Lanzarote – mehr als nur schwarz und rot

Die einzige Erinnerung an Lanzarote waren Erzählungen meines Patenonkels und seiner Familie. Rot sei die Insel, schwarz sei sie auch, und irgendwie tot. Aber interessant. Als Kind fand ich das sterbenslangweilig. Was will man auf einer Insel, die tot ist? Was macht man da? Ich konnte mir das nicht vorstellen. Jetzt habe ich meine erste eigene Reise dorthin unternommen und wurde sehr positiv überrascht. Aber erst mal zum ein bisschen Negativen:

Wir hatten relativ spät gebucht – erst im Spätsommer und doch noch eine relativ günstige Unterkunft im Bungalow-Hotel Corbeta in Playa Blanca im Süden der Insel bekommen. Empfehlenswert ist das Hotel nicht unbedingt, aber wer beim Preis Abstriche machen muss, muss damit rechnen, dass das Essen englisch und wenig vielseitig ist. Die Zimmer waren aber sauber, das Bad relativ neu und einen Fernseher gab es auch. Also bis auf das Essen nichts zu bemängeln. Das Essen hatte es allerdings in sich: Es gab genau eine Sorte Käse zum Frühstück, was für Vegetarier wirklich arm ist. Die Marmelade schmeckte, als hätte man Früchte durch Zucker gezogen und sie dann noch in Süßstoff getränkt. Und natürlich gab es – wie in jedem Land der Welt außer Deutschland – nur Weißbrot. Die hintere Buffetreihe war dann unseren englischen Freunden gewidmet: Bohnen, Ei in allen Varianten, Würstchen und Pommes Frites. Ja, zum Frühstück auch! So war das Frühstück wenig vielfältig. Auch die Säfte waren leider ungenießbar, vermutlich war das ein schlecht gemischtes Konzentrat, das ebenfalls schmeckte, als hätte man Früchte in Süßstoff eingelegt. Wie Saft schmeckte es jedenfalls nicht. Das Abendessen – ebenso wenig war es vielfältig und dazu noch schlecht beschildert. Über dem Bottich mit dem Fleisch stand einfach ein Schild mit einem Schwein drauf. So wusste der geneigte Gast zwar, dass das Schwein ist, aber weder, welcher Teil davon, oder welche Soße es war. Eines Abends habe ich das besagte Schild mal fotografiert. Es gab Truthahn!

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Ein Unding! Auch andere Dinge waren nicht ausgezeichnet. So blieb unklar, was die rote Pampe in der großen Glaskanne war, und welches Tier für den Nudelsalat in dem mittleren Salatbottich sterben musste. Für mich hieß es daher: Finger weg! Auch beim Fisch stand lediglich „Fisch“ und nicht, um welchen Fisch es sich handelt. Es mag ja sein, dass das manchen egal ist. Aber vielen eben auch nicht. Und für mich gehört es zum guten Ton eines Hotels, dass der Gast weiß, was er isst. Ein weiteres Ärgernis war für mich, dass man, egal von welchem Stapel ich nahm, ich immer einen nassen – vermutlich gerade aus der Spülmaschine geholten – Teller in der Hand hatte. Sowas geht einfach nicht. Auch nicht in einem Drei-Sterne-Hotel.

Kommen wir zum angenehmen Teil – der Insel. Wir hatten zum Glück einen Mietwagen und konnten uns alles sehr entspannt und flexibel ansehen. Ich bin ja kein Bustyp und Tagestouren im Reisebus mit anderen Urlaubern konnte ich mir daher nicht vorstellen und wollte ihnen aber auch nicht zumuten, mich in eine Kotztüte übergeben zu sehen. Die einzige Busfahrt, die ich machen musste, war am zweiten Tag. Mit dem Auto ging es bis zum Timanfaya Nationalpark. Dort angekommen, geht es mit einem Bus durch die Vulkanlandschaft. Da dies ein geschütztes Gebiet ist, sollen Urlauber nicht selbst rumfahren, auch nicht rumlaufen und natürlich auch nicht ihren Müll dort hinterlassen. Wir wurden also knapp 30 Minuten von einem lebensmüden Busfahrer durch die engen Gassen des Berges geschleudert. Das sah ungefähr so aus:

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Hinterher las ich, dass viele früheren Bauern heute Busfahrer sind. Hätte ich das vorher gewusst… naja. Auf jeden Fall kam mir der Weg ein paar Mal schmaler vor als der Bus und ich wagte kaum den Blick in den Abgrund. Über so etwas darf man wohl einfach nicht nachdenken.

