Als mich ein Zeitungsartikel mehr als zwölf Euro kostete..

Als ehemalige Journalistin und Redakteurin beschäftigt mich auch zwei Jahre nach dem Ausstieg aus dem Zeitungsgeschäft immer noch das Thema Online. Wann sind Leser bereit, für Online-Inhalte Geld auszugeben? Wie viel Geld würden sie ausgeben? Was ist ihnen der Inhalt wert? Braucht man verschiedene Angebote für verschiedene Zielgruppen? Ist Personalisierung der Inhalte wirklich das Mittel der Zukunft? Ich für mich kann sagen: Ich kaufe nichts. Ich kaufe kein Papier und ich kaufe auch keine digitalen Inhalte. Wenn ich es nicht lesen kann, dann kann ich es eben nicht lesen. So interessant ist es dann auch nicht, dass ich dafür Geld bezahle. Klicke ich eben weg. Ja – und das als ehemalige Journalistin. Ich bin da sehr ehrlich. Eine Tageszeitung kaufe ich nie auf Papier, bin aber auch dadurch abgedeckt, dass wir im Büro die örtliche Tageszeitung ohnehin abonniert haben. Zeitschriften kaufe ich sehr, sehr selten. Online habe ich bisher ein einziges Mal für ein Interview Geld ausgegeben. Das ist bei Galore erschienen und war jeden Cent wert. Danke dafür! So im Nachhinein.

Nun zu meiner aktuellen Geschichte. Es war Montag, 31. Oktober, als ich bei meiner täglichen Medien-Stippvisite bei Spiegel Online eine Geschichte entdeckte, die mich wirklich interessierte. Renate Künast, genau, die Politikerin, hat offenbar Menschen besucht, die sie in den sozialen Netzwerken mit Hass-Kommentaren überschüttet haben. Sie sitzt also in einem Auto und fährt dort wirklich hin. Sie konfrontiert die Hater mit ihrer puren Anwesenheit. Ich will das sofort lesen. Ich klicke darauf und sehe zuerst ein Video. Erst einmal bin ich enttäuscht, denn ich lese nicht nur nichts online, ich gucke erst recht keine Videos. Kostet zu viel Zeit. Hier klicke ich aber auf Play.

Ich verfolge seit Monaten, wie Dunja  Hayali mit dem ganzen Zorn umgeht, der sich gegen sie richtet. Ich finde das Thema sehr spannend. Wie gehen in der Öffentlichkeit stehende Personen mit diesen negativen Gefühlen um, die ihnen da geballt ins Gesicht schlagen? Renate Künast interessiert mich als Politikerin schon seit Jahren. Ich habe sie in den 90er-Jahren mal in der NDR Talkshow gesehen und fand es faszinierend, wie sie mit wenigen Bleistiftstrichen nachhaltige Landwirtschaft erklären konnte. Dann traf ich sie mal im Wahlkampf 2013 bei einem Interview in unserem Haus. Ein Interview das letztlich nie erschienen ist, weil … naja, lest selbst. Ich habe mein Interesse allerdings auch dadurch nicht verloren. Ich fand das Ganze spannend, sicherlich enttarnend und enttäuschend.

Ich gucke also das Video und stelle fest: Das ist maximal ein Teaser. Ich klicke zurück zum Text, lese an und merke: Hier muss ich bezahlen. 0,39 Euro. Das ist quasi nichts. Ich bin sofort bereit, diesen Betrag abzudrücken und klicke auf die Option „jetzt lesen, später zahlen“. Denn offenbar kann man bei Spiegel Online Artikel „sammeln“. Leider lande ich dann auf einem Bezahldienst, LaterPay, und meine Motivation ist im Keller. Noch mal auf eine externe Seite geleitet werden, dort mal eben ein Konto zu registrieren, nein, das passt mir zeitlich dann doch nicht in den Kram, sieht furchtbar umständlich aus und ist ein absoluter Abtörner in diesem Moment.

Ich klicke weg. Aber der Artikel lässt mir keine Ruhe. Ich will das lesen und beschließe am Abend, mir die gedruckte Variante zu kaufen. Die ist zwar 4,51 Euro teurer, bringt mir aber auch noch eine sehr interessant klingende Titelgeschichte zu Luther. Auch für meine Freundin, ihres Zeichens Geschichts- und Religionslehrerin, ist das sicher lesenswert.

