From hero to zero

Ich – bevor das Drama losging.

Die besten Einfälle zu Texten habe ich blöderweise ganz früh am Morgen im Halbschlaf. Meistens so gegen 4 Uhr oder 4.30 Uhr, wenn ich sowieso gerade auf war, um einen Hundehaufen zu beseitigen (fragt nicht, das gehört eben jetzt dazu, Nena ist eine alte Lady).

So auch heute Morgen. Wie im Traum machte ich sauber, lüftete und wartete, dass es gut genug roch, um die Fenster zu schließen. Für gewöhnlich liege ich während dieser fünf bis zehn Minuten im Bett und dämmere vor mich hin, während die mittlerweile laue, schöne Frühlingsluft hereinweht.

Das sind die Minuten, in denen mir irgendwelche Textfetzen, Themen und Ideen durch das Hirn rauschen. Blöderweise schaffe ich es nie, sie aufzuschreiben oder ins Handy zu sprechen. Sie rauschen einmal durch meinen Kopf, dann sind sie weg. Wie ein ICE auf der Fahrt durch Gießen. Dann mache ich das Fenster zu, lege mich wieder hin und schlafe fast sofort ein. Meistens erinnere ich mich beim Aufwachen, dass ich irgendeinen Schreibeinfall hatte, aber die Fetzen, die sind weg.

Ich erinnere mich jedenfalls, dass ich heute Morgen auf einmal daran dachte, wie ich in der sechsten Klasse von meinen Klassenkameraden gemobbt wurde. Ein ganzes Jahr lang. Ich hatte einen wunderbaren Texteinstieg dafür, doch der ist weg. Ich schreibe diesen Beitrag jetzt trotzdem, weil die Erinnerungen an diese Zeit durch die Gedanken heute Morgen so stark sind.


Als wir in der neuen Schule in die fünfte Klasse kamen, wurden unsere beiden Grundschulklassen aus der alten Grundschule im Grunde zusammengelegt. Die Teile der früheren 4a und 4b, die sich für diese Schule entschieden hatten, wurden zur neuen 5a. Die meisten hatten also ihre Freunde dabei. So auch ich. Und recht schnell gewann ich neue Freunde – aus der früheren Parallelklasse vor allem. Es waren noch andere Kinder anderer Schulen in der Klasse, mit denen ich mich ebenfalls gut verstand. Ich war ein offenes Kind, witzig, manchmal bissig, aber nie bösartig, daher gelang es mir auch schnell, mich anzufreunden.

Dies führte dazu, dass ich schnell mit den Leuten abhing, die der „heiße Scheiß“ waren, die „In-Clique“. Wenn ich mich richtig erinnere, waren wir so sieben oder acht Leute. Ich kam mit einem der Jungs zusammen, wobei außer Händchenhalten und hier und da mal ein Schmatzer natürlich nichts lief. Hey, wir waren 10!

In den folgenden Monaten verbrachten wir als Clique fast unsere komplette Freizeit miteinander. Wir liefen draußen rum, machten Blödsinn, lachten und hatten uns irgendwie gern. Das funktionierte ein Jahr lang prima. Am Ende der fünften Klasse wurde ich dann zur stellvertretenden Klassensprecherin gewählt. Da klar war, dass wir als Klasse noch ein Jahr zusammenbleiben würden, fand diese Wahl vor den Sommerferien statt. Einer der coolen Jungs wurde Klassensprecher.

Und dann kippte auf einmal die Stimmung. Nach den Ferien war ich auf einmal „out“. Der Junge machte Schluss, das war der erste Schritt. Ich verstand nichts. Noch im Mai hatten wir auf der Klassenfahrt ins Kleinwalsertal richtig zeremoniell „geheiratet“ und mochten uns und hatten jede Menge Spaß. Im August war alles vorbei. Ich weiß eigentlich bis heute nicht, was passiert ist.

Doch innerhalb weniger Wochen startete die wohl schlimmste Zeit, die ich in der Schule jemals haben sollte. Ich wurde verspottet, meine Kleidung wurde verspottet, alles, was ich sagte, war lachhaft geworden, ich spielte keine Rolle mehr, man hasste mich. Zumindest die Jungs taten es. Eine aus der Gruppe stand halbwegs tapfer an meiner Seite, versuchte, sich nicht zu sehr beeindrucken zu lassen.

Aber aufgestanden ist keiner. „Stopp“ hat auch niemand gesagt. Und wenn ich mein Leid klagte, hieß es meistens: „Du musst die ignorieren. Wenn du sie ignorierst, verlieren sie den Spaß und hören auf.“ Ich versuchte es. Aber ich war 11. Wer kann mit 11 böse Sprüche und Hohn und Spott ignorieren und da ohne Schaden rauskommen?

Der absolute Tiefpunkt war erreicht, als ich in einer Bio-Stunde (so meine ich) von mir gab, dass Kühe Fleisch fraßen. Wörtlich: „Kühe fressen doch auch Fleisch.“ Ich, Stadtkind, 11 Jahre alt, ich wusste es nicht besser. Mehrere Wochen, Monate lang wurde mir dieser Satz jeden Morgen feinsäuberlich, schön langsam und schmerzend vorgehalten. Wie dumm ich doch sei, dass ich so etwas nicht wusste. Vor allen. Immer und immer wieder. Und ich hatte immer noch keine Ahnung, was ich eigentlich in diesen Sommerferien und den ersten Wochen nach Schulbeginn verbrochen hatte. Mein Ex-Freund hatte inzwischen Gefallen an einem Mädchen aus einer Parallelklasse gefunden. Sie war definitiv hübscher als ich, so viel war mir klar.

Heute weiß ich, dass ich damals wohl schon anfing, mich zu dem zu entwickeln, was ich heute bin: bisexuell, keine wirklich weibliche Frau, sportlich, eigenbrödlerisch oder wie jemand später in der Abi-Zeitung vermerkte: „seltsam“. Das bislang größte Kompliment, das ich erhalten habe.

Meine Mitschüler in der sechsten Klasse waren hingegen nichts als grausam. Dass sie keine körperliche Gewalt anwanden, war alles. Ich schloss in dieser Zeit ein paar Freundschaften mit Jungs und Mädchen, die wie ich nicht in eine Norm zu pressen waren, die ihren eigenen Weg gingen. Dieses Andere, ich glaube heute, das machte den Jungs damals Angst. Es ist die beste Erklärung, die ich habe.