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Die Landschaft ist jedenfalls beeindruckend. Hier rot, da schwarz, hier wirklich grobes Lavagestein, dort auf einmal feinster Sand. Man kann und will sich gar nicht vorstellen, dass hier mal Menschen gelebt haben, die, als die Lava kam, nur noch eines konnten: so schnell wie möglich weglaufen! Diese Tour auf den Berg war für mich sehr beeindruckend und sicherlich mein Highlight, obwohl es außer ein paar Steinen und engen Straßen ja eigentlich nichts zu sehen gab.

Am ersten Urlaubstag hatte es uns in die Jameos del Agua verschlagen – eine Höhle mit Wassereinlass, grandiose Wasserspiegelungen und wunderbar gestaltet vom Inseldesigner Cesar Manrique. Leider fehlte mir das richtige Objektiv, um die Realität auch nur halbwegs so einzufangen, wie wir sie gesehen haben. Das hier ist nur eine kleine Momentaufnahme, die nur minimal zeigt, wie die Wasserspiegelung in dieser Höhle wirkt. In dem Wasser leben übrigens Albino-Krebse, die sich erst wieder vermehren, seit die Menschen aufgehört haben, Münzen in das Wasser zu werfen. Die Korrosion der Münzen hatte nämlich zu ihrem Ableben geführt.

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Auch empfehlenswert ist ein Gang über den Markt in Marina Rubicon. Hier warten viele Künstler, Handwerker und Händler mit ihrer Kunst, ihrem Handwerk und ihrer Handelsware – sehr schöne Sachen, sehr ideenreiche Werke aus Holz, Lavagestein und Leder gibt es hier anzusehen und zu kaufen. Das ist eine Fahrt oder einen Spaziergang wert. Der Markt ist übrigens immer mittwochs und samstags. Unbedingt machen!

Die Cuevas de los verdes haben wir uns ebenfalls angesehen. Das ist eine wirklich sehr große Höhle, die sich bis zu den Jameos del Agua erstreckt. Ein Führer leitet die Gruppe in die unterirdischen Gänge und erklärt, wie diese Höhle gefunden, angelegt und für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde. Auch hier war für mich wieder überraschend, wie gut die Architekten die Natur in die Sehenswürdigkeiten integrieren, oder anders, die Sehenswürdigkeit in die Natur integrieren. Nur das Nötigste wurde hier gemacht. Ein paar Geländer zum Festhalten und indirekte Beleuchtung, die kaum auffällt – das war es. Das ist bei allen Sehenswürdigkeiten so und macht die Insel noch sympathischer. Es wurde das genommen, was da war, was die Natur bot, und damit wurde gearbeitet. Mehr nicht. Ein großartiges Konzept, von dem sich andere Länder durchaus eine Scheibe abschneiden könnten. So wirkt alles viel ursprünglicher.

Einen Besuch wert ist auch der Kaktusgarten. Für mich wirkte er wie eine Oase. Kakteen haben auf mich ohnehin immer eine beruhigende Wirkung gehabt. Sie stehen stoisch in der Gegend und regen sich selbst im Wind kaum. Irgendwie faszinierende Gewächse. Wer sie mag, sollte sich diesen Garten ansehen und im integrierten Café unbedingt ein Stück Kuchen essen, das lohnt sich! Urlaub98

Hinter Haria liegt übrigens eine kleine Kapelle. Man muss rechts abbiegen, an dem Schild, wo „Los Nieves“ draufsteht. Wer keine übermäßige Höhenangst hat, sollte dann sein Auto auf dem Schotterparkplatz abstellen und die Aussicht genießen. Unfassbar! Was man nicht tun sollte: hinterher links abbiegen und den Feldweg nehmen. Die Stoßdämpfer des Mietwagens werden es danken. Das war eine abenteuerliche Abfahrt!