Am Dienstagmorgen, 1. November, fällt es mir dann wieder ein. Ich wollte den Spiegel kaufen gehen. Mittags habe ich endlich Zeit. Auf dem Weg aus dem Büro treffe ich meinen Chef.
„Ich geh mal eben den Spiegel kaufen“, sage ich.
Er grinst. „In gedruckter Form?“
„Ja“, entgegne ich.
„Den gibt es noch gedruckt?“, spottet er.
Ich kläre ihn kurz darüber auf, wie mein Versuch, den Artikel online zu kaufen, gescheitert ist. Dann tigere ich los. Mein erster Weg führt mich in die Zeitschriftenabteilung des örtlichen Edekas. Hier gibt es von der Frau im Spiegel bis zur Freizeit Revue alles, aber keinen Spiegel. Stattdessen kaufe ich ein Brot und Lakritzschnecken. Ich checke noch mal mein Bargeld und stelle zufrieden fest, dass ich noch 4,20 Euro im Geldbeutel habe. Zu diesem Zeitpunkt weiß ich nicht, dass der Spiegel 4,90 Euro kostet. Ich kaufe den ja nie.

Ich bin frustriert und weiß nicht, wo ich auf der Schnelle in der Mittagspause noch suchen kann. Auf dem Rückweg treffe ich einen weiteren Kollegen und frage ihn nach einem Kiosk. Er kann mir weiterhelfen, zum Glück. Aber er ist verwirrt.
„Den Spiegel? Auf Papier? Wirklich?“
„Ja, ganz wirklich. Da ist eine Geschichte drin, die ich unbedingt lesen will.“
„Können Sie das nicht online kaufen?“
Ich schildere erneut mein Dilemma.
„Da hätte ich auch abgebrochen“, bestärkt er mich.

Ich folge seinem Tipp und finde einen kleinen Tabakladen. Als ich den Spiegel entdecke, fällt mein erster Blick natürlich sofort auf den Preis. Ich weiß, was das bedeutet. Ich habe zu wenig Bargeld. 70 Cent. Ich starre auf das EC-Gerät. „EC-Kartenzahlung“ ab zehn Euro. Ich seufze. Ich werde diesen Laden auf keinen Fall ohne den Spiegel verlassen.

Ich schaue mich ein paar Minuten lang um und entscheide, dass ich einfach noch zwei Zeitschriften kaufe. Die Frankfurter Allgemeine Woche – ebenfalls mit einem Stück über Luther – und den Focus, der Bauchfett als Titelthema hat. Zu der Entscheidung komme ich allerdings auch erst, nachdem ich schon einen Lottozettel ausgefüllt habe, aber bei der Abgabe meine Karte von Lotto Hessen nicht in meinem Geldbeutel finde. Irgendwann mal aussortiert, denn Lotto spiele ich eigentlich nie. Naja, also eben doch die Zeitschriften. Lesen soll ja bilden.

Am Ende bezahle ich mehr als zwölf Euro für einen einzigen Artikel. Ich weiß nicht, ob ich jemals etwas Dämlicheres getan habe als das – so rein finanziell gesehen. Ich gehe allerdings breit grinsend zurück ins Büro. Man lernt eben nie aus. Und am Ende lerne ich, dass ich beim nächsten Mal vielleicht einfach doch den Klick mehr mache und mich mal eben bei einem Drittanbieter registriere, um zu bekommen, was ich will.

Immerhin: Meinem Chef  konnte ich den Focus schmackhaft machen. Aber nicht wegen der Bauchfett-Geschichte. Keine Sorge.

Digitales Downgrade

Freitag, 29. Mai, es war soweit. Ich hatte die Schnauze voll vom asozialen Netzwerk Facebook. Nein, eigentlich ist es nicht das Netzwerk, das ich als asozial erachte. Es sind die Leute, die es so asozial nutzen, dass es asozial erscheint. Vielleicht ist es nur ein Eindruck, der sich seit Wochen und Monaten manifestiert. Ich hatte ja an anderer Stelle in meinem Blog schon einmal darüber geschrieben. Wilde Diffamierungen, Beleidigungen. Menschen laden ungefragt ihren ganzen Frust in verbalen Entgleisungen bei Facebook ab. Oftmals unter ihrem Klarnamen, oftmals ist ihnen vielleicht nicht klar, dass JEDERMANN das lesen kann, was sie in die Kommentare öffentlicher Seiten ergießen. Chefs, andere Vorgesetzte, Familie (Kinder?), Freunde.

Es war also Freitag, der 29. Mai, und ich hatte genug. Ausschlaggebend war ein Posting von Die Welt zu einem Artikel. In diesem geht es um eine Frau, die Wurst- und Fleischwaren mit Nadeln gespickt hat und dafür jetzt verurteilt wurde. Ja, könnte man jetzt sagen, wieso klicke ich bei Die Welt auch auf „Gefällt Mir“, wieso lasse ich mir das anzeigen? Weil – ganz einfach – ich in der digitalen, der onlineredaktionellen Branche arbeite und Die Welt vor ein paar Monaten damit angefangen hat, unglaublich dämliche Beiträge unglaublich lustig zu kommentieren. Das hat bei mir tatsächlich den Ausschlag gegeben, da mal auf „Gefällt Mir“ zu klicken. Endlich gab diesen Menschen mal jemand was zu denken, bot Paroli und schoss zurück, fernab jeglicher Netiquette.

