haben. Dass diese Menschen keine Chance bekommen, ihr Leben zu verbessern. Wir reden über eine ältere Dame, mit der Dunja Hayali damals bei ihrem Pegida-Besuch gesprochen hatte. Die von ihrer kleinen Rente erzählte und sich wunderte, dass Flüchtlinge mehr Geld bekommen als sie, wo sie doch 40 Jahre lang gearbeitet und geschuftet und Kinder fürs Land aufgezogen hat. Diese Ungerechtigkeit! Nein, sagt meine Freundin, diese Menschen sind nicht dumm. Sie fühlen sich einfach unverstanden und nicht abgeholt. Dies gilt sicher für den größte Teil der AfD-Wählerschaft. Blenden wir den Teil der Nazis und Rechtsextremen mal aus. Was bleibt ist der große Rest, der große Rest, der seine Heimat eigentlich bei der SPD finden sollte, bei der Partei, die sich für die Kleinen einsetzt, ihr Leben besser macht. Diese SPD gibt es nicht mehr, sie hat sich aufgelöst in der Großen Koalition. Sie macht es Martin Schulz unmöglich, in diesem Wahlkampf überhaupt irgendeine Position zu beziehen. Auf jeden Angriff auf Merkel folgt ein lapidares „aber das hat Ihre Partei doch mitentschieden“. Die Partei für die kleinen Leute gibt es in dieser Form nicht. Wer nicht Die Linke wählen kann, kann gar nichts wählen. Oder die AfD, denn die hat das Problem der kleinen Rente schon lange ausgemacht: Flüchtlinge.

Doch ich bleibe dabei: Wer sein Kreuz bei der AfD gemacht hat, ist dumm. Denn einfache Lösungen gibt es nicht. Und die AfD ist genau die Partei, die Minderheiten doch erst recht diskriminiert, hier geht es nicht nur um Flüchtlinge.

Ich denke heute, am Wahlabend darüber nach, was schiefgelaufen ist. Sehr viel. Seitens der Medien, seitens der Politiker, seitens der Gesellschaft. Fange ich mal hinten an.

Gesellschaft: Wir anderen, die wir unser Kreuz nicht bei der AfD gesetzt haben. Wir sind knapp 87%. Wo waren wir? Wieso haben wir es nicht geschafft, den ein oder anderen Wähler umzustimmen? Weil sie sowieso unerreichbar in ihrer blauen Wolke schwebten? Weil sie es nicht hören wollten? Vielleicht ist das bei einigen so, doch ich habe die Stimmung im Netz seit einigen Monaten beobachtet, und hier sah ich vor allem eines: Die AfD-Wähler wurden entweder ausgelacht, beschimpft, verhöhnt oder nicht ernst genommen. Fast nie habe ich gesehen, dass sich jemand ernsthaft eine halbe Stunde Zeit genommen hat, um das Wahlprogramm oder wenigstens einzelne Punkte daraus zu erläutern. Auch ich nicht. Und genau das bestätigt diese Menschen in dem, wie sie sich in dieser Welt wahrnehmen: nicht abgeholt, ausgelacht, abgehängt, nicht ernst genommen, vergessen. Erst in der letzten Woche habe ich wieder angefangen, auf Facebook mit AfD-Wählern zu diskutieren. Es ging immer ein bisschen hin und her, ehe ich dann einzelne Passagen aus dem Wahlprogramm rausgezogen habe, erklärt habe, was die eigentlich vorhaben. Die häufigste Reaktion: keine Antwort mehr. Das kann gut oder schlecht gewesen sein, aber es war wenigstens immer sachlich, immer auf Augenhöhe und nie so überheblich-herablassend, wie viele es in den letzten Wochen gepflegt haben. Niemand will ausgelacht werden für seine Meinung, natürlich flüchtet man sich in den Angriff, wenn das passiert. Inzwischen empfinde ich das als völlig logische Reaktion. Wir haben einen Haufen Arbeit. Auch wir müssen diese Leute jetzt wieder einholen. Reden, reden, reden. Und zwar ernsthaft. Nicht lachen, nicht beschimpfen. Und wenn sie laut werden, dann bleiben wir ruhig. Und wenn sie beschimpfen, dann winken wir nicht ab, sondern sagen etwas Nettes.

Politik: Im Grunde hat man das am heutigen Wahlabend fast von allen Parteien gehört. Die CDU sagt, sie habe die rechte Flanke vernachlässigt. Die SPD sagt, sie habe ihre Profil vernachlässigt. Das nur als Beispiele. Was sie nicht gemacht haben: die Sorgen gehört. Mal nicht zur Rente rumgeeiert. Mal nicht nur über Dieselskandal, AfD als Nazipartei und ihre eigenen Eitelkeiten gesprochen. Sich um sich selbst drehen, bis ihnen schwindelig war, statt um das Volk zu kreiseln, für das sie im Bundestag sitzen. Auch da liegt viel Arbeit vor den Parteien. Die SPD muss wieder sozialdemokratisch werden, die CDU muss wieder ein Stück nach rechts rücken. Dann wird eine AfD ganz schnell überflüssig.