Auch schön: Farmara. Ein ganz wilder Strand. Hier toben die Windsurfer, die Kitesurfer und verrückte Schwimmer. Hohe Wellen beeindrucken die Spaziergänger. Und im Hintergrund ragt ein erdrückender Felsen aus dem Boden, der das einzigartige Panorama perfekt macht.

Zu guter Letzt: mehr als eine Woche einplanen. Wir waren sieben Tage dort und haben gerade so eben die wichtigsten Sehenswürdigkeiten geschafft. Drei Strandtage haben uns am Ende definitiv noch gefehlt.

Was man nicht braucht: eine Fahrt nach Arrecife. Wer keinen Stadtplan hat, sollte definitiv nicht in die Stadt fahren. Es gibt kaum Schilder, man sieht irgendwann nur noch weiß (die Häuser) und die Straßen werden immer enger oder führen ins Nichts (keine Seltenheit in spanischen Gebieten). Wir hatten kurz etwas Herzklopfen, haben aber mit unserem Orientierungssinn doch noch den Weg nach draußen gefunden.

Wer einsame Strände zum Baden sucht, sollte in den Norden fahren, Richtung Orzola, und dort sanft nach rechts schauen. Es gibt dort wunderbare Buchten, Wasser so blau wie in der Karibik, Sand so weich und hell wie in Griechenland, es ist einfach traumhaft. Die letzten Kilometer nach Orzola kann man sich dann ohnehin sparen, die Stadt ist nicht schön und bietet nichts.

Und wer auf dem Heimweg in den Süden nach Essbarem sucht, sollte auf jeden Fall das „Tres Noches“ in Punta Mujeres meiden, wenn er nur auf der Suche nach einem Snack, spanisch: Tapas, ist. Der Kellner reagierte doch recht gereizt, als wir nur Pan con Tomate bestellten, Brot mit Tomate, obwohl es so in der Karte stand. Er machte es uns, aber erst, nachdem er uns darauf hingewiesen hatte, dass wir das auch im Supermarkt bekommen.

Unser ultimativer Geheimtipp ist und bleibt wohl das La Esquina in Playa Blanca, eine kleine Eckkneipe, die wunderbare Tapas zu sowas von günstigen Preisen anbietet. Ich hatte hier die besten Gambas al ajillo meines Lebens. Urlaub1

Zum Abschluss bleibt nur: Ich komme wieder. Auch wenn der Flug vier elendig lange Stunden dauert, der Transfer zum Hotel nur mit dem Bus geht, Engländer sich morgens vor dem Frühstück Liegen reservieren und das Essen im Hotel eher verzichtbar ist. Denn all die anderen Dinge – oben aufgezählt – machen eine Rückkehr unumgänglich. Das geht auch wunderbar im November – wir hatten genau einen Regentag, den Ankunftstag, und wurden von der Reiseleiterin treffend mit den Worten begrüßt: „Herzlich Willkommen an der Nordsee!“. Von der war aber schon am nächsten Tag nichts mehr zu sehen.

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Hemma igen!

Wir sind wieder zuhause! Ausführlicher Bericht folgt diese Woche, sofern ich Zeit dazu finde. Erst einmal nur zwei Bilder. Eins vom ersten Tag des Urlaubs am Strand, das zweite von der Rückfahrt – genauer gesagt auf der Fähre. War etwas windig und das Bild ist etwas unscharf – aber irgendwie lustig.