Nun also postete Die Welt einen Link zu besagtem Text. Ich klickte, las und stellte fest: Eine Frau, offenbar psychisch krank, hatte diese Tat begangen. Ich machte den Artikel wieder zu und stolperte automatisch über den ersten Kommentar unter dem Posting. Der da lautete (und der letzte wirklich kleine Tropfen war, der das Fass zum Überlaufen brachte):

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Ja, Gesicht und Nachname sind absichtlich unkenntlich gemacht, auch wenn man beides unter dem entsprechenden Posting schnell finden kann. Ich beteilige mich jedoch nicht am Bloßstellen anderer Menschen. Hier geht es nur um den Kommentar (der inzwischen, und jetzt ist Samstagmorgen, 238 Likes bekommen hat), in dem pauschal über alle Veganer geurteilt wird. Und das, obwohl in besagtem Artikel mit keinem Wort erwähnt wird, dass die Dame, die diese schreckliche Tat begangen und einige Menschen verletzt hat, Veganerin ist.

Aufgeheizt von so vielen unsachlich geführten Diskussionen über die Flüchtlingssituation in Deutschland, angestachelt von Sinnlosfragen in Flohmarktgruppen, die mit einer Schnellsuche bei Google innerhalb von fünf Sekunden selbst beantwortet wären, und genervt von all den unmenschlichen, unchristlichen und verletzenden Worten über Homosexuelle im Zuge der Debatte über die „Homo-Ehe“ (ganz schlimmes Wort übrigens), fasste ich einen Entschluss. Digitales Downgrade auf Facebook. Sofort. Ich überlegte zuerst, meinen Account komplett zu löschen, damit ich all das einfach nicht mehr in meine Welt lassen muss. Da ich diesen Account jedoch beruflich brauche, verwarf ich die Idee schnell wieder. Dann überlegte ich, einen neuen Account anzulegen, um damit dann die beruflich administrierten Seiten weiter zu betreuen. Auch diese Idee erschien mir nicht sinnvoll, denn, das gebe ich unumwunden zu, ich habe auf Facebook Kontakte zu Menschen, die mir mal nah waren, jetzt aber weit weg wohnen, Kontakte zu Menschen, die mir nie nah sein werden, ich aber gerne lese, was sie erleben und so weiter. Das alles aufgeben für ein paar Trolle, die zu jedem Posting ungefragt ihren Kommentar abgeben müssen? Sich einfach nicht mehr anmelden und damit auch die guten Seiten verpassen? Nein, auch das kam nicht in Frage. Es blieb also nur eins: entliken der Seiten, auf denen es besonders schlimm ist. Verlassen der Gruppen, in denen ich es gar nicht mehr aushalten kann. Ich wollte, dass Facebook für mich wieder das wird, was es am Anfang war: eine Plattform, der ich befehle, was sie mir anzeigen soll. Ich hatte hier natürlich die Rechnung ohne die Facebook-Algorithmen gemacht, aber dazu später mehr.

Ein gutes Facebook, ein Facebook, das mir nur noch zeigt, was es Gutes in der Welt gibt, was meine Freunde so machen. Fotos von Picknicks, Grillfeiern und Roxette-Konzerten – so stellte ich mir das vor. Also legte ich los. Und eins vorweg. Ich habe nicht ALLE Seiten entliked.

Ich habe meinen Facebook-Account seit Dezember 2008. Kurz bevor ich mich registrierte, hatte mich der Ehemann der Roxette-Sängerin Marie Fredriksson bei einem Treffen gefragt, ob ich Facebook habe. Ich hatte es nicht. Er schon. Ich wollte in Kontakt bleiben. Also registrierte ich mich. Die Plattform hat sich seitdem unglaublich verändert, das weiß jeder. Nun, fünfeinhalb Jahre nutze ich das Netzwerk inzwischen, und ich war erstaunt, wie viele Daumen nach oben ich vergeben hatte.