Medien: Herr Herrmann hat heute in der Berliner Runde sehr viel Wahres gesagt, wenn er erklärt, dass in den vergangenen Wochen in fast jeder Talkshow der Großteil der Sendezeit auf die AfD verwendet wurde. In der gleichen Art und Weise, wie es auch viele Bürger taten: krawallig, verhöhnend, zu versucht, die bloßzustellen. Nein, so holt man keine Wähler ab und stimmt sie um. Genau SO spielt man dieser Partei in die Karten. Denn auch hier gilt das gleiche Bild: Der AfD-Wähler, der sich sowieso betrogen, hintergangen, nicht ernst genommen und verhöhnt fühlt, sieht sich wieder einmal bestätigt: Alle sind gegen mich. Jetzt erst recht. Da fehlt der Dialog. Und ja, die Politiker haben diese Gesprächsfäden viel zu oft aufgenommen. Viel früher hätten sie sagen müssen: „Heute nicht.“ Aber nein, das passiert dann leider erst bei der Berliner Runde, drei Stunden nach Schließung der Wahllokale.

Ich kann nur jeden dazu aufrufen: Wenn ihr AfD-Wähler in der Familie habt, im Freundeskreis, Bekannte, wen auch immer. Bleibt im Dialog, redet mit ihnen. Seid nett, seid verständnisvoll, führt sie nicht vor, lacht sie nicht aus, beschimpft sie nicht. Das ist ihre Masche, nicht unsere. Das ist mein Appell heute!

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Der Teufelskreis aus mangelnder Medienkompetenz und antrainiertem Verhalten

Schon lange wird hier und da nicht mehr nur diskutiert über Unterrichtseinheiten zum Thema Medienkompetenz – es wird unterrichtet, auch nicht ausschließlich als Einheit, sondern als Fach. Hierbei liegt der Schwerpunkt vor allem auf dem Umgang mit Apps wie Whatsapp oder Snapchat sowie sozialen Netzwerken wie Instagram oder Facebook. Das ist löblich, packt das Übel aber auch nur oberhalb der Wurzel.  Es ist wichtig, dass Kindern und Jugendlichen klar wird, was passiert, wenn sie ein Bild von sich hier und da posten – und dass das Internet niemals vergisst. Nichts.

Das Kernproblem ist jedoch ein anderes – die Medienflut. Und hier liegt meines Erachtens die wahre Medienkompetenz. Den ganzen Tag wird das Internet über Webseiten und soziale Netzwerke mit Informationen geflutet. Wer die etablierten Medien nicht kennt und sie auch nie kennengelernt hat, weil zuhause nie eine Zeitung lag oder eben ein iPad mit einem e-Paper-Abonnement einer seriösen Tageszeitung, der wird den Unterschied zwischen der Süddeutschen Zeitung und den Deutschen Wirtschafts Nachrichten nicht begreifen. Sondern sich inhaltlich das raussuchen, was ihm näher ist. Im Zweifel, ohne zu hinterfragen, ohne einen zweiten Blick darauf zu werfen – denn dafür ist weder Zeit noch Raum da. Kaum sackt die Information, wird die nächste in die Timeline gespült. Es ist eine immerwährende Flut. Ohne Ebbe. Übrigens nicht nur an Informationen, sondern auch an Emotionen wie Hass, Angst und Wut. Aber das ist ein anderes Thema.

Hinzu kommt, dass die Timeline schon längst alles gelesen und bewertet hat – die Meinungsbildung findet also schon lange nicht mehr im stillen Kämmerlein, sondern in der Gruppe statt. Und nicht wenige nehmen als Wahrheit an, was die Mehrheit zu glauben scheint.

Dieser Teil der Medienkompetenz (lesen, verstehen, einordnen, selbst recherchieren, falls Zweifel bestehen) scheint mir in den bisher durchgeführten Unterrichtseinheiten doch deutlich zu fehlen. Natürlich ist der Kampf gegen Cybermobbing und für die Privatsphäre der wichtigste in den Klassenzimmern – aber die Fähigkeit, Medieninhalte zu sondieren, zu verstehen und sie einzuordnen, ist nicht minder wichtig.

Aber Medienkompetenz geht auch noch ein Stück weiter und betrifft lange nicht nur die Schüler, ganz im Gegenteil: Die Fähigkeit, eine Webseite zu verstehen, dort nach Inhalten zu suchen, die Suchfunktion zu benutzen oder sich durch die Seite per Menü zu navigieren, verkümmert zusehends. Das beobachte ich nicht jetzt erst, wo ich in einer Internetredaktion arbeite. Auch vorher, als ich in einer Online-Redaktion einer Tageszeitung gearbeitet habe, sind mir teilweise unglaublich banale Fragen zum Inhalt der Seite untergekommen. Dahinter steckt zum einen die mangelnde Geduld, den Inhalt selbst zu finden, zum anderen aber auch ganz klar die mangelnde Fähigkeit, eine Webseite zu begreifen. (Schöner Artikel in der FAZ zur Lese- und Verständniskompetenz von Studenten).

Die Redaktionen tragen ihren Teil dazu bei: Je blöder (sorry, aber so mag ich es nennen) die Leute werden, desto mehr sorgen die Redakteure dafür, die Inhalte noch leichter auffindbar zu machen. Es wird noch mehr rot markiert, noch mehr in die Mitte der Seite gestellt. Es fehlen manchmal wirklich nur noch rote Pfeile, die hektisch blinken. Eine Leuchtreklame neben dem Artikel mit der Überschrift neben der Überschrift: „HIER finden Sie alles über die letzte Gemeinderatssitzung.“

Ein Beispiel: In einer Spalte, die „Aktuelle Meldungen“ heißt, findet sich eine Nachricht für einen bestimmten Personenkreis wieder. Die Spalte funktioniert so, dass immer die neueste Meldung nach oben gestellt wird, so dass allmählich Meldung für Meldung nach unten rutscht. Nun war diese eine Meldung bereits an die zweite Position gerutscht. An die ZWEITE Position. Es dauerte keine zwei Stunden, da meldete sich die dafür zuständige Person und teilte mit: Die Kollegen sehen das so nicht. Ob ich das bitte ROT einfärben könne. Sprachlosigkeit. Ich kann es natürlich nicht rot einfärben, was dazu führt, dass die Meldung nun gefettet und mit dem Hinweis ACHTUNG versehen wird.