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Aerosol Grey Machine

Meine Neugier ist ja unersättlich und mich interessiert schon lange, wo genau auf dem „schwedischen Land“ das Aerosol Grey Machine Studio von Christoffer Lundquist liegt. Ich erinnerte mich an Videos und Fotos, auf denen man sowohl Innen- als auch Außenansichten zu Gesicht bekam. Und da ich dieses Jahr meinen Urlaub gar nicht so weit weg von diesem Studio verbringe, dachte ich, ein Halbtagesausflug wäre angemessen, um endlich herauszufinden, wo dieses Studio ist, in dem Per Gessle inzwischen so viele Alben und immerhin auch zwei Roxette-Lieder aufgenommen hat. Oder war es nur eins? Nun ja, Marie Fredriksson war auf jeden Fall auch schon dort.

Als ich endlich in der Gegend bin, finde ich die Straße nicht. Ich habe immer noch keine Ahnung, wieso man in Schweden zwei Zahlen voneinander mit Doppelpunkt abtrennt und hinter den Ort schreibt, beispielsweise: Halmstad, 45:14. Ist mir ein Rätsel. Und da ich dieses nicht lösen kann, sitze ich nach etwa 30 Minuten erfolgloser Suche erst einmal im Auto vor einem Supermarkt, finde glücklicherweise ein ungesichertes W-Lan-Netz und google noch einmal nach diesem Studio. Ich finde eine andere Adresse, die sich für mich wesentlich schlüssiger anhört und fahre noch einmal los. In dieser Straße war ich sogar eine Stunde vorher schon einmal gewesen, bin aber umgedreht, weil es eigentlich nur ein Schotterweg ist, von dem sich ab und an weitere Schotterwege gabeln, ohne dabei auch nur den geringsten Hinweis auf Hausnummern oder Hausbewohner zu geben. Witzigerweise war ich die Straße sogar einmal durchgefahren, ohne abzubiegen und hatte an einer Kreuzung auch die etwa sechs Briefkästen gesehen, die zu Häusern in der umliegenden Gegend gehören mussten. Aber richtig draufgeschaut hatte ich anscheinend nicht.

Denn als ich jetzt, das zweite Mal, da bin, parke ich mein Auto, steige aus und schaue auf die Kästen: Lundquist, na super. Ich bin also richtig. Ich stehe aber an einer Kreuzung und kann keine Häuser sehen, muss mich also für eine Richtung entscheiden. Spontan biege ich rechts ab und laufe und laufe und laufe. Es ist ein unglaublich schmaler Schotterweg und alle 100-150 Meter tauchen links oder rechts ein paar Grundstücke auf. Menschen sehe ich allerdings keine. Ein Ende der Straße ist auch nicht abzusehen. Ich bin froh, dass ich mir vorher das Studio bzw. das Gelände noch einmal auf einem Foto angesehen habe und weiß, wonach ich suchen muss. Die ersten Häuser scheiden allesamt aus. Nach etwa einem Kilometer enden links die Grundstücke, stattdessen weidet dort eine Kuhherde, etwa einen Meter höher gelegen als der Weg, auf dem ich laufe. Die Kühe könnten mir also auf den Kopf spucken. Aber sie muhen nur, was sehr bedrohlich klingt. Sie schauen mich an und muhen. Es ist, als würde ein Wachhund Alarm schlagen. Ich finde das etwas befremdlich. Rechts neben dem Weg ist nur Gestrüpp und Bäume, gesäumt von einer kleinen Steinmauer. Plötzlich lichtet sich rechts der Weg und ich bekomme Blick auf ein weiteres Grundstück – das ist es. Das Aerosol Grey Machine Studio. Es ist tatsächlich JWD – janz weit draußen. Ich hatte nicht mehr damit gerechnet, dass ich in dieser „Straße“ fündig werden würde. Aber das muss es sein, ich bin sehr sicher.