Zuerst einmal war es nahezu unmöglich, eine Übersicht der Seiten zu finden, die ich im Laufe dieser Zeit einmal geliked hatte. Ein Freund schickte mir einen Screenshot, nachdem ich ihm mein Dilemma mitteilte. Er schrieb, ich solle die „Info“ in meinem Profil öffnen, da gebe es eine Übersicht. Nein, bei mir gab es da keine. Auch jetzt, heute, finde ich unter Info nur das hier:

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Es musste also eine andere Lösung her. Weil ich keine Lust hatte, mich damit intensiver auseinanderzusetzen, begann ich, über meine Timeline zu scrollen und alle Seiten, deren Beiträge mir dort angezeigt wurden, anzuklicken und dort mein „Like“ zu entfernen. Das ist mühselig. Und vor allem ist es unvollständig. Denn schließlich entscheidet Facebook, was ich dort sehe. Und das sind vor allem immer wieder Beiträge der gleichen Seiten. Viele viele Seiten, die ich irgendwann mal mit einem Daumen hoch beehrt hatte, tauchen dort gar nicht mehr auf, die Beiträge bekam ich schon seit Monaten nicht mehr zu sehen – wie ich später feststellte.

Nachdem ich ein paar Tage meiner Timeline abgegrast hatte, fand ich nichts mehr. Die üblichen Verdächtigen waren weg: Die Welt, ZeitMagazin, Süddeutsche Zeitung Magazin, Rhein-Zeitung – im Grunde erst einmal alle Medienseiten, auf denen ohnehin mehrmals täglich etwas gepostet wird. Doch es ließ mir keine Ruhe: Irgendwo musste es doch eine Übersicht über all meine Likes geben. Ich fand sie. Unter Neuigkeiten-Einstellungen. Ich gebe zu, das war zu einfach. Hier gibt es den Reiter „Seiten“. Und hier gibt es die Möglichkeit, die Seiten alphabetisch zu betrachten oder sie in der Reihenfolge „Meist gesehene Seiten in der letzten…“ anzeigen zu lassen. Endlich! Doch jetzt tat sich das nächste Problem auf. Die Liste war zwar da, nun aber fehlte ein Haken, um das Like zu entfernen. Bedeutete: Jede Seite extra anklicken, neuen Tab öffnen, Like entfernen. Ich tat das. Am Ende 219 Mal.

219 Mal entschied ich mich gestern gegen Seiten, von denen ich gar nicht mehr wusste, wieso ich sie jemals angeklickt hatte. Ich entschied mich gegen Seiten, die irgendwann mal von Freunden angelegt worden waren, aber schon lange nicht mehr gepflegt werden. Und ich entschied mich gegen Seiten, bei denen es mir wirklich schwer fiel, loszulassen.

In die erste Kategorie fielen Seiten mit Titeln wie „Wo ist mein Balkon? Ich muss zu meinem Volk sprechen“ (nein, ich fühle mich nicht so übermäßig größenwahnsinnig), „usedom.de“ (ich war noch nie auf Usedom und plane auch nicht, da bald hinzufahren), „Skoda Auto Deutschland“ (gab es da vielleicht mal ein Gewinnspiel?), „Teekanne“ (trinke ich gar nicht) oder die Seite eines schwedischen Künstlers namens Niklas Henrikczon & Nimphidia (wird irgendwas mit Roxette zu tun haben, aber ich weiß es einfach nicht mehr).

Die zweite Kategorie bereitete durchaus Schmerzen. Ich like gerne Seiten von Freunden, wenn sich dahinter eine gute Idee verbirgt oder wenn sie sich selbstständig machen und Reichweite brauchen. Doch nun war Großputztag und so flogen „Lippeladen“ (die Seite eines Fb-Freundes, der wohl in Lippe arbeitet, nehme ich an), „Homemade“ (die Seite einer lieben Freundin, die sich inzwischen anderweitig selbstständig gemacht hat, weshalb das nicht so arg wehtat) und alpha beta design (ich vermute, das ist eine Seite, die zu einer anderen Seite gehört, aber sicher bin ich nicht) raus. Hasst mich dafür nicht, aber mein Entschluss stand nun mal fest.

Kategorie drei tat weh. Sie tat wirklich weh. Aber es amüsierte und verwunderte mich auch. Ich komme gebürtig aus Gießen. So hatte sich in meiner Zeit auf Facebook einiges an Gießen-Seiten angesammelt. Die Liste ist gar nicht mal so kurz. Derzeit gibt es folgende Gießen-zentrierte Seiten (bzw. das sind die, die ich angeklickt hatte):

Gießen.de (inzwischen offenbar die offizielle Seite der Stadt)
Gießen entdecken
Giessen, Hessen
Gießen – meine Stadt
Mein Gießen