Dass ich in diesem Jahr nicht daran zerbrochen bin, was mir an psychischer Grausamkeit angetan wurde, ist ein Wunder.

Ich erinnerte mich dieser Tage schon einmal an dieses ganze Thema, das ich sonst lieber verdränge, weil ich kürzlich einen Frühjahrsputz auf Facebook gemacht habe. Dort waren eben auch ein paar Leute dieser Clique dabei, die mich so gequält haben. Im Nachhinein frage ich mich, wieso sie überhaupt das Privileg erhielten, zu meinen Freunden zu gehören. Auch hierauf habe ich keine Antwort. Nun flogen sie aus der Liste, mit spätem Zorn in meinem Herzen. Bis heute hat sich niemand entschuldigt.

Diese Jungs waren dann auch später noch lange in meiner Klasse, bis zur Jahrgangsstufe 10. Die Gehässigkeiten ließen jedoch nach, denn wir ignorierten uns einfach. Ich fand sie scheiße, sie mich. Ich hatte andere Freunde.

Manchmal stellten es andere gerne so hin, als sei das ja alles nicht so schlimm gewesen, damals in der sechsten Klasse. Doch, war es. Es war die Hölle. Ich hatte Angst, morgens in die Schule zu gehen. Ich hatte Angst, mein Ding zu machen, mein Leben zu leben. Ein verdammtes ganzes Jahr lang.

Warum schreibe ich das auf? Ich schreibe es an die Eltern, die Kinder, die gemobbt werden. An alle Betroffenen: Geht euren Weg, lasst euch nicht aufhalten. Ihr seid wertvoll. Und wenn ihr gemobbt werdet, hat es nichts mit euch zu tun, sondern mit der Unfähigkeit anderer, anderes zu akzeptieren. Sie sind die Schwachen und ihr seid die Starken. Weil sie das erkannt haben, hacken sie so lange auf euch herum, bis ihr kleiner seid als sie. Das ist zumindest meine Erfahrung. Aber lasst euch bitte niemals davon abhalten, euren Weg zu gehen. Es gibt mehr als einen. Die Geschichte zeigt es so deutlich.

Und wenn es ganz schlimm wird, dann sucht euch wirklich Hilfe auch innerhalb der Schulleitung, beim Vertrauenslehrer, je nach Schwere des Mobbings auch bei der Polizei. Diesen Zustand muss niemand ertragen, niemand hinnehmen.

Adele

Es gab lange Zeit nur eine Frau, die mich zum Heulen singen konnte. Das war Marie Fredriksson. Ihre Stimme ging mir schon immer durch Mark und Bein, hat für mich einfach was ganz Besonderes und wird mich immer direkt ins Herz treffen. Sie muss sich beim Singen nicht einmal Mühe geben, es funktioniert einfach wie selbstverständlich. Als wären mein Herz und ihre Stimme füreinander gemacht.

Vor vielen Jahren entdeckte ich dann Aimee Mann. Auch sie kann es. Es gab Momente, da kamen mir vor lauter Rührung die Tränen – ganz so einfach wie bei Marie Fredriksson war und ist das aber nie. Meine Stimmung muss passen, das Lied muss zu dieser Stimmung passen und Aimee Manns Stimme ist auch nicht immer ein Tränenzieher. Es bedurfte schon immer eines besonderen Momentes, damit Aimee Mann mich so berühren konnte wie Marie Fredriksson. Immerhin: Sie kann es.

Vor allem mit diesem Lied hier. Und vor allem dann, wenn sie es live singt:

Und dann ist da Adele. Die hat mich nie berührt oder erreicht. Ihr Album „19“ kannte ich gar nicht. Als damals „Rolling in the deep“ im Radio in Dauerrotation lief, beachtete ich den Song kaum. „Ganz nett“, dachte ich. „Schon wieder?“, dachte ich beim vierten Durchlauf. Ich hörte den Song aber nicht tot, es kam nicht der Moment, in dem ich dachte, dass es nun wirklich mal reiche. Ganz im Gegenteil. Auf einmal schlug meine Gleichgültigkeit in neugierige Aufmerksamkeit um. Ich drehte den Song, der inzwischen schon Monate im Radio lief und die Charts dominierte, plötzlich lauter. Ein paar Durchgänge später sang ich mit. Dann hörte ich „Someone like you“ und „Set fire to the rain“. Adele hatte mich gepackt, ohne dass ich es gemerkt hatte. Ich hätte mich zu diesem Zeitpunkt nicht als Fan bezeichnet, ich fand ihre Songs einfach nur gut.

Meiner Freundin schenkte ich dann zu Weihnachten den Doppelpack aus Live-CD/DVD und die CD dudelte dann wochenlang jeden Abend vorm Einschlafen im Schlafzimmer. Jeden Abend. Und mir dämmerte, dass diese Frau eine ganz besondere Musik macht. Allein die Live-Version von „Chasing Pavements“ geht so ganz tief rein. Jeder Ton, den sie singt, kommt aus ihrem Herzen. Aus jedem ihrer Worte kommt eine Glaubwürdigkeit, wie man sie bei anderen Sängerinnen wirklich vermisst.

Dann fand ich bei Vimeo auf der Seite des Accounts „iMashup“ ein Mashup von Adeles „Set fire to the rain“ mit John Newmans „Love me again“ – mit dem Titel „Set fire to love me again“. Dieses Mashup lief im Auto bei mir hoch und runter. Es ist klingt anders, es klingt frisch und schneller und zeigt, was Adele neben berührenden Balladen auch kann. Soul, Funk, Rock.

Jetzt ist sie wieder da, Adele. Mit neuem Lied, neuem Album und hoffentlich auch bald mit einer neuen Tournee. Sie ist die einzige Künstlerin auf diesem Planeten, für die ich meine selbstgesteckte Ticketpreis-Grenze von 100 Euro brechen würde.

Sie ist eine Diva, im positivsten Sinne. Sie hat wenig Lust auf Showbusiness, sie geht ihren eigenen Weg. Sie weiß, welche Musik sie machen will, sie weiß, wie sie sie machen will. Ich nehme ihr jedes Wort ab. Und als ich „Hello“ zum zweiten Mal hörte, machte es wieder „Klick“. Wir, die Kinder dieser Generation, dürfen uns glücklich schätzen, eine Künstlerin ihres Formats erleben zu dürfen. Sie ist ein absolutes Ausnahmetalent.