Ich will gar nicht weitergehen, denn der Schotterweg führt genau bis zu diesem Hof und endet dort. Wenn ich jetzt also geradeaus weitergehe, ist offensichtlich, wo ich hin will. So bin ich aber jetzt noch knapp 100 Meter vom Gelände entfernt und befinde, dass es reicht und ich nicht weiterlaufen muss. Tue ich dann auch nicht und beschließe, dass es jetzt Zeit ist, meine Blase zu leeren. Da niemand weit und breit zu sehen ist, hocke ich mich auf den Weg – mit Blick auf das AGM – und verrichte mein Geschäft. Kaum hocke ich, fährt vom Gelände ein blaues Auto los. Es wird noch etwa 15 Sekunden dauern, bis das Auto bei mir ist und ich weiß nicht so recht, was ich tun soll. Fertig pinkeln ist nicht drin, das schaffe ich nicht. Ins Gebüsch springen geht auch nicht, da es schlicht und einfach nicht die Möglichkeit dazu gibt. Zudem habe ich auf diesem Weg ja nichts verloren. Ich muss mir jetzt also überlegen, wofür ich mich entscheide. Weiterpinkeln und blamieren oder Hose hochziehen und den Rest in eben diese laufen lassen. Es wird zweitere Variante. Ich stehe schnell auf, ziehe die Hose hoch, verspüre ein unangenehmes warmes und nasses Gefühl, verziehe das Gesicht, drehe um und laufe den Schotterweg in Richtung meines Autos zurück, bis das blaue Auto an mir vorbei ist. Mein Herz klopft. Ich sehe von hinten Christoffers Kopf und Haare und ärgere mich. Hätte der nicht 15 Minuten später wegfahren können? Ich habe aus irgendeinem Grund Angst, sie könnten umdrehen und mich fragen, was ich hier zu suchen habe und beschließe, wieder umzudrehen und Richtung Gelände zu laufen. Ich hatte nämlich abseits des Schotterwegs, kurz vor der Kurve zum Studio einen kleinen Trampelpfad – gesäumt von vielen Bäumen – entdeckt und beschließe, dort erst einmal zu bleiben. Das mache ich dann auch, hocke mich dort noch einmal hin und entleere den Rest meiner eigentlich inzwischen leeren Blase. Wer schon einmal versucht hat, seinen Urin wieder einzuhalten, nachdem er bereits ein paar Sekunden gestrullert hat, wird wissen, dass es schlicht und ergreifend nicht geht – mag bei Männern anders sein. Aber wenn man wirklich dringend pinkeln muss und damit bereits begonnen hat und dann binnen zwei Sekunden einhalten soll, dann geht es einfach nicht. Meine Hose ist also nass. Ich fühle mich wie eine Dreijährige, weiß nicht, ob ich mich ärgern soll oder nicht.

Immerhin habe ich das Studio gefunden. Ich warte noch zwei Minuten, bis ich sicher bin, dass niemand zurückkommt und gehe zurück auf den Schotterweg. Ich mache mit dem Handy zwei Fotos vom Gelände und marschiere zu meinem Auto. Als ich einsteige, denke ich noch einmal über die letzten Minuten nach und muss laut lachen. Fast wie in alten Zeiten. Naja, immerhin habe ich den berühmt-berüchtigten Hof gefunden und freue mich über den Fund. Nah ran muss ich nicht. Ich war 100-150 Meter dran und denke, dass das reicht. Ich fühle mich so schon als Stalker und deswegen kurz schlecht. Aber das vergeht. Denn ich habe niemanden belästigt, bin nicht auf fremdem, privatem Gelände rumgelaufen und bin im Grunde auch gar nicht aufgefallen. Aufgehalten habe ich mich dort auch nicht. Ich befinde also, dass es keinen Grund gibt, sich mies zu fühlen.

Als ich wieder in unserem Ferienhaus bin, dusche ich erst einmal und ziehe mich um. Dann erzähle ich meiner Familie die Geschichte – sie können es kaum glauben, aber ich versichere, dass ich mir wirklich in die Hose gemacht habe. Das war die Strafe für die ganze Aktion. Irgendwie gerechtfertigt, finde ich. Ein bisschen Strafe muss für sowas sein.

Wer jetzt findet, dass ich damit zu weit gehe, dass ich hier auch noch schreibe, dass ich mir tatsächlich in die Hose gepinkelt habe, der kennt mich vielleicht zu wenig. Ich finde eigentlich sogar, dass das in diesem Fall die Würze an der Story ist. Ich kann jedenfalls drüber lachen, denn irgendwie konnte ich ja auch nichts dafür, beziehungsweise war es nicht freiwillig.