Dies führt allerdings dazu, dass quasi die Erwartungshaltung, dass bei der nächsten Meldung zu diesem Themenbereich wieder ein spezieller Hinweis per Leuchtreklame erfolgt. Die Kollegen werden gar nicht mehr schauen, ob diese Meldung sie betrifft, wenn nicht groß ACHTUNG davorsteht. Außerdem darf es bloß nicht zu viel Text sein. So hörte ich letztens, Webseitenentwurf 2 sei schöner, weil man da nichts lesen müsse, um zum Inhalt zu gelangen. Wir reden hier von einem Entwurf mit 80 Zeichen (!) und 200 Zeichen (!). Der mit 80 erschien besser.

Ein zweites Beispiel: Ein Leser ruft an und beschwert sich darüber, dass er einen Artikel nicht finden kann. Ein kurzer Klick in die richtige Spalte auf einer Unterseite zeigt mir, dass der Artikel an vierter Stelle steht – mit Bild und einer Überschrift, die keinen Zweifel am Inhalt lässt. Die Erklärung des zu navigierenden Weges dorthin ist dann jedoch ein mittleres Desaster.

Webseiten haben nun mal den großen Vor- und Nachteil, dass sich besonders viele Inhalte auf besonders wenig Platz in vielerlei Formen, Farben und Varianten darstellen lassen. Einzig die User haben es verpasst, sich durch diesen Parcours zu navigieren. Während die Webseiten gewachsen sind, haben sie sich meist gar nicht entwickelt. Und weil die Redakteure immer weniger Zeit und weniger Lust auf Anrufe der „Kundschaft“ haben, werden die Inhalte immer leichter auffindbar gemacht. Ein Teufelskreis, den es meines Erachtens zu durchbrechen gilt.

Wie? Die Leute einfach mal suchen lassen. Ihnen erklären, dass es sogar eine Suchfunktion gibt, in die man Begriffe wie „Landtagswahl“, „Brückenüberführung“ oder „Jahreshauptversammlung Männergesangsverein Lahme Lunge“ eingeben kann und sicherlich fündig wird.

Denn die Entwicklung, die sich gerade zeigt, führt nur in eine Richtung: zum Ende. Zum Ende der Sprache, zum Ende des Nachdenkens, zum Ende des Selbstrausfindens, zum Ende des Reflektierens.

Adele

Es gab lange Zeit nur eine Frau, die mich zum Heulen singen konnte. Das war Marie Fredriksson. Ihre Stimme ging mir schon immer durch Mark und Bein, hat für mich einfach was ganz Besonderes und wird mich immer direkt ins Herz treffen. Sie muss sich beim Singen nicht einmal Mühe geben, es funktioniert einfach wie selbstverständlich. Als wären mein Herz und ihre Stimme füreinander gemacht.

Vor vielen Jahren entdeckte ich dann Aimee Mann. Auch sie kann es. Es gab Momente, da kamen mir vor lauter Rührung die Tränen – ganz so einfach wie bei Marie Fredriksson war und ist das aber nie. Meine Stimmung muss passen, das Lied muss zu dieser Stimmung passen und Aimee Manns Stimme ist auch nicht immer ein Tränenzieher. Es bedurfte schon immer eines besonderen Momentes, damit Aimee Mann mich so berühren konnte wie Marie Fredriksson. Immerhin: Sie kann es.

Vor allem mit diesem Lied hier. Und vor allem dann, wenn sie es live singt:

Und dann ist da Adele. Die hat mich nie berührt oder erreicht. Ihr Album „19“ kannte ich gar nicht. Als damals „Rolling in the deep“ im Radio in Dauerrotation lief, beachtete ich den Song kaum. „Ganz nett“, dachte ich. „Schon wieder?“, dachte ich beim vierten Durchlauf. Ich hörte den Song aber nicht tot, es kam nicht der Moment, in dem ich dachte, dass es nun wirklich mal reiche. Ganz im Gegenteil. Auf einmal schlug meine Gleichgültigkeit in neugierige Aufmerksamkeit um. Ich drehte den Song, der inzwischen schon Monate im Radio lief und die Charts dominierte, plötzlich lauter. Ein paar Durchgänge später sang ich mit. Dann hörte ich „Someone like you“ und „Set fire to the rain“. Adele hatte mich gepackt, ohne dass ich es gemerkt hatte. Ich hätte mich zu diesem Zeitpunkt nicht als Fan bezeichnet, ich fand ihre Songs einfach nur gut.

Meiner Freundin schenkte ich dann zu Weihnachten den Doppelpack aus Live-CD/DVD und die CD dudelte dann wochenlang jeden Abend vorm Einschlafen im Schlafzimmer. Jeden Abend. Und mir dämmerte, dass diese Frau eine ganz besondere Musik macht. Allein die Live-Version von „Chasing Pavements“ geht so ganz tief rein. Jeder Ton, den sie singt, kommt aus ihrem Herzen. Aus jedem ihrer Worte kommt eine Glaubwürdigkeit, wie man sie bei anderen Sängerinnen wirklich vermisst.