Noch elf Tage, bis das Album erscheint – ich kann es kaum erwarten!

Digitales Downgrade

Freitag, 29. Mai, es war soweit. Ich hatte die Schnauze voll vom asozialen Netzwerk Facebook. Nein, eigentlich ist es nicht das Netzwerk, das ich als asozial erachte. Es sind die Leute, die es so asozial nutzen, dass es asozial erscheint. Vielleicht ist es nur ein Eindruck, der sich seit Wochen und Monaten manifestiert. Ich hatte ja an anderer Stelle in meinem Blog schon einmal darüber geschrieben. Wilde Diffamierungen, Beleidigungen. Menschen laden ungefragt ihren ganzen Frust in verbalen Entgleisungen bei Facebook ab. Oftmals unter ihrem Klarnamen, oftmals ist ihnen vielleicht nicht klar, dass JEDERMANN das lesen kann, was sie in die Kommentare öffentlicher Seiten ergießen. Chefs, andere Vorgesetzte, Familie (Kinder?), Freunde.

Es war also Freitag, der 29. Mai, und ich hatte genug. Ausschlaggebend war ein Posting von Die Welt zu einem Artikel. In diesem geht es um eine Frau, die Wurst- und Fleischwaren mit Nadeln gespickt hat und dafür jetzt verurteilt wurde. Ja, könnte man jetzt sagen, wieso klicke ich bei Die Welt auch auf „Gefällt Mir“, wieso lasse ich mir das anzeigen? Weil – ganz einfach – ich in der digitalen, der onlineredaktionellen Branche arbeite und Die Welt vor ein paar Monaten damit angefangen hat, unglaublich dämliche Beiträge unglaublich lustig zu kommentieren. Das hat bei mir tatsächlich den Ausschlag gegeben, da mal auf „Gefällt Mir“ zu klicken. Endlich gab diesen Menschen mal jemand was zu denken, bot Paroli und schoss zurück, fernab jeglicher Netiquette.

Nun also postete Die Welt einen Link zu besagtem Text. Ich klickte, las und stellte fest: Eine Frau, offenbar psychisch krank, hatte diese Tat begangen. Ich machte den Artikel wieder zu und stolperte automatisch über den ersten Kommentar unter dem Posting. Der da lautete (und der letzte wirklich kleine Tropfen war, der das Fass zum Überlaufen brachte):

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Ja, Gesicht und Nachname sind absichtlich unkenntlich gemacht, auch wenn man beides unter dem entsprechenden Posting schnell finden kann. Ich beteilige mich jedoch nicht am Bloßstellen anderer Menschen. Hier geht es nur um den Kommentar (der inzwischen, und jetzt ist Samstagmorgen, 238 Likes bekommen hat), in dem pauschal über alle Veganer geurteilt wird. Und das, obwohl in besagtem Artikel mit keinem Wort erwähnt wird, dass die Dame, die diese schreckliche Tat begangen und einige Menschen verletzt hat, Veganerin ist.

Aufgeheizt von so vielen unsachlich geführten Diskussionen über die Flüchtlingssituation in Deutschland, angestachelt von Sinnlosfragen in Flohmarktgruppen, die mit einer Schnellsuche bei Google innerhalb von fünf Sekunden selbst beantwortet wären, und genervt von all den unmenschlichen, unchristlichen und verletzenden Worten über Homosexuelle im Zuge der Debatte über die „Homo-Ehe“ (ganz schlimmes Wort übrigens), fasste ich einen Entschluss. Digitales Downgrade auf Facebook. Sofort. Ich überlegte zuerst, meinen Account komplett zu löschen, damit ich all das einfach nicht mehr in meine Welt lassen muss. Da ich diesen Account jedoch beruflich brauche, verwarf ich die Idee schnell wieder. Dann überlegte ich, einen neuen Account anzulegen, um damit dann die beruflich administrierten Seiten weiter zu betreuen. Auch diese Idee erschien mir nicht sinnvoll, denn, das gebe ich unumwunden zu, ich habe auf Facebook Kontakte zu Menschen, die mir mal nah waren, jetzt aber weit weg wohnen, Kontakte zu Menschen, die mir nie nah sein werden, ich aber gerne lese, was sie erleben und so weiter. Das alles aufgeben für ein paar Trolle, die zu jedem Posting ungefragt ihren Kommentar abgeben müssen? Sich einfach nicht mehr anmelden und damit auch die guten Seiten verpassen? Nein, auch das kam nicht in Frage. Es blieb also nur eins: entliken der Seiten, auf denen es besonders schlimm ist. Verlassen der Gruppen, in denen ich es gar nicht mehr aushalten kann. Ich wollte, dass Facebook für mich wieder das wird, was es am Anfang war: eine Plattform, der ich befehle, was sie mir anzeigen soll. Ich hatte hier natürlich die Rechnung ohne die Facebook-Algorithmen gemacht, aber dazu später mehr.

Ein gutes Facebook, ein Facebook, das mir nur noch zeigt, was es Gutes in der Welt gibt, was meine Freunde so machen. Fotos von Picknicks, Grillfeiern und Roxette-Konzerten – so stellte ich mir das vor. Also legte ich los. Und eins vorweg. Ich habe nicht ALLE Seiten entliked.

Ich habe meinen Facebook-Account seit Dezember 2008. Kurz bevor ich mich registrierte, hatte mich der Ehemann der Roxette-Sängerin Marie Fredriksson bei einem Treffen gefragt, ob ich Facebook habe. Ich hatte es nicht. Er schon. Ich wollte in Kontakt bleiben. Also registrierte ich mich. Die Plattform hat sich seitdem unglaublich verändert, das weiß jeder. Nun, fünfeinhalb Jahre nutze ich das Netzwerk inzwischen, und ich war erstaunt, wie viele Daumen nach oben ich vergeben hatte.