Sorry, aber da blickt doch keiner mehr durch. Steckt dahinter irgendein Marketing-Konzept, das ich nicht verstehe? Wieso darf jeder Hinz und Kunz eine Seite über seine Heimatstadt anlegen? Gibt es für sowas nicht Richtlinien? Reichen nicht eine oder zwei Seiten? Nun – ich hätte gerne eine behalten, aber ich konnte mich nicht entscheiden. Also flogen alle. Diese Löschung fällt tatsächlich in die Kategorie „Amüsant und verwunderlich“. Schmerzhaft wurde es bei den Gießener Zeitungen „Gießener Allgemeine“ und „Gießener Anzeiger“. Da ich kein Zeitungs-Abo habe, so bildete ich mir ein, blieb ich hier wenigstens grob auf dem Laufenden. Bei genauerer Betrachtung wurde mir klar: Zwei Facebook-Postings am Tag halten mich nicht auf dem Laufenden. Die Redaktion entscheidet schließlich, was interessant ist. Was wirklich für mich interessant sein könnte, erfahre ich nicht, und die Quote, dass ich das jemals herausfinde, ist relativ gering. Ich entschloss mich also auch hier für den „Bye-bye“-Klick, schweren Herzens. Ich bin immerhin gelernte Redakteurin, habe lange Zeitung gemacht.

Ich beendete meine öffentliche Sympathiebekundung außerdem auf Seiten, deren Inhalte mich ab und an doch interessieren: die Seite des britischen Schauspielers und Sängers Hugh Laurie, der US-amerikanischen Serie Homeland (dort werden für deutsche Fans ohnehin nur Spoiler gepostet, wir hängen immerhin eine Staffel hinterher), die Seite von Oliver Kalkofe hat mich ebenfalls verloren. Ich mag seine Postings, aber ich will keine Diffamierungen mehr. Seine nicht und die in den Kommentaren noch viel weniger. Ja, auch das Entliken des ZeitMagazins tat weh. Nach einiger Überlegung wurde mir jedoch klar, dass der Verlag diese Plattform nicht nutzt, um tatsächlich ins Gespräch zu kommen. Was das ZeitMagazin seit vielen Wochen auf Facebook postet, ist nicht das, was ich gerne dort lesen würde. Also weg damit.

Ich klickte und klickte und klickte und fand noch einige Karteileichen. Während meiner Zeit als Lokalredakteurin hatte ich blind jegliche Seiten, die sich auch nur annähernd im Gebiet der von mir betreuten Gemeinden befanden, angeklickt. Das Gleiche tat ich später als Sportredakteurin. Hier eine kleine Übersicht:

Boxteam Lahn-Dill e. V.
Emir Ahmatovic – Boxen
Freiwillige Feuerwehr Hüttenberg
Freiwillige Feuerwehr Hüttenberg-Reiskirchen
Freiwillige Feuerwehr Schwalbach
Handels- und Gewerbeverein Hüttenberg e. V.
Hochelheimer Kneipche
Hüttenberg
Jugendfeuerwehren der Gemeinde Hüttenberg
Junge Union Hüttenberg Schöffengrund Waldsolms
Mini-Feuerwehr Hüttenberg
Mädchen- und Burschenschaft „Frisch Auf“ Hüttenberg e. V.
SG Schwalbach 1910

Mein erster Gedanke, als ich diese Seiten sah: der Glaube und die Hoffnung daran, dass die Hüttenberger Feuerwehren im Brandfall nicht erst klären müssen, welche Seite das zuerst auf Facebook posten darf.

Sämtliche Radiosender, die ich jemals angeklickt hatte, um ein bisschen Promotion für Roxette zu machen, sind ebenfalls verschwunden. Eine Auswahl:

WDR2,
HR3,
SWR3,
HR1,
HitRadio FFH,
Antenne Bayern

Nach insgesamt vier Stunden war ich fertig und hatte mich von 219 Seiten getrennt. Was noch übrig ist? Alle offiziellen Seiten, die mit Roxette zu tun haben. Die Seite von Borussia Dortmund. Offizielle und inoffizielle Seiten, bei denen es um Star Trek und Akte X geht (ja, ich bin ein Nerd), Serienjunkies, DWDL, I fucking love science (einfach zu gut), die offizielle Seite der schwedischen Band Kent, zwei Seiten über die Schauspielerin Kate Mulgrew, ein paar Seiten von Freunden, die dort oder daran arbeiten und das regelmäßig und gut, ein paar Seiten über Lokaljournalismus, Patrick Stewart, der, was Social Media angeht, ganz vorne dabei ist, Aimee Mann, Angela McCluskey. Menschen und Themen, die mir am Herzen liegen.