Dann fand ich bei Vimeo auf der Seite des Accounts „iMashup“ ein Mashup von Adeles „Set fire to the rain“ mit John Newmans „Love me again“ – mit dem Titel „Set fire to love me again“. Dieses Mashup lief im Auto bei mir hoch und runter. Es ist klingt anders, es klingt frisch und schneller und zeigt, was Adele neben berührenden Balladen auch kann. Soul, Funk, Rock.

Jetzt ist sie wieder da, Adele. Mit neuem Lied, neuem Album und hoffentlich auch bald mit einer neuen Tournee. Sie ist die einzige Künstlerin auf diesem Planeten, für die ich meine selbstgesteckte Ticketpreis-Grenze von 100 Euro brechen würde.

Sie ist eine Diva, im positivsten Sinne. Sie hat wenig Lust auf Showbusiness, sie geht ihren eigenen Weg. Sie weiß, welche Musik sie machen will, sie weiß, wie sie sie machen will. Ich nehme ihr jedes Wort ab. Und als ich „Hello“ zum zweiten Mal hörte, machte es wieder „Klick“. Wir, die Kinder dieser Generation, dürfen uns glücklich schätzen, eine Künstlerin ihres Formats erleben zu dürfen. Sie ist ein absolutes Ausnahmetalent.

Noch elf Tage, bis das Album erscheint – ich kann es kaum erwarten!

Was mich traurig macht

Dass das Internet und vor allem die sozialen Netzwerke dieser Tage Fluch und Segen zugleich sind, dürfte einigermaßen klar sein.

Sie sind ein Segen, weil jedem zu jeder Zeit jede Information zugänglich gemacht wird. Zumindest in unseren Breiten- UND Längengraden. Niemand muss glauben (oder auch nicht), was der Nachbar erzählt, was die Verkäuferin angeblich erlebt hat oder was die Tante der Freundin der Mutter über die Schwägerin erzählt hat. Gut, das wäre sehr privat und im Netz vermutlich nicht zu finden.

Anders sieht es bei politischen Themen aus. Diese Öffentlichkeit gibt es im Internet, überall, zu jeder Zeit. Das ist gerade aktuell bei der Flüchtlingsthematik allerdings auch ein Fluch. Die pseudo-nachrichtlichen Webseiten, die gerne auch mal „nachrichten“ in ihrer URL haben, um glaubwürdiger zu wirken, verbreiten teilweise einen derartigen Blödsinn, dass sich einem die Zehennägel hochrollen. Aber leider gibt es genug Menschen, die diese Texte nicht nur glauben, sondern sie auch unverhohlen in den sozialen Netzwerken weiterverbreiten. Ohne eine Sekunde zu hinterfragen, was sie dort tun.

Von der Gegenseite käme an dieser Stelle das Argument, dass das mit vermeintlich seriösen Seiten wie Spiegel, Zeit Online, Süddeutsche oder FAZ nicht anders sei, denn die verbreiteten schließlich auch Lügen. Lügenpresse eben. Ich lasse diesen Leuten ihre Meinung. Vielleicht ist Berichterstattung tendenziös, aber vielleicht muss sie das auch sein. Das finde ich an dieser Stelle noch nicht bedenklich. Denn hinter jeder Nachricht steckt ein Mensch und eine von vorne bis hinten sachlich geschriebene Meldung zu formulieren, ist ohnehin nicht möglich, denn der Empfänger ist ebenfalls ein Mensch und gewichtet jedes gelesene Wort, wie er es gewichten möchte. Dieses Ungleichgewicht ist meines Erachtens nicht aufzuheben, aber auch nicht besonders tragisch – wenn daraus keine gewalttätigen Auseinandersetzungen entstehen. Bedenklich wird es doch erst, wenn Berichterstattung staatlich gesteuert ist – und das ist sie in Deutschland schlichtweg nicht. Für all die Erfahrungen, die ich als Journalistin gemacht habe, kann ich das zumindest ausschließen.

Viel schlimmer als all das ist das, was gerade in unserer Gesellschaft passiert. Der Ton wird rauher, viel viel rauher. Und hier liegt der zweite Fluch des Internets. Jeder kann zu jeder Zeit seine Meinung mitteilen – teilweise in einem Ton, dass es einem den Atem verschlägt. Reden diese Leute so mit ihren Mitmenschen auch im realen Leben? Wenn ja, dann frage ich mir wirklich, in welchem Land wir leben. Auf welchem Planeten.