Zuerst einmal war es nahezu unmöglich, eine Übersicht der Seiten zu finden, die ich im Laufe dieser Zeit einmal geliked hatte. Ein Freund schickte mir einen Screenshot, nachdem ich ihm mein Dilemma mitteilte. Er schrieb, ich solle die „Info“ in meinem Profil öffnen, da gebe es eine Übersicht. Nein, bei mir gab es da keine. Auch jetzt, heute, finde ich unter Info nur das hier:

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Es musste also eine andere Lösung her. Weil ich keine Lust hatte, mich damit intensiver auseinanderzusetzen, begann ich, über meine Timeline zu scrollen und alle Seiten, deren Beiträge mir dort angezeigt wurden, anzuklicken und dort mein „Like“ zu entfernen. Das ist mühselig. Und vor allem ist es unvollständig. Denn schließlich entscheidet Facebook, was ich dort sehe. Und das sind vor allem immer wieder Beiträge der gleichen Seiten. Viele viele Seiten, die ich irgendwann mal mit einem Daumen hoch beehrt hatte, tauchen dort gar nicht mehr auf, die Beiträge bekam ich schon seit Monaten nicht mehr zu sehen – wie ich später feststellte.

Nachdem ich ein paar Tage meiner Timeline abgegrast hatte, fand ich nichts mehr. Die üblichen Verdächtigen waren weg: Die Welt, ZeitMagazin, Süddeutsche Zeitung Magazin, Rhein-Zeitung – im Grunde erst einmal alle Medienseiten, auf denen ohnehin mehrmals täglich etwas gepostet wird. Doch es ließ mir keine Ruhe: Irgendwo musste es doch eine Übersicht über all meine Likes geben. Ich fand sie. Unter Neuigkeiten-Einstellungen. Ich gebe zu, das war zu einfach. Hier gibt es den Reiter „Seiten“. Und hier gibt es die Möglichkeit, die Seiten alphabetisch zu betrachten oder sie in der Reihenfolge „Meist gesehene Seiten in der letzten…“ anzeigen zu lassen. Endlich! Doch jetzt tat sich das nächste Problem auf. Die Liste war zwar da, nun aber fehlte ein Haken, um das Like zu entfernen. Bedeutete: Jede Seite extra anklicken, neuen Tab öffnen, Like entfernen. Ich tat das. Am Ende 219 Mal.

219 Mal entschied ich mich gestern gegen Seiten, von denen ich gar nicht mehr wusste, wieso ich sie jemals angeklickt hatte. Ich entschied mich gegen Seiten, die irgendwann mal von Freunden angelegt worden waren, aber schon lange nicht mehr gepflegt werden. Und ich entschied mich gegen Seiten, bei denen es mir wirklich schwer fiel, loszulassen.

In die erste Kategorie fielen Seiten mit Titeln wie „Wo ist mein Balkon? Ich muss zu meinem Volk sprechen“ (nein, ich fühle mich nicht so übermäßig größenwahnsinnig), „usedom.de“ (ich war noch nie auf Usedom und plane auch nicht, da bald hinzufahren), „Skoda Auto Deutschland“ (gab es da vielleicht mal ein Gewinnspiel?), „Teekanne“ (trinke ich gar nicht) oder die Seite eines schwedischen Künstlers namens Niklas Henrikczon & Nimphidia (wird irgendwas mit Roxette zu tun haben, aber ich weiß es einfach nicht mehr).

Die zweite Kategorie bereitete durchaus Schmerzen. Ich like gerne Seiten von Freunden, wenn sich dahinter eine gute Idee verbirgt oder wenn sie sich selbstständig machen und Reichweite brauchen. Doch nun war Großputztag und so flogen „Lippeladen“ (die Seite eines Fb-Freundes, der wohl in Lippe arbeitet, nehme ich an), „Homemade“ (die Seite einer lieben Freundin, die sich inzwischen anderweitig selbstständig gemacht hat, weshalb das nicht so arg wehtat) und alpha beta design (ich vermute, das ist eine Seite, die zu einer anderen Seite gehört, aber sicher bin ich nicht) raus. Hasst mich dafür nicht, aber mein Entschluss stand nun mal fest.

Kategorie drei tat weh. Sie tat wirklich weh. Aber es amüsierte und verwunderte mich auch. Ich komme gebürtig aus Gießen. So hatte sich in meiner Zeit auf Facebook einiges an Gießen-Seiten angesammelt. Die Liste ist gar nicht mal so kurz. Derzeit gibt es folgende Gießen-zentrierte Seiten (bzw. das sind die, die ich angeklickt hatte):

Gießen.de (inzwischen offenbar die offizielle Seite der Stadt)
Gießen entdecken
Giessen, Hessen
Gießen – meine Stadt
Mein Gießen

Sorry, aber da blickt doch keiner mehr durch. Steckt dahinter irgendein Marketing-Konzept, das ich nicht verstehe? Wieso darf jeder Hinz und Kunz eine Seite über seine Heimatstadt anlegen? Gibt es für sowas nicht Richtlinien? Reichen nicht eine oder zwei Seiten? Nun – ich hätte gerne eine behalten, aber ich konnte mich nicht entscheiden. Also flogen alle. Diese Löschung fällt tatsächlich in die Kategorie „Amüsant und verwunderlich“. Schmerzhaft wurde es bei den Gießener Zeitungen „Gießener Allgemeine“ und „Gießener Anzeiger“. Da ich kein Zeitungs-Abo habe, so bildete ich mir ein, blieb ich hier wenigstens grob auf dem Laufenden. Bei genauerer Betrachtung wurde mir klar: Zwei Facebook-Postings am Tag halten mich nicht auf dem Laufenden. Die Redaktion entscheidet schließlich, was interessant ist. Was wirklich für mich interessant sein könnte, erfahre ich nicht, und die Quote, dass ich das jemals herausfinde, ist relativ gering. Ich entschloss mich also auch hier für den „Bye-bye“-Klick, schweren Herzens. Ich bin immerhin gelernte Redakteurin, habe lange Zeitung gemacht.

Ich beendete meine öffentliche Sympathiebekundung außerdem auf Seiten, deren Inhalte mich ab und an doch interessieren: die Seite des britischen Schauspielers und Sängers Hugh Laurie, der US-amerikanischen Serie Homeland (dort werden für deutsche Fans ohnehin nur Spoiler gepostet, wir hängen immerhin eine Staffel hinterher), die Seite von Oliver Kalkofe hat mich ebenfalls verloren. Ich mag seine Postings, aber ich will keine Diffamierungen mehr. Seine nicht und die in den Kommentaren noch viel weniger. Ja, auch das Entliken des ZeitMagazins tat weh. Nach einiger Überlegung wurde mir jedoch klar, dass der Verlag diese Plattform nicht nutzt, um tatsächlich ins Gespräch zu kommen. Was das ZeitMagazin seit vielen Wochen auf Facebook postet, ist nicht das, was ich gerne dort lesen würde. Also weg damit.