Entspannt lehnte ich mich zurück. Nun würde alles gut. Oder? Die Erleichterung währte kurz. Immerhin hatte Facebook jetzt 219 Optionen weniger, Inhalte in meiner Timeline darzustellen. Was passierte also automatisch? Es dauerte keine Stunde und nun bekam ich Hinweise darauf, welche Beiträge von meinen Freunden wo kommentiert oder geliked wurden. Hier tauchte dann auch wieder Die Welt auf, Seiten über Veganismus, Seiten über alles Mögliche – und die Beiträge kamen so angezeigt daher, dass es so wirkte, als würde mir der Beitrag der Seite angezeigt werden – und eben nicht der Kommentar meines Freundes.

Die ganze Reinigungsaktion ließ mich zwar besser fühlen, mein Facebook ist dadurch aber auch nicht netter, menschlicher, freundlicher geworden. Ich begriff: Die Inhalte sind immer noch da und so lange meine Freunde diese Inhalte noch sehen und kommentieren, werde auch ich sie immer noch sehen und lesen. Es ist nahezu unmöglich, alles zu überscrollen und wegzuklicken. Die Person komplett ausblenden? Muss es das sein, wenn doch hier und da ein wirklich interessanter Beitrag dazwischen ist?

Mein Vorhaben, MEIN Facebook so zu gestalten, dass es mir ein bisschen Nettigkeit und Menschlichkeit bringt, ist leider gescheitert. Es ist auch im digitalen Zeitalter schwierig, vor allem, mit dem man nicht konfrontiert werden möchte, die Augen zu verschließen. Vielleicht hilft am Ende nur, Menschlichkeit entgegenzusetzen. Jedem frustrierten Kommentator da draußen ein paar liebe Worte zu schicken, eine virtuelle Umarmung. Vielleicht ist es das, was hilft. Hätte ich dazu nur die Energie und die Lust und die Gewissheit, dass es hilft.

Hier noch eine Übersicht aller von mir entfernten Seiten:

11freunde

ABZV – Bildungswerk der Zeitungen
adidas NEO Label
Aggressive Datewear
AlnaturA
alpha beta design
Alternate
Angie Harmon
Anja – The Biggest Loser 2013 Team Grau
Antenne Bayern
Aufmerksamkeitserreger
Auslisten – eine Sammlung recht witziger Listen
Autoren – und solche, die es werden möchten

Bastian Sick Live
Blenn Solutions
Bo Hansen
Bernhard – Biggest Loser Team 2013 Team Orange
Boxteam Lahn in Wetzlar e.V.
brand eins
Buzzfeed

Canon Flohmarkt
Catprint Media GmbH
Claire Underwood
Coverium: cover songs
Cover Songs

Daniel Fischer
Darré – Mein Schuhhaus
Das ist schmutzig, falsch und moralisch höchst verwerflich. Bin dabei.
das Wetter nicht
Dein Sky Sport
Denns
Der Die Welt Praktikant
Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union
Die Kriegsreporterin
Die Kur
Die peinlichsten und lustigsten FB Status Einträge und Fotos
Die virale Philo-Tür
Die Welt
Dieter Hallervorden
Dinge, die die Welt nicht braucht
Dinge, die ein Journalist nicht sagt
Dr. Helge Braun
DTT Gruppe – DTT Konzerte GmbH

E-Bock des Jahres
Eat this
Eco-Vegan Gal
Efva Attling Stockholm
Eidihard
Elephant Parade Copenhagen
EMI Music Germany
Emir Ahmatovic – Boxen
etoall.se
Evren Gezer

Facebook
Familienbetriebe Radde GmbH
Fans des gleichgeschaltet-ironischen Journalistenzirkels
Fewo Stockholm
Flohmarkt Gießen
foodwatch
Foto Ruhl, Gießen
Frank Buschmann
Free School Fotografie
Freienrat der Freien Journalisten an Lahn und Dill
Freiwillige Feuerwehr Hüttenberg
Freiwillige Feuerwehr Hüttenberg-Reiskirchen
Freiwillige Feuerwehr Schwalbach

Gaby Köster
George Takei
Germanwings
Geschichten vom Bürgersteig
Gießen.de
Gießen entdecken
Giessen, Hessen
Gießen – meine Stadt
Gießen: Verkaufen, Verschenken, Suchen, Tauschen
Gießener Allgemeine Zeitung
Gießener Anzeiger

HAARvanna by daniela
Hagen Rether
Hamburg – meine Stadt
Handels- und Gewerbeverein Hüttenberg HGVH
harmony.fm
Hartplatzhelden
Helena Josefsson
Hermann Toelcke
Hessisch – Sprache der Götter
HitRadio FFH
HNA
Hochelheimer Kneipche
Homeland
Homemade
House of Cards
HOUSE MD fan site
hr3
hr-online
HSG Wetzlar Fan-Club Grün-Weiss
Hugh Laurie
Hugh Laurie Blues
Hundefreunde Mittelhessen e.V.
Hüttenberg

I en underbar Roxetteballong – Marie Sörgjerd
I stepped on a corn flake, now I’m a cereal killer
iMashup
Ist das Kunst oder kann das weg?