Halmstad – mehr, als ich fühlte

Nicht, dass ich mich nicht an neue Situationen und Umgebungen gewöhnen kann. Aber das Leif’s Lounge ist nicht mehr das, was es mal war und ich will mich daran nicht gewöhnen. Die alte, traditionsreiche Tür des Tits&Ass Studios ist nicht mehr da, die Gitarren sind weg, viele Platten sind weg, wie schrecklich! Jedenfalls war es nicht mehr das, was es mal war, als ich heute da war. Irgendwie verwischt das meine Erinnerungen ein wenig. Vielleicht sollte man nicht zu sehr an ihnen hängen und öfter mal vergessen, was man erlebt hat, damit man offen für Neues ist. Aber das Leif’s ist ja irgendwie auch die „heilige Halle“ der „Marke“ Roxette, und ohne Tür und ohne Gitarren ist es nicht mehr das Gleiche. Obwohl der Strand noch ist, was er war. Dass der Weg von Halmstad nach Tylösand inzwischen von reichlich zweispurigen Strecken, etlichen Neubauten (Burger King!) und mehreren Kreisverkehren geprägt ist, ist da quasi nur noch der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Nun ja, Touristenstadt bleibt Touristenstadt, aber irgendwie wird das von Jahr zu Jahr mehr ausgeschlachtet und genutzt. Nichts mehr vom kleinen, veträumten Örtchen an der schwedischen Westküste. Ich war also heute ein wenig enttäuscht von all den Veränderungen. Das hat aber eindeutig eher mit mir als mit den Veränderungen selbst zu tun.

Ich denke an windige Abende am Strand („Ich hab Wind zwischen den Zähnen“, „Wer hatte eigentlich die scheiß Idee, an den Strand zu gehen?“), feuchtfröhliche Stunden im Leif’s („Ella, die starrt auf dein Tattoo!“) und den ersten Besuch im frisch eröffneten Lidl („Huch, hier ist ja alles deutsch, kein Wunder, das hier niemand einkauft!“). Und so vieles mehr….! Es hängen so viele Erinnerungen in dieser Stadt, und es sind fast nur gute. Ein-Tages-Besuche für ein Konzert zu neunt, ein 25qm-Häuschen für vier Leute, zu viele Mückenstiche, ein grüner Opel, eine Wohnung gegenüber einer Autowerkstatt, kaputte Fenster, Zeltplätze und stürmische Nächte, hübsche Häuschen in Frösakull, Leifs Lager und das erste Meeting mit Per. Da ist Haverdal, herrliche Sonnenuntergänge, Unbeschwertheit ohne Ende, pure Freiheit, da sind die ersten Minuten, in denen wir die Snippets von Mazarin bei herrlichstem Sonnenschein hören durften, eine abgedrehte Release-Party mit T-Shirts, die mir heute hochnotpeinlich sind. Dass Björn und Annifrid an uns vorbeiliefen, ohne, dass wir es merkten. Eine tanzende Sandra, Freunde, und solche, die es erst später wurden. Und andere.

Die Zeiten sind vorbei, aber Halmstad bleibt für mich, was es von Anfang an war. Ein Traum, eine Oase, eine Insel, das Liverpool Schwedens, irgendwie heilig und einfach nur wunderschön. Es ist schön, sich dort auszukennen, zu wissen, wieso man überhaupt irgendwann einmal zum ersten Mal dorthin gefahren ist und wieso man Jahr für Jahr wiedergekommen ist. Und dieser Gedanke und Ausgangspunkt hat zum Glück mit baulichen Maßnahmen und Modernisierungen nichts zu tun. Ich war 2006 zum letzten Mal dort und jetzt weiß ich wieder, was ich vermisst habe. Es ist dieses spezielle Gefühl, Teil von etwas Besonderem zu sein. Keep on roxing!