Ich klickte und klickte und klickte und fand noch einige Karteileichen. Während meiner Zeit als Lokalredakteurin hatte ich blind jegliche Seiten, die sich auch nur annähernd im Gebiet der von mir betreuten Gemeinden befanden, angeklickt. Das Gleiche tat ich später als Sportredakteurin. Hier eine kleine Übersicht:

Boxteam Lahn-Dill e. V.
Emir Ahmatovic – Boxen
Freiwillige Feuerwehr Hüttenberg
Freiwillige Feuerwehr Hüttenberg-Reiskirchen
Freiwillige Feuerwehr Schwalbach
Handels- und Gewerbeverein Hüttenberg e. V.
Hochelheimer Kneipche
Hüttenberg
Jugendfeuerwehren der Gemeinde Hüttenberg
Junge Union Hüttenberg Schöffengrund Waldsolms
Mini-Feuerwehr Hüttenberg
Mädchen- und Burschenschaft „Frisch Auf“ Hüttenberg e. V.
SG Schwalbach 1910

Mein erster Gedanke, als ich diese Seiten sah: der Glaube und die Hoffnung daran, dass die Hüttenberger Feuerwehren im Brandfall nicht erst klären müssen, welche Seite das zuerst auf Facebook posten darf.

Sämtliche Radiosender, die ich jemals angeklickt hatte, um ein bisschen Promotion für Roxette zu machen, sind ebenfalls verschwunden. Eine Auswahl:

WDR2,
HR3,
SWR3,
HR1,
HitRadio FFH,
Antenne Bayern

Nach insgesamt vier Stunden war ich fertig und hatte mich von 219 Seiten getrennt. Was noch übrig ist? Alle offiziellen Seiten, die mit Roxette zu tun haben. Die Seite von Borussia Dortmund. Offizielle und inoffizielle Seiten, bei denen es um Star Trek und Akte X geht (ja, ich bin ein Nerd), Serienjunkies, DWDL, I fucking love science (einfach zu gut), die offizielle Seite der schwedischen Band Kent, zwei Seiten über die Schauspielerin Kate Mulgrew, ein paar Seiten von Freunden, die dort oder daran arbeiten und das regelmäßig und gut, ein paar Seiten über Lokaljournalismus, Patrick Stewart, der, was Social Media angeht, ganz vorne dabei ist, Aimee Mann, Angela McCluskey. Menschen und Themen, die mir am Herzen liegen.

Entspannt lehnte ich mich zurück. Nun würde alles gut. Oder? Die Erleichterung währte kurz. Immerhin hatte Facebook jetzt 219 Optionen weniger, Inhalte in meiner Timeline darzustellen. Was passierte also automatisch? Es dauerte keine Stunde und nun bekam ich Hinweise darauf, welche Beiträge von meinen Freunden wo kommentiert oder geliked wurden. Hier tauchte dann auch wieder Die Welt auf, Seiten über Veganismus, Seiten über alles Mögliche – und die Beiträge kamen so angezeigt daher, dass es so wirkte, als würde mir der Beitrag der Seite angezeigt werden – und eben nicht der Kommentar meines Freundes.

Die ganze Reinigungsaktion ließ mich zwar besser fühlen, mein Facebook ist dadurch aber auch nicht netter, menschlicher, freundlicher geworden. Ich begriff: Die Inhalte sind immer noch da und so lange meine Freunde diese Inhalte noch sehen und kommentieren, werde auch ich sie immer noch sehen und lesen. Es ist nahezu unmöglich, alles zu überscrollen und wegzuklicken. Die Person komplett ausblenden? Muss es das sein, wenn doch hier und da ein wirklich interessanter Beitrag dazwischen ist?

Mein Vorhaben, MEIN Facebook so zu gestalten, dass es mir ein bisschen Nettigkeit und Menschlichkeit bringt, ist leider gescheitert. Es ist auch im digitalen Zeitalter schwierig, vor allem, mit dem man nicht konfrontiert werden möchte, die Augen zu verschließen. Vielleicht hilft am Ende nur, Menschlichkeit entgegenzusetzen. Jedem frustrierten Kommentator da draußen ein paar liebe Worte zu schicken, eine virtuelle Umarmung. Vielleicht ist es das, was hilft. Hätte ich dazu nur die Energie und die Lust und die Gewissheit, dass es hilft.

Hier noch eine Übersicht aller von mir entfernten Seiten:

11freunde

ABZV – Bildungswerk der Zeitungen
adidas NEO Label
Aggressive Datewear
AlnaturA
alpha beta design
Alternate
Angie Harmon
Anja – The Biggest Loser 2013 Team Grau
Antenne Bayern
Aufmerksamkeitserreger
Auslisten – eine Sammlung recht witziger Listen
Autoren – und solche, die es werden möchten

Bastian Sick Live
Blenn Solutions
Bo Hansen
Bernhard – Biggest Loser Team 2013 Team Orange
Boxteam Lahn in Wetzlar e.V.
brand eins
Buzzfeed

Canon Flohmarkt
Catprint Media GmbH
Claire Underwood
Coverium: cover songs
Cover Songs

Daniel Fischer
Darré – Mein Schuhhaus
Das ist schmutzig, falsch und moralisch höchst verwerflich. Bin dabei.
das Wetter nicht
Dein Sky Sport
Denns
Der Die Welt Praktikant
Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union
Die Kriegsreporterin
Die Kur
Die peinlichsten und lustigsten FB Status Einträge und Fotos
Die virale Philo-Tür
Die Welt
Dieter Hallervorden
Dinge, die die Welt nicht braucht
Dinge, die ein Journalist nicht sagt
Dr. Helge Braun
DTT Gruppe – DTT Konzerte GmbH

E-Bock des Jahres
Eat this
Eco-Vegan Gal
Efva Attling Stockholm
Eidihard
Elephant Parade Copenhagen
EMI Music Germany
Emir Ahmatovic – Boxen
etoall.se
Evren Gezer

Facebook
Familienbetriebe Radde GmbH
Fans des gleichgeschaltet-ironischen Journalistenzirkels
Fewo Stockholm
Flohmarkt Gießen
foodwatch
Foto Ruhl, Gießen
Frank Buschmann
Free School Fotografie
Freienrat der Freien Journalisten an Lahn und Dill
Freiwillige Feuerwehr Hüttenberg
Freiwillige Feuerwehr Hüttenberg-Reiskirchen
Freiwillige Feuerwehr Schwalbach