Die Menschen spalten sich in zwei Lager. In das der „Gutmenschen“ und das der „besorgten Bürger“. Eine sachliche Unterhaltung über das Thema Flüchtlinge funktioniert ein paar Minuten, dann wird es persönlich, dann wird beleidigt, diffamiert und zum großen Gegenschlag ausgeholt. Von Menschen, die sich vielleicht vorher nicht kannten. Von Menschen, die sich kannten und sich mal gut verstanden. Und von Menschen, die vielleicht sogar mal befreundet waren. Der Riss, der gerade durch Deutschland geht, der macht mir viel mehr Angst als all die „Lügenpresse“-Krakeeler, als all die Pegida-Mitläufer und die Stühlewerfer. Weil keine Diskussion mehr möglich ist. Emotional sind wir an einem Punkt, der fast keine Steigerung mehr erlaubt. Angst, Wut, Verzweiflung, Hass und Resignation prägen dieser Tage das Bild – vor allem in den sozialen Netzwerken. Und wer sich einmal mit dem Nachbarn auf Facebook angelegt hat, überlegt dreimal, ob er noch rausgeht, um ihm „Hallo“ zu sagen. Wohnt denn wirklich so viel Hass in den Menschen? Wo war der all die Jahre? Ist das aufgestauter Frust? Ich will nicht glauben, dass Menschen so hasserfüllt, so unzufrieden und so angsterfüllt sind, wie sie es gerade zeigen. Denn es zeigt mir wiederum, dass sie in ihrem Leben offenbar viel verpasst, vieles falsch gemacht haben, viel bereuen. Anders mag ich mir das nicht erklären. Menschen, die sich in ihrem eigenen Land fremd fühlen, so sagen sie, aber selbst zum Urlaub ins Ausland fahren und dort willkommen sein wollen. Menschen, deren Aktionsradius nicht größer ist als der eigene Ort, die noch nie ein Wort mit einem „Fremden“ geredet haben, die selbst sogar einen Flüchtlingshintergrund in der eigenen Familie haben. Menschen, die jede Perspektive verloren haben, weil die Angst sie in sich selbst einmauert. Es ist traurig. Und ich habe da derzeit einfach nur noch Mitleid.

Ich frage mich seit heute Morgen, wann sich dieses erhitzte Klima wieder abkühlt, wann die Menschen endlich wieder normal werden, zu sich finden – und aufhören im größten Sandkasten der Welt mit Förmchen um sich zu werfen. Es ist eine bedenkliche Entwicklung und es sind Momente wie diese, in denen ich denke – das sollte ich vielleicht nicht, aber Gedanken kommen und gehen nun mal – dass ich langsam verstehe, wie es damals zum 2. Weltkrieg kommen konnte. Angst und Hass saß in den Köpfen. Vor allem Angst. Und dann kam  da eine vermeintlich leuchtende Gallionsfigur her, die versprach, dass alles besser würde, wenn man erst mal die Arier von den Juden befreit habe. Das vermeintliche Licht am Ende des Tunnels war letztlich nur der Weg in noch mehr Dunkelheit. Ich hoffe, dass alle, die sich derzeit in den Netzwerken und privat um Kopf und Kragen reden und schreiben, sich endlich wieder daran erinnern, dass mit Angst und Hass, mit Beleidigungen und Beschimpfungen die Welt keine bessere wird.  Keine bessere Welt werden kann.

Eine Welt ohne Kriege ist aus vielen Gründen (Macht, Geld, Wirtschaftsinteressen, Politik, Religion) nicht möglich. Aber eine Welt, in der wenigstens der Großteil der Menschheit nicht heißer läuft als 37 Grad wäre wünschenswert. Ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben.

Es darf doch nicht wahr sein, dass sich Menschen in zwei Lager teilen lassen – mit einem tiefen tiefen Spalt dazwischen – weil sie über ein politisches Thema geteilter Meinung sind. Kann Angst sowas wirklich? Dann sollten wir Angst vor der Angst haben.

Wenn der Udo sein Ding macht..

Stadionatmosphäre, ein Konzert im Sommer – und dann noch Udo Lindenberg? Da kann man nicht „Nein“ sagen. Die Karten für das Megaereignis hatten wir bereits seit Weihnachten und uns nun riesig auf das Konzert gefreut, das noch dazu an meinem Geburtstag sein sollte. Gestern war es dann endlich soweit und los ging es zur Esprit-Arena nach Düsseldorf.

Meine anhaltenden Rückenprobleme haben mir kurz die Entscheidung schwer gemacht, überhaupt das Konzert anzusehen, dann dachte ich jedoch, dass nicht das Stehen mein Problem ist, sondern das Sitzen – was mit Stehplatzkarten also unbedenklich sein sollte.

Da wir Karten für den ersten front of stage-Block hatten und gerne dort hinten am Gatter stehen wollten, fuhren wir so, dass wir gegen 15 Uhr gemütlich am Einlass waren. Die offizielle Info lautete: Einlass, 16 Uhr. Es war drückend heiß, schwül, feucht, fies und jeder sehnte die Öffnung der Tore herbei. Es wurde 16 Uhr, es wurde 16.15 Uhr – nichts tat sich. Einige wurden unruhig und fingen schon an, laut zu rufen. Hier das erste Versäumnis der Veranstalter: Eine kurze Ansage, dass der Einlass sich verzögert, wurde verpasst. Das gehört sich aber so und wäre bei diesen Temperaturen das Mindeste gewesen.

Um 16.30 Uhr gingen die Türen dann endlich auf, der Einlass begann, hier mussten wir zum ersten Mal die Tickets vorzeigen. 200 Meter weiter die nächsten Schleusen, zum zweiten Mal wurden die Tickets kontrolliert – die Taschen aber nicht. Weiter ging es ins Stadion, wo wir feststellten, dass die Veranstalter das Dach geschlossen hatten. Einerseits waren wir froh darüber, dass die Hitze so draußen blieb, andererseits hatten wir mit einem Open-Air-Konzert gerechnet und. hätten uns gewünscht, man hätte das Dach vor Udos Anflug geöffnet.