Urlaub – Tag 1 und 2

Tag 1

Schweden 2009 – wir sind angekommen. Zehn Stunden waren wir diesmal unterwegs, mit einigen Stopps hier und da. Als wir dann endlich bei unserem Häuschen waren, konnten wir noch nicht rein, da es erst ab 12 Uhr frei wurde. Glücklicherweise hielt das Wetter und so konnten wir am Privatstrand unseres Vermieters liegen und im Vittsjö schwimmen. Das Thermometer zeigte 22 Grad an, gefühlt waren es aber mindestens 27. Den Rest des Tages haben wir mit Auspacken, Schlafen, Essen und Spazierengehen verbracht – recht unspektakulär.

Spektakulär war es allerdings auf dem Weg zu unserem Häuschen. Mein Bruder hat nämlich sein Auto noch vor dem Urlaub auf Autogas umrüsten lassen und leider nicht gewusst, dass Autogas in Schweden überhaupt nicht verbreitet ist. Insgesamt 20 Tankstellen gibt es in ganz Schweden. Natürlich hatten wir die Liste der Tankstellen vorher fein säuberlich ausgedruckt und mitgenommen. Allerdings ist die nächste Tankstelle von unserem Häuschen aus auch 40 Kilometer entfernt. Zum Glück lag eine der Tankstellen auf dem Weg zu unserem Haus und so sind wir dort natürlich zuerst hingefahren. Als wir abrupt in einen Feldweg abbiegen mussten und etwa 5 Kilometer auf einer ungefestigten Straße gefahren sind, habe ich begonnen, daran zu zweifeln, ob da wirklich eine Tankstelle sein soll. Es kam eine – ein Gastank, eine Zapfsäule und ein Wagen. Direkt neben einem Reiterhof und in völliger Verlassenheit und mit Öffnungszeiten von drei Stunden am Tag – sonntags geschlossen. Natürlich waren wir an einem Sonntag da, der Betreiber aber auch, der dann höflich mitteilte: It’s closed. Nun gut, dann eben kein Gas. Wir konnten immer noch nicht so recht glauben, dass das eine Tankstelle gewesen sein soll. Jedenfalls ging es dann – umgestellt auf Benzin – ohne Gas weiter.

Der See, an dem unser Haus ist, ist rot. Es sieht aus, als hätte dort ein Massenschlachtfest stattgefunden. Es ist vermutlich Zink oder so etwas, genau wissen wir es nicht. Aber man kann wunderbar darin schwimmen, es ist schön warm und angenehm. Hoffen wir mal, dass das Wetter noch ein wenig so bleibt. Der Vermieter spricht sogar leidlich deutsch, wirklich bemerkenswert. Und Plüschhund Winnie versteht auch deutsche Anweisungen, wirklich süß.

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Tag 2

Regen, Regen, Regen schon zum Aufstehen. Also blieb nur Städtetour oder zuhause Versauern. Von See oder Strand konnte keine Rede mehr sein. Da unser Ort in der Nähe von nichts ist, läuft jede Fahrt auf mindestens 70 Kilometer hinaus. So sind wir dann nach Helsingborg gefahren, waren ein wenig shoppen, auf dem Turm Kärnan und am Hafen. Für das Wetter war es eigentlich genau richtig, wenn auch unspektakulär. Spektakulär war auch heute wieder die Suche nach einer Autogastankstelle. Diesmal nicht in Bjuv, wie gestern, sondern in Örkelljunga. Oder sagen wir besser: in der Nähe von Örkelljunga. Im Wald. Tief im Wald. Quasi am Ende der Welt. Und wieder: Eine einsame Zapfsäule, ein Mann mit nacktem Oberkörper, der locker 50 Kilo zuviel auf den Rippen hatte und ein seltsamer Schrottplatz. Mit dem netten Herrn habe ich dann sogar ein paar Worte schwedisch gewechselt, weshalb er mich dann ganz erstaunt fragte, ob ich tatsächlich schwedisch spreche. Ich redete mich auf ein „lite“ heraus, konnte aber immerhin noch zwei Sätze mit ihm wechseln. Gut fürs Ego. Im Helsingborger McDonald’s habe ich dann nochmal auf schwedisch alles probiert, beim ersten Mal bekam ich immerhin eine schwedische Antwort, beim zweiten Mal wurde ich dann auf englisch bedient. Wahrscheinlich war „en liten cola“ zu deutsch gesprochen, wer weiß.