Gaby Köster
George Takei
Germanwings
Geschichten vom Bürgersteig
Gießen.de
Gießen entdecken
Giessen, Hessen
Gießen – meine Stadt
Gießen: Verkaufen, Verschenken, Suchen, Tauschen
Gießener Allgemeine Zeitung
Gießener Anzeiger

HAARvanna by daniela
Hagen Rether
Hamburg – meine Stadt
Handels- und Gewerbeverein Hüttenberg HGVH
harmony.fm
Hartplatzhelden
Helena Josefsson
Hermann Toelcke
Hessisch – Sprache der Götter
HitRadio FFH
HNA
Hochelheimer Kneipche
Homeland
Homemade
House of Cards
HOUSE MD fan site
hr3
hr-online
HSG Wetzlar Fan-Club Grün-Weiss
Hugh Laurie
Hugh Laurie Blues
Hundefreunde Mittelhessen e.V.
Hüttenberg

I en underbar Roxetteballong – Marie Sörgjerd
I stepped on a corn flake, now I’m a cereal killer
iMashup
Ist das Kunst oder kann das weg?

Junk: A Rock Opera
journalismus.com
Jugenddrehscheibe
Jugendfeuerwehren der Gemeinde Hüttenberg
Junge Union Hüttenberg-Schöffengrund Waldsolms
JLU Gießen

Kachelmannwetter
Konditori Regnbågen
Kinopolis Gießen

Lebensmittellügen
Leifs Lounge Official Site
Lippeladen
Lisa Edelstein
Live Nation UK
Lätta

Malcomess – IHR Restaurant am Kornmarkt
Malin Ekstrand Fanpage
Maria Furtwängler
Maria Höfl-Riesch
Maskottchen Emma
Max Pett – das vergane Restaurant
Martina Hill
Mein Gießen
Mein veganer Traum
Mini-Feuerwehr Hüttenberg
Misfits
Mädchen- und Burschenschaft „Frisch Auf“ Hüttenberg e.V.
Möbelschnäppchen und mehr

NEON Unnütze Videos
Nachrichten-Netzwerk
Nancy’s Kitchen
Nein, Stil ist nicht das Ende des Besens
netzolutions ohg
nichts
Nidda – Bad Salzhausen
Night of the Proms
Niklas Henrikczon & Nimphidia
Noomi Rapace
Nutella

Oberhessische Presse
Obermutten GR Gemeindeverwaltung
Obstkiste
Ohrwurm des Tages
Oktober Promotion & Management
Oliver Kalkofe
Onkelsprech
Ökokiste Bosshammersch Hof
Öko-Test Verlag GmbH

Papalala Festival
Payback
Pizzeria Eisdiele Pircher
Proxtube
Publikative.org
Puma Football

Rach – getestet von Christian Rach
Renate Künast
Ritter & Reitzner – Praxis für Zahnheilkunde
Rizzoli & Isles
Rosbacher
Rote Rosen
Rote Rosen Fanclub
Rote Rosen und Nur Rote Rosen
Runner Project
Runners Point

Sabine Schneider FFH
Schneegida
Schwedische Rezepte
Schülervertretung der GS Schwingbach
SG Schwalbach 1910
Shinji KagawaNi
Skoda Auto Deutschland
Sojola
Spiegel Offline
Spleen24
Sport1 – Doppelpass
Sportschau
Stefanie Graf
Straßenfotografie / Urbane Fotografie
Streetart in Germany
Streetart retards
Süddeutsche Zeitung Magazin
Sue Sylvester (Glee)
Suikerrock
SWR3

Tatort Stadion
Tchibo
Teekanne
The Biggest Loser – Sat.1
The Nerdist
The Rival Hotel
The secret to humor is surprise
They’re, their & there have 3 distinct meanings. Learn them.
THW Gießen
Tierschutzverein Gießen
Tot aber lustig
transfermarkt.de

UEFA Women’s Euro
Universitätsstadt Gießen
Unnützes Wissen
usedom.de

VDL Infotag Facebook für das Lokale
VEBU – Vegetarierbund Deutschland
Vegan Essen Rezepteaustausch
Vegan Kochen mit Jerome Eckmeier
Vegetarisch und Vegan abnehmen

WDR2
Wetzlar – Stadt der Begegnungen
Who sampled
Wir essen jetzt Opa – Satzzeichen retten Leben
Wo ist mein Balkon? Ich muss zu meinem Volk sprechen

Y-Titty
You are your own gym

Zeiglers wunderbare Welt des Fußballs
ZeitMagazin

Am Ende die Stirn

Noch auf dem Weg nach Hause war jedes Wort glasklar. Der halbe Beitrag stand in meinem Kopf schon. Ich wusste, dass ich es aufschreiben muss. Dann habe ich angefangen, die Gedanken auszusprechen und die Worte flatterten wie eine wild gewordene Horde Vögel, die nach einem Schuss aufgeschreckt ihre Halbschlafposition im Geäst verlässt, um meinen Kopf. Vielleicht gibt es gar nichts zu sagen. Vielleicht ist jedes Wort zu viel. Vielleicht ist Schweigen die Antwort. Vielleicht auch nicht.

Du warst nicht der, von dem wir das erwartet hätten. Du warst der, von dem ich heute Morgen noch gesagt habe, dass ich mir eine Hand dafür abhacken würde, dass ich unter Eid aussagen und schwören würde, dass Du so etwas niemals tun würdest. Weil Du so ein zuverlässiger, verbindlicher Mensch warst. Du bist nicht einfach mal so nicht aufgetaucht, hast andere nicht warten lassen. Dass etwas nicht stimmt, das war mir schnell klar. Zu schnell. Ich hatte ein verdammt schlechtes Gefühl, als ich erfuhr, dass sie nach Dir suchen. Ich wusste, etwas ist passiert. Ich hatte auf einen Unfall gehofft, für ein Missverständnis gebetet und im schlimmsten Fall darüber nachgedacht, dass vielleicht einfach nur Dein Herz nicht mehr wollte. Und selbst das sollte niemanden treffen, der noch nicht mal 30 ist. Niemals wollte ich dem Gedanken einen Zentimeter Raum geben, dass Du selbst entschieden hast, dass Dir das hier alles zu viel ist, dass Du nicht mehr kannst, Dir die Kraft fehlt, Dir keiner helfen kann.