Auf dem Weg zur „front of stage“: die dritte Ticketkontrolle. Ich würde auf diese Ticketkontrollen nicht so explizit hinweisen, wäre das nicht die Möglichkeit gewesen, die farbigen Bändchen für den entsprechenden Bereich bereits dort zu verteilen. Versäumnis 2: Im „front of stage 1“, quasi dem Golden Circle, standen zwei Mitarbeiter der Sicherheitsfirma, der Bändchen verteilte, die einen zum Wiedereinlass berechtigten, wenn man mal raus wollte, um zwei Kilometer entfernt ein völlig überteuertes Wasser zu kaufen. Klartext: Mehrere hundert Bändchen klebten zwei Mitarbeiter um mehrere hundert Handgelenke und ich frage mich: Wie unorganisiert kann man eigentlich sein? Umso frecher, dass sein Chef, statt dem einen überforderten Kerl Hilfe anzubieten oder zu suchen, ihm noch den Spruch „wenn du mal 5000 geklebt hast, weißt du, wie es geht“ drückte. Noch dazu gab es die Bändchen-Info nicht offiziell. Nur wer wachen Auges durch die Halle lief, sah, dass da irgendwo was verteilt wurde. Ein Unding.

Versäumnis 3: das Getränkeangebot und die Getränkeversorgung. Wasser gab es im Innenraum im vorderen Teil schon nach einer kurzen Zeit nicht mehr, und auch an den Ständen im Stadion war Wasser schnell nicht mehr zu bekommen. Wenn man dann noch beobachtete, wie die Arena-Mitarbeiter Halbe-Liter-Flaschen Cola und Gerolsteiner öffneten, um die dann in die Becher umzukippen und dafür 4 bzw. 5 Euro dafür zu verlangen, konnte man sich ernsthaft fragen, wer sich so einen Blödsinn ausdenkt? Vom Umwelt- und Müllaspekt mal ganz zu schweigen.

Blick auf die Karte: Beginn, 18 Uhr. Es wurde 18 Uhr, es wurde 18.15 Uhr, es wurde 18.30 Uhr, nichts passierte. Gegen 18.40 Uhr erbarmte sich einer der Organisatoren und teilte das Abendprogramm mit. Versäumnis 4: Vorband 1 um 19.15 Uhr, Vorband 2 um 20.15 Uhr, Udo um 21 Uhr. Als er dann noch versuchte, für die Anti-Rassismus-Kundgebung am Montag zu werben, wurde er mit einem gellenden Pfeifkonzert mehr oder weniger zum Schweigen gebracht. Ich las dann auf der Twitterwall, die über der Bühne hing, dass offenbar vorher im Internet bekanntgegeben worden ist, dass Udo um 21 Uhr kommt. Selbst wenn – ich habe als Gast keine Holschuld. Wenn auf meiner Karte steht, dass es um 18 Uhr losgeht, dann hat spätestens um 18.30 Uhr die Vorband auf der Bühne zu stehen, ganz einfach. Dass dem Veranstalter hier ein Fehler auf den Tickets unterlaufen sein soll – geschenkt. Wenn ich als Organisator merke, dass die Stimmung kippt, weil die Leute mit etwas anderem gerechnet haben, dann muss ich verdammt noch mal den Arsch in der Hose haben und mich auf der Bühne vor diesen 50.000 Zuschauern (die im Schnitt 60 Euro für die Karte bezahlt und damit für 3 Millionen Euro Umsatz gesorgt haben) entschuldigen und nicht noch lapidar sagen: „So müssen sich Fußballer fühlen, wenn das Publikum pfeift.“

Nun denn, er ging gann wieder – und mit ihm sehr sehr viele Zuschauer, die auch nicht mehr wiederkamen. Zurecht! In der Halle wurde es derweil immer schwüler und stickiger, unangenehm, und Wasser, das gab es ja nur, wenn man den Fußmarsch nach Köln antrat. Im Innenraum wurden von Mitarbeitern mit Bauchladen nur Bier (5 Euro) und Minibecher Caipirinha (7 Euro) angeboten. Mir dämmerte langsam, wer hier das Geschäft seines Lebens machen wollte.

Auch wenn Udo vielleicht nichts für die Verzögerung konnte, wer weiß das schon, man hätte ihn informieren müssen. Blöder kann es nicht laufen, als wenn der Star des Abends, auf den alle seit mindestens sechs Stunden gewartet hatten, in einer Kapsel über dem Publikum auf die Bühne schwebt, aussteigt, drei Lieder singt und dann sagt (Versäumnis 5): „50.000 Zuschauer in einem Stadion, ein Traum wird wahr.“ Nein, dann möchte man als geprellter Gast gerne hören: „Sorry, dass ihr so lange gewartet habt, es ist doof gelaufen, aber jetzt machen wir Party, ja?“ So hatte Udo einen miesen Start und wurde wenigstens noch eine halbe Stunde lang kräftig ausgepfiffen. Schade schade schade, wenn die Leute nicht einfach ehrlich sein können und nicht in der Lage sind, sich IN dieser Situation DIREKT zu entschuldigen.

Die Show war super, nichts zu bemängeln. Und wer sich über Eierlikör, Zigarren und einen angetrunkenen Udo beschwert, der kennt Udo vielleicht nicht. Die Show war die 74 Euro wert, das Drumherum nicht. Veranstalter: setzen, sechs. Macht es heute bitte besser!