Hatte ich übrigens schon erwähnt, dass die Tanksäule mitten im Wald war? Insgesamt dreimal haben wir nach dem Weg gefragt, jedes Mal hieß es: Drei Kilometer geradeaus und dann links (wahlweise rechts). Mit einem Auto, das 10 Zentimeter über dem Feldweg schleicht, war die unbefestigte Straße natürlich wieder ein tolles Erlebnis. Immerhin sind wir dann mit 40 Litern Autogas weitergefahren. Kleines Highlight war, dass wir ja schon mitten im Wald waren, die Straße aber an der Säule noch geradeaus weiter in den Wald führte und wir diese Route von der TomTom-Frau für den Weg nach Helsingborg vorgeschlagen bekamen. Wir sind ganz naiv einfach mal geradeaus weitergefahren und wunderten uns nach drei Kilometern, dass eine „Straße“ dieser Art überhaupt in einem Navi angezeigt wird. Die Reise ging jedenfalls nach vier oder fünf Kilometern Geholper nicht mehr weiter und wir haben klein beigegeben und umgedreht. Zumindest weiß ich jetzt mal, wie schwedische Waldwege aussehen.

Vorbereitungen

Bereite mich seit heute auch aktiv auf den Urlaub vor, nachdem ich seit Wochen nur daran denke und warte, dass die Zeit vorbeigeht, dass ich endlich meine Tasche packen kann.

Habe Leergut weggebracht, mein Auto aufgeräumt, eine Maus für mein Netbook für unterwegs gekauft, die letzte Maschine Wäsche gewaschen und diverse Lade- Anschluss- und USB-Kabel für diverse technische Geräte liegen auch bereit. Wichtigste Vorbereitung: Habe ein Sixpack Beck’s gekauft, Bier da oben schmeckt ja immer noch fürchterlich, wenn man es im Supermarkt kauft. Und „stark öl“ ist mir zu teuer. Hoffen wir, dass die sechs Flaschen für zwei Wochen reichen.

Die Fähre nach Rødby ist auch gebucht. Wir sind zwar jetzt auf eine feste Fähre festgelegt (4.45 Uhr), aber dafür sparen wir auch pro Auto (fahren mit zwei Wagen) 25 Euro. Normalerweise kostet die Nachtfähre inzwischen 75 Euro, bucht man online und sucht sich eine bestimmte Fähre aus, bezahlt man nur 50 Euro. Für Leute wie uns, die von weiter anreisen, ist das natürlich gefährlich, aber ich denke, wir werden rechtzeitig genug wegfahren. Ich denke, wir werden das auch bei der Rückfahrt machen. Mal sehen! Nun darf auf der Fahrt Richtung Ostsee wirklich keine Vollsperrung, kein Stau und kein Unwetter oder ähnliches dazwischen kommen, denn die Fähre um 4.45 Uhr ist zugleich die letzte, bei der das Nachtticket gilt. Ich werde berichten, ob es geklappt hat. Hauptsache, das Bier ist im Auto. Den Rest kann man oben ja nachkaufen, sollte es fehlen..

Mir fällt es nur jetzt schon schwer, mich von meinem Hund zu verabschieden. Ich denke, die kleine Maus muss zu meinen Eltern, bevor ich mit dem Packen anfange, sonst vergesse ich wirklich die Hälfte, weil mein fiependes, außerdem noch läufiges, kleines, felliges bestes Stück mir sonst tatsächlich den letzten Nerv raubt. Andererseits will ich sie nicht weggeben, am liebsten doch mitnehmen, aber das wäre unsinnig und hinderlich. Sie wird mir schrecklich fehlen, meine Butz. 1104_01