Die Nachricht bekam ich, als ich an der Anmeldung beim Hautarzt stand. Gänsehaut, minutenlang Gänsehaut. Sprachlosigkeit. Dabei waren wir nicht mal eng befreundet, kannten uns nicht gut, aber auch nicht flüchtig. Du warst so ein herzensguter Kerl, ein so feiner Mensch. Lustig, aufgeschlossen, jemand, den man gerne um sich hat, weil er immer mit einem Lächeln auf den Lippen in den Raum kommt. Du warst nie der, der sein Umfeld immer wieder mit Andeutungen und Drohungen in Angst und Schrecken versetzt. Du warst nie der, dem man mit sorgenvollem Blick hinterhergeschaut hat, wenn er den Raum verlassen hat. Du warst nie der, der seinem Umfeld immer wieder ankündigt, dass er seinem Leben ein Ende setzen würde. Du warst der, der es einfach gemacht hat.

Und Du hast heute ein Loch in unsere Mitte gerissen. Du hast so viele Fragen zurückgelassen, auf die wir niemals eine Antwort bekommen werden. Fragen, die Dir vielleicht seit Wochen im Kopf umhergeschwirrt sind. Fragen, die direkt hinter Deiner Stirn abgeprallt sind. Vielleicht nur einen Zentimeter von der Außenseite entfernt. Die Außenseite der Stirn, an der für uns von der anderen Seite Schluss war. Die Stirn, hinter die wir nicht blicken konnten. Die uns jetzt nur noch einen Spiegel vorhält und uns ein paar Erkenntnisse, viele seltsame Gefühle und eine unglaubliche Leere geschickt hat.

Feiert das Leben, dachte ich heute. Feiert jeden Augenblick, der schön ist. Haltet ihn fest. Es kann so schnell vorbei sein. Dann dachte ich mal 30 Minuten nicht an Dich. Als Du mir wieder einfielst, dachte ich, dass Du jetzt wirklich weg bist, so endgültig, unwiderruflich, für immer. Nie wieder ein „woll“, nie wieder leidenschaftliche BVB-Tweets, nie wieder Deine Leichtigkeit an einem dunklen Tag im Büro. Und dann, zwei Stunden wusste ich schon, was passiert war, da musste ich diese grausame Wahrheit zum ersten Mal laut aussprechen. Ich konnte es kaum. Fast 15 Sekunden habe ich kein Wort über die Lippen gebracht. Als würde es erst dadurch wahr werden, weil ich es gesagt habe. Jedes Wort ein stechender Schmerz. Am Ende des Satzes dann nur noch Wahrheit und Trauer. Am Ende bleibt mein letztes Bild von Dir. Wie Du, vor zwei Wochen, gedankenverloren am PC saßt und Deinen Dienst verrichtet hast.

Danke, dass ich Dich kennenlernen durfte.

Wie Klaus Peter Möller Wahlkampf machte..

Klaus Peter Möller – der Gießener Kandidat der CDU für den Hessischen Landtag. Klaus Peter Möller – einer derer, die am Mittwochabend mit Kanzlerin Angela Merkel bei ihrer zentralen Wahlkampfveranstaltung in Mittelhessen auf dem Gießener Schiffenberg aufgetreten sind. Neben Klaus Peter Möller waren auch Dr. Helge Braun, Ministerpräsident Volker Bouffier und der ehemalige Verteidigungsminister Franz Josef Jung dabei.

Mit dabei waren auch etliche Journalisten und sehr viele Fotografen mit sehr vielen Kameras – darunter Thorsten Ohlwein, der für Helge Braun dort akkreditiert war und Fotos gemacht hat. Unbedarft und vielleicht ein wenig naiv hat er seine Fotos noch am Abend auf die Facebook-Seite von Helge Braun gestellt. Fotos, auf denen Klaus Peter Möller zu sehen war, hat er auf seiner eigenen Fotoseite geteilt – und auf dem privaten Profil von Peter Möller. Darunter auch dieses Foto hier:
Klaus Peter Möller auf dem Schiffenberg

Stunden später taucht das Foto wie von Geisterhand auf der offiziellen Facebook-Seite von Klaus Peter Möller auf. Es ist, als hätte Thorsten Ohlwein das Foto gar nicht selbst geschossen.  In einem eigenen Beitrag von Klaus Peter Möller auf seiner Seite ist das Bild plötzlich erneut online. Ohne Quellenangabe, ohne jeglichen Hinweis auf den Fotografen – und mit schlecht wegretuschiertem Wasserzeichen:

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Als der Fotograf das Bild und den Beitrag entdeckt, überlegt er kurz, ob es vielleicht Zufall sein kann? Ob es wirklich die Möglichkeit geben kann, dass ein anderer Fotograf genau in diesem Moment auf den Auflöser gedrückt hat, als Klaus Peter Möller schief grinsend ins Mikrofon gesprochen hat. Nein, das kann nicht sein. Dann entdeckt er einen seltsam blauen Fleck zwischen Moderator und Politiker – das wegretuschierte Wasserzeichen. Ohlwein ärgert sich jetzt, dass er keinen Screenshot von seinem Beitrag gemacht hat. Denn nun ist er sich gar nicht mehr sicher, ob er sein Bild tatsächlich geteilt hat oder es wirklich aus seinem Fotoalbum „gemopst“ wurde. Etwas nervös sucht er die Quelle des Übels. Und stellt sich die Frage: Ist ein wegretuschiertes Wasserzeichen Beweis genug für einen Bilderklau? Die Antwort darauf kann nur JA lauten. Und dass Ohlwein mit einer Urheberrechtsklage Erfolg hätte, steht vielleicht außer Frage.

Am späten Donnerstagabend (21:58 Uhr) ist das Bild übrigens noch auf Klaus Peter Möllers Seite zu finden. Und das eigentlich Schlimme daran ist, dass auf Thorsten Ohlweins Hinweis, dass das sein Bild sei, überhaupt nicht reagiert wird bzw. wurde.moellershot
UPDATE, 22:24 Uhr: Kurz nachdem Klaus Peter Möller auf seiner Twitterseite einen Tweet abgesetzt hat und offenbar von meinem Tweet gelockt wurde, ist das Bild von der Facebook-Seite verschwunden. Das ging schnell – macht die Sache aber nicht besser.