Junk: A Rock Opera
journalismus.com
Jugenddrehscheibe
Jugendfeuerwehren der Gemeinde Hüttenberg
Junge Union Hüttenberg-Schöffengrund Waldsolms
JLU Gießen

Kachelmannwetter
Konditori Regnbågen
Kinopolis Gießen

Lebensmittellügen
Leifs Lounge Official Site
Lippeladen
Lisa Edelstein
Live Nation UK
Lätta

Malcomess – IHR Restaurant am Kornmarkt
Malin Ekstrand Fanpage
Maria Furtwängler
Maria Höfl-Riesch
Maskottchen Emma
Max Pett – das vergane Restaurant
Martina Hill
Mein Gießen
Mein veganer Traum
Mini-Feuerwehr Hüttenberg
Misfits
Mädchen- und Burschenschaft „Frisch Auf“ Hüttenberg e.V.
Möbelschnäppchen und mehr

NEON Unnütze Videos
Nachrichten-Netzwerk
Nancy’s Kitchen
Nein, Stil ist nicht das Ende des Besens
netzolutions ohg
nichts
Nidda – Bad Salzhausen
Night of the Proms
Niklas Henrikczon & Nimphidia
Noomi Rapace
Nutella

Oberhessische Presse
Obermutten GR Gemeindeverwaltung
Obstkiste
Ohrwurm des Tages
Oktober Promotion & Management
Oliver Kalkofe
Onkelsprech
Ökokiste Bosshammersch Hof
Öko-Test Verlag GmbH

Papalala Festival
Payback
Pizzeria Eisdiele Pircher
Proxtube
Publikative.org
Puma Football

Rach – getestet von Christian Rach
Renate Künast
Ritter & Reitzner – Praxis für Zahnheilkunde
Rizzoli & Isles
Rosbacher
Rote Rosen
Rote Rosen Fanclub
Rote Rosen und Nur Rote Rosen
Runner Project
Runners Point

Sabine Schneider FFH
Schneegida
Schwedische Rezepte
Schülervertretung der GS Schwingbach
SG Schwalbach 1910
Shinji KagawaNi
Skoda Auto Deutschland
Sojola
Spiegel Offline
Spleen24
Sport1 – Doppelpass
Sportschau
Stefanie Graf
Straßenfotografie / Urbane Fotografie
Streetart in Germany
Streetart retards
Süddeutsche Zeitung Magazin
Sue Sylvester (Glee)
Suikerrock
SWR3

Tatort Stadion
Tchibo
Teekanne
The Biggest Loser – Sat.1
The Nerdist
The Rival Hotel
The secret to humor is surprise
They’re, their & there have 3 distinct meanings. Learn them.
THW Gießen
Tierschutzverein Gießen
Tot aber lustig
transfermarkt.de

UEFA Women’s Euro
Universitätsstadt Gießen
Unnützes Wissen
usedom.de

VDL Infotag Facebook für das Lokale
VEBU – Vegetarierbund Deutschland
Vegan Essen Rezepteaustausch
Vegan Kochen mit Jerome Eckmeier
Vegetarisch und Vegan abnehmen

WDR2
Wetzlar – Stadt der Begegnungen
Who sampled
Wir essen jetzt Opa – Satzzeichen retten Leben
Wo ist mein Balkon? Ich muss zu meinem Volk sprechen

Y-Titty
You are your own gym

Zeiglers wunderbare Welt des Fußballs
ZeitMagazin

Nachklapp zum Finale von „The Biggest Loser“

Wenn es eine Trash-Sendung im deutschen Fernsehen gibt, die ich gerne und nachhaltig und immer wieder gucke, dann ist es The Biggest Loser. Zuerst auf ProSieben mit Kati Witt, dann auf Kabel1 mit Regina Halmich und nun mit Christine Theiss als Moderatorin. Warum ich die Sendung so gerne mag, zeigt die diesjährige Staffel ganz besonders. Bernhard, Kandidat in Team Orange, hat die größte Verwandlung hingelegt, und das nicht nur optisch. Aus ihm ist wirklich ein neuer Mensch geworden. Diese Verwandlung zu beobachten, irgendwie Teil davon zu sein, das macht die Sendung für mich so besonders. Natürlich spornen mich die Anstrengungen und Mühen der Kandidaten auch selbst an, mehr Sport zu treiben. Vielleicht ist diese Sendung deshalb etwas Besonderes für mich.

Am 8. Mai wurde nun das Finale ausgestrahlt und wie schon vergangenes Jahr ließ diese Finalshow mal wieder einige Wünsche offen.