Mit allen Sinnen

Ich bin kein „Digital Native“. Warum? Ich bin nicht mit Spielkonsolen, Tablet, Computer und Handy aufgewachsen. Okay, ich saß mit 11 Jahren zum ersten Mal und dann immer sehr lange vor einer Konsole: Nintendo NES. Die Älteren unter euch werden sich erinnern. Aber da war ich 11. Für mich ein Ausschlussgrund, ein „Digital Native“ zu sein. Heute sind es Dreijährige, die intuitiv wissen, wie sie ein iPhone bedienen müssen. Die keine Erklärung brauchen, wenn sie auf einem Tablet ein Spiel spielen. Und die genau wissen, wie das mit dem Wischen geht. Sie wachsen mit all dem technischen Kram auf, den es heutzutage so gibt. Das bin ich nicht. Ich hatte eine Spielkonsole, mit 15 einen Atari (geerbt vom Bruder) und mit 17 den ersten PC. Klar – für die Generation eins über mir war das gar nicht selbstverständlich. Aber für die Jüngeren ist das Schnee von gestern.

Und so gerne und oft ich mich im Internet aufhalte, auf meinem Tablet Candy Crush Saga spiele oder mit dem iPhone für Instagram Bilder bearbeite – es gibt Grenzen. Und die beginnen da, wo ganz offenbar meine Sinne abgeschaltet werden sollen. Wenn ich Musik höre, möchte ich nicht nur Musik hören. Ich möchte die Musik auch spüren, sehen und riechen. Das kann ich nicht, wenn ich mir ein Lied oder ein Album nur runterlade, in einem Ordner ablege, den Ordner auf einem Laufwerk speichere und mir eine Sicherungskopie auf die externe Festplatte ziehe. Es ist eine Datei. 100111011, mehr nicht. Kein Gefühl steckt dahinter. Nicht mal, wenn das Booklet zum Album ebenfalls als Download mitgeliefert wird.

Das ist ganz anders, wenn ich eine wirklich ECHTE CD oder eine ECHTE Platte in den Händen halte. Vor dem ersten Hören hole ich das Booklet aus der Hülle und während die Lieder spielen, blättere ich durch das Booklet, lese mir die Songtexte durch, die Danksagungen, welche Musiker beteiligt waren und was der Künstler mir sonst noch so sagen will – mit Zeichnungen, handschriftlichen Notizen, Hinweisen auf das Internet oder einfach nur Fotos. Nur so wirkt das Album. Nur so entfaltet es all die Kraft, die es hat. Ein Booklet riecht, ich kann es anfassen und somit auch die Musik spüren. Und nicht ohne Grund arbeiten die Künstler selbst daran mit, denn das Gesamtpaket muss stimmen. Ein Leben ohne CDs? Undenkbar! Das Gleiche gilt für LPs, die zum Glück wieder im Kommen sind. Gibt es etwas Schöneres, als das leise Knacken einer Scheibe auf einem Plattenspieler zu hören? Etwa – eine perfekte MP3 durch 260-Euro-Boxen zu jagen? Nein. Zum Musikhören gehört das Gesamterlebnis – inklusive Kauf im Laden, Nachhausetragen, Auspacken, Gemütlichmachen und Reinhören. REINhören, mit allen Sinnen. Es ist für mich immer noch keine Alternative, neue Alben als Download zu kaufen. Und auch, wenn die CD allmählich ausstirbt – ich hoffe, dass dieser Überlebenskampf noch ganz ganz ganz lange dauert. Meinetwegen kann es auch ein anderer physischer Datenträger sein. Vielleicht ein USB-Stick, der vom Künstler selbst gestaltet ist und ein Booklet zum Auffalten hat. Wer weiß? Wer gerade die Wiederauferstehung des Vinyls mitverfolgt, kann – wie ich – hoffen!

Das Gleiche ist es mit Büchern. eBook-Reader – ernsthaft? Kindle – warum? Weil es Platz spart? Wirklich? Ist das der Grund? Reicht es nicht, jeden Tag – und das gilt für so viele Menschen – mehr als acht Stunden vor einem Bildschirm zu hocken? Muss ich das abends in der Badewanne, im Bett oder auf dem Balkon auch noch tun? Was spricht denn gegen das gute, alte Papier außer der geringeren Baumvernichtung? Wer schon mal ein neues Buch aufgeschlagen hat, riecht es auch, fasst es an, gewöhnt sich an Papier und Schrift und speichert Geruch und Inhalt unter „großartig“, „durchwachsen“ oder „beschissenste Lektüre aller Zeiten“.  Und dann ist da noch das Vorlesen. Mit dem Kindle eine Gute-Nacht-Geschichte vorlesen? Nicht darauf warten, dass Papa oder Mama schon die Seite in der Hand halten und gleich umblättern, gespannt auf das, was auf der nächsten Seite steht, welches Bild dort wartet und wie die Geschichte weitergeht? Das Geräusch des Umblätterns, wieder eine Seite geschafft. Oder nie wieder ein Lesezeichen in das Buch legen und wissen, dass es noch gaaanz lange dauert, bis die Geschichte vorbei ist? Und sich nie wieder im Buchladen ein neues und richtig buntes Buch aussuchen?

Es gibt keine Alternative zu Büchern, Zeitungen und CDs. Je digitaler wir werden, desto mehr verleugnen wir, wo wir herkommen – aus der Natur. Wir fassen nichts mehr an, wir riechen nichts mehr und wir fühlen nichts mehr. Weil unsere Sinne bis auf einen – das Sehen – nicht mehr gebraucht werden.