UPDATE, 22:33 Uhr: Auf der privaten Seite von Klaus Peter Möller gibt es das Original sogar noch. 1173710_712587948756920_2127386090_n

UPDATE, 6. September:

Klaus Peter Möller hat sich auf Facebook für den Fehler direkt bei Thorsten Ohlwein entschuldigt und diesen bedauert. Das ist das Mindeste und nett!

So ein Fall wirft dennoch mal wieder die Frage auf, wie im Internet – sogar von Parteien und deren Wahlkämpfern und Politikern – mit Urheberrechten umgegangen wird. Kann ein Wasserzeichen wirklich einfach so und aus Versehen „entfallen“? Die Entfernung eines Wasserzeichens ist eine bewusste Handlung und der Gedanke daran, dass das jemand macht, der sich dabei keiner Schuld bewusst ist, lässt einen schaudern. Viele viele Fotografen, die diesen Job hauptberuflich machen, leben von ihren Bildern, verbringen sehr viel Zeit damit, sie zu entwickeln und machen dann sehr häufig die Erfahrung, dass ihre Bilder beschnitten, aufgehellt, anderweitig bearbeitet und ohne Nennung der Quelle auf irgendwelchen Webseiten oder in sozialen Netzwerken auftauchen. Das ist nicht nur ärgerlich, sondern geschäftsschädigend.

Der richtige Weg wäre in diesem Fall hier – egal, ob das Bild inzwischen entfernt wurde oder nicht, denn es gibt Screenshots, die den Verstoß beweisen – eine Rechnung zu schreiben, und zwar eine saftige. Dass das Internet gerade in rechtlicher Hinsicht #Neuland für Frau Merkel und die Parteien ist, mag ja sein, aber zum Urheberrecht gibt es klare Gesetze und Regeln und das nicht erst seit gestern. Ein Landtags-Kandidat der CDU sollte das ebenso wissen wie seine Wahlkampfhelfer.

Frau Aigner und die Heumilch

Ich möchte über Frau Aigner sprechen. Genau, die von der CSU. Die, die Kraft ihres Amtes Verbraucher schützt und konträr dazu auch für die Landwirtschaft zuständig ist. Die mit dem bayerischen Akzent, die Ilse Aigner. Ich weiß, ich bin spät dran damit, aber diese Ungeheuerlichkeit musste ich erst einmal sacken lassen. Weil ich so unfassbar sprachlos war.

Fast unbemerkt von der Öffentlichkeit erscheint die Dame in der Talkshow von Markus Lanz und redet unglaublichen Blödsinn.  Und das passiert schon am 17. Juli. Das ist zu diesem Zeitpunkt immerhin fast drei Wochen her. Es dauert einige Zeit, bis sich etwas tut im Internet.  Auch auf der Facebook-Seite „Raus aus dem Amt, Ilse Aigner“ tut sich erst dann was, als in der Der Zeit ein Ausschnitt von ihrem Auftritt bei Lanz mit dem Titel „Geaignete Milch“ erscheint. Oliver Schulz postete das kleine Stückchen Text öffentlich in seinem Profil.

Hier erst einmal die Lanz-Sendung auf YouTube:

Knapp 4700 Mal wurde der Beitrag inzwischen geteilt, etliche tausend Mal kommentiert und wahrscheinlich etliche hunderttausend Mal fassungslos gelesen.  Da sagt Frau Aigner allen Ernstes, dass Kühe, die Heu fressen, laktosefreie Milch geben. Das ist nicht der eigentliche Skandal. Unwissenheit darf passieren. Unwissenheit darf aber nicht einer Verbraucherschutzministerin passieren. Es darf nicht derjenigen passieren, die dafür zuständig ist, dass die Verbraucher (auch von laktosefreier Milch!) in diesem Lande sich sicher und gut betreut fühlen.

Na klar, wenn ich oben schreibe, dass sich Verbraucherschutz- und Landwirtschaftsministerium widersprechen, dann heißt das: Frau Aigner lebt zwischen Volk und Lobbygruppen. Dieses Ministerium ist vielleicht das anspruchsvollste, denn gerecht werden kann sie keinem der beiden, den Verbrauchern nicht und den Landwirten nicht – und erst recht nicht dem vielen Vieh.

Der zweite Skandal ist, dass dieser Fauxpas erst nach fast ZWEI Wochen den Weg in eine halböffentliche Öffentlichkeit findet. Ja – ihr Beitrag wird im Netz rege diskutiert. Sie ist einem beachtlichen Shitstorm ausgesetzt und doch ist ein Großteil der Verbraucher in diesem Land ausgeschlossen von der Diskussion. Die, die nicht im Internet leben, die, die ihre Informationen immer noch aus Zeitung, seriösen Nachrichten oder aus dem Radio bekommen. All die, die die Dame vielleicht gewählt habe und ihr damit ihr Vertrauen geschenkt haben. All jene wissen gar nicht, dass da an vorderster Front eine Dame für den Verbraucherschutz kämpft, die von den Inhalten ihres Amtes nicht auch nur den Hauch einer Ahnung hat.

In den Presseagenturen dieses Landes ist Frau Aigner nicht einmal erwähnt worden. Und das ist der dritte Skandal: Ein hochrangiger Minister in diesem Land darf es sich offenbar erlauben, in aller nächtlichen Lanz-Fernsehöffentlichkeit Blödsinn zu plaudern und muss keinerlei Folgen fürchten. Frau Aigner hat sich disqualifiziert mit ihrer Aussage und niemand merkt es und sie darf weitermachen. Es sind schon Bundesminister für weniger zurückgetreten worden. Und dies spricht eine deutliche Sprache: Der Verbraucherschutz interessiert in Deutschland noch viel zu wenige Menschen. Dabei betrifft er uns alle. Und die nächste Frage stellt sich automatisch: Wo sind eigentlich die ganzen neuen Gesetzesinitiativen, Reformen, neuen Etikettierungen, die Frau Aigner beim Pferdefleisch-Skandal so groß angekündigt hat?

Ich für meinen Teil bin entsetzt, dass jemand, der so wenig Ahnung hat, so viel im Bereich Verbraucherschutz entscheiden kann und darf. Und dass ihr niemand Einhalt gebietet. Ich fühle mich schlecht vertreten und habe beim Einkaufen jetzt ein noch schlechteres Gefühl als vorher.