Ich aber will mit allen Sinnen genießen.
Ein Plädoyer!

Wie Klaus Peter Möller Wahlkampf machte..

Klaus Peter Möller – der Gießener Kandidat der CDU für den Hessischen Landtag. Klaus Peter Möller – einer derer, die am Mittwochabend mit Kanzlerin Angela Merkel bei ihrer zentralen Wahlkampfveranstaltung in Mittelhessen auf dem Gießener Schiffenberg aufgetreten sind. Neben Klaus Peter Möller waren auch Dr. Helge Braun, Ministerpräsident Volker Bouffier und der ehemalige Verteidigungsminister Franz Josef Jung dabei.

Mit dabei waren auch etliche Journalisten und sehr viele Fotografen mit sehr vielen Kameras – darunter Thorsten Ohlwein, der für Helge Braun dort akkreditiert war und Fotos gemacht hat. Unbedarft und vielleicht ein wenig naiv hat er seine Fotos noch am Abend auf die Facebook-Seite von Helge Braun gestellt. Fotos, auf denen Klaus Peter Möller zu sehen war, hat er auf seiner eigenen Fotoseite geteilt – und auf dem privaten Profil von Peter Möller. Darunter auch dieses Foto hier:
Klaus Peter Möller auf dem Schiffenberg

Stunden später taucht das Foto wie von Geisterhand auf der offiziellen Facebook-Seite von Klaus Peter Möller auf. Es ist, als hätte Thorsten Ohlwein das Foto gar nicht selbst geschossen.  In einem eigenen Beitrag von Klaus Peter Möller auf seiner Seite ist das Bild plötzlich erneut online. Ohne Quellenangabe, ohne jeglichen Hinweis auf den Fotografen – und mit schlecht wegretuschiertem Wasserzeichen:

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Als der Fotograf das Bild und den Beitrag entdeckt, überlegt er kurz, ob es vielleicht Zufall sein kann? Ob es wirklich die Möglichkeit geben kann, dass ein anderer Fotograf genau in diesem Moment auf den Auflöser gedrückt hat, als Klaus Peter Möller schief grinsend ins Mikrofon gesprochen hat. Nein, das kann nicht sein. Dann entdeckt er einen seltsam blauen Fleck zwischen Moderator und Politiker – das wegretuschierte Wasserzeichen. Ohlwein ärgert sich jetzt, dass er keinen Screenshot von seinem Beitrag gemacht hat. Denn nun ist er sich gar nicht mehr sicher, ob er sein Bild tatsächlich geteilt hat oder es wirklich aus seinem Fotoalbum „gemopst“ wurde. Etwas nervös sucht er die Quelle des Übels. Und stellt sich die Frage: Ist ein wegretuschiertes Wasserzeichen Beweis genug für einen Bilderklau? Die Antwort darauf kann nur JA lauten. Und dass Ohlwein mit einer Urheberrechtsklage Erfolg hätte, steht vielleicht außer Frage.

Am späten Donnerstagabend (21:58 Uhr) ist das Bild übrigens noch auf Klaus Peter Möllers Seite zu finden. Und das eigentlich Schlimme daran ist, dass auf Thorsten Ohlweins Hinweis, dass das sein Bild sei, überhaupt nicht reagiert wird bzw. wurde.moellershot
UPDATE, 22:24 Uhr: Kurz nachdem Klaus Peter Möller auf seiner Twitterseite einen Tweet abgesetzt hat und offenbar von meinem Tweet gelockt wurde, ist das Bild von der Facebook-Seite verschwunden. Das ging schnell – macht die Sache aber nicht besser.

UPDATE, 22:33 Uhr: Auf der privaten Seite von Klaus Peter Möller gibt es das Original sogar noch. 1173710_712587948756920_2127386090_n

UPDATE, 6. September:

Klaus Peter Möller hat sich auf Facebook für den Fehler direkt bei Thorsten Ohlwein entschuldigt und diesen bedauert. Das ist das Mindeste und nett!

So ein Fall wirft dennoch mal wieder die Frage auf, wie im Internet – sogar von Parteien und deren Wahlkämpfern und Politikern – mit Urheberrechten umgegangen wird. Kann ein Wasserzeichen wirklich einfach so und aus Versehen „entfallen“? Die Entfernung eines Wasserzeichens ist eine bewusste Handlung und der Gedanke daran, dass das jemand macht, der sich dabei keiner Schuld bewusst ist, lässt einen schaudern. Viele viele Fotografen, die diesen Job hauptberuflich machen, leben von ihren Bildern, verbringen sehr viel Zeit damit, sie zu entwickeln und machen dann sehr häufig die Erfahrung, dass ihre Bilder beschnitten, aufgehellt, anderweitig bearbeitet und ohne Nennung der Quelle auf irgendwelchen Webseiten oder in sozialen Netzwerken auftauchen. Das ist nicht nur ärgerlich, sondern geschäftsschädigend.

Der richtige Weg wäre in diesem Fall hier – egal, ob das Bild inzwischen entfernt wurde oder nicht, denn es gibt Screenshots, die den Verstoß beweisen – eine Rechnung zu schreiben, und zwar eine saftige. Dass das Internet gerade in rechtlicher Hinsicht #Neuland für Frau Merkel und die Parteien ist, mag ja sein, aber zum Urheberrecht gibt es klare Gesetze und Regeln und das nicht erst seit gestern. Ein Landtags-Kandidat der CDU sollte das ebenso wissen wie seine Wahlkampfhelfer.