1.) Der Moderator neben Christine Theiss

Wer ist dieser Mann? Muss man Matthias Killing kennen? Wieso tut er so, als würde er alle Kandidaten schon ewig kennen, als wäre er im Camp dabei gewesen und als wäre er ein Freund? Dass Christine Theiss so eine Sendung nicht allein moderieren kann, dürfte klar sein, aber die Lösung, die Sat1 bisher gefunden hat, ist keine. Der Mann wirkt unauthentisch und unmotiviert. Schön, wie er beim Finale zu einem der Kandidaten irgendwann sagte: „Wir kennen uns ja nicht!“ So ist es. Auch die Kandidaten schienen es mitunter befremdlich zu finden, wie der Moderator auf sie zugegangen ist. Für das nächste Jahr wünsche ich mir eine andere, bessere Lösung.

2.) Die Preise für die Zweit- und Drittplatzierten

Gutscheine für ein Fitness-Studio? Im Ernst, Sat1? Schon klar, Product Placement. Und FitnessFirst ist euer Sponsor. Und dass man die noch mal in Szene setzen muss, ist verständlich. Aber mal wirklich, ganz im Ernst: Was sollen Menschen, die gerade innerhalb von sechs Monaten einen Großteil ihres Gewichts durch Ernährungsumstellung und Mitgliedschaft in einem Fitness-Studio verloren haben, mit einem Gutschein für ein Fitness-Studio? Dass hier FitnessFirst so dämlich ins Bild kommen muss, empfinde ich persönlich als größte Lächerlichkeit dieses Finales. Das dürfte doch auch dem Sponsor nicht recht sein.

3.) Der Nicht-Überraschungseffekt

Letztes Jahr erfuhren wir bei der Aufzeichnung des Finales (welche übrigens eine Geschichte aus der Hölle war, aber das nur am Rande), dass die Kandidaten schon vor der Aufzeichnung des Finales gewogen werden – alle. Nur so kann natürlich garantiert werden, dass es noch einen Überraschungseffekt für den Zuschauer gibt. Nur so kann natürlich garantiert werden, dass Denise gaaaanz lange auf der Couch sitzt und auf die Reise hoffen darf und dann – oh Wunder – im ALLERLETZTEN Moment Bahar ihr diese Reise noch „klaut“. Welch Überraschung! Nicht! So war es schon letztes Jahr und so ist es extrem vorhersehbar. Ich will: mehr Überraschung, mehr Unvorhergesehenes und weniger eine komplett durchgeplante Sendung mit Kandidaten, die sich vorher schon alle gesehen haben und gewogen wurden.

An dieser Stelle muss man mal Christine Theiss hervorheben, die keinen der Kandidaten sehen will, bevor sie auf die Bühne kommen – nur so ist ja auch ein Überraschungseffekt möglich. Alles andere ist minutiös geplant und alles, aber keine Überraschung. Dementsprechend authentisch ist Christines Reaktion auf die Kandidaten – das einzig Authentische an diesem Abend.

Auch die drei Finalisten werden natürlich so gewogen, dass vor dem letzten Kandidaten auch rein optisch noch nicht klar ist, wer gewonnen hat. Gähn! Kann aber doch sein, dass schon der Erste das Rennen macht. Nein?!

4.) Der Termin der Aufzeichnung

Das war doch 2012 deutlich besser gelöst. Damals wurde das Finale eine Woche vor der Ausstrahlung aufgezeichnet. Die Kandidaten hatten so nicht nur knapp zwei Monate länger Zeit, abzuspecken und für einen wirklichen Überraschungseffekt zu sorgen. Nein, damals kamen durch die spätere Aufzeichnung auch wesentlich weniger Spoiler per Facebook ans Licht. Während die Kandidaten sich penibel an die Vorgabe und Anweisung gehalten haben, keine aktuellen Fotos zu veröffentlichen, hielt sich die offizielle TBL-Facebook-Seite nicht daran und postete fleißig ein Bild aus der Finalshow – 10 Tage vor der Ausstrahlung. Das nervt und das will jemand, der wirklich intensiv diese Sendung verfolgt, nicht 10 Tage vorher wissen.

Fazit: Das Schlimmste und Schlechteste am gesamten Konzept von The Biggest Loser ist jetzt schon zum dritten Mal nacheinander das Finale. Wieso macht man daraus keine Live-Show? DAS wäre authentisch.

Was die Sendung als solche angeht, wünsche ich mir für das nächste Jahr wie viele andere mehr darüber, was die Kandidaten essen, wie sie umgestellt werden und was sie so am Tag an Sport machen – und bitte bitte weniger Show, weniger nachgestellte Streit-Szenen etc. Hier geht es doch ums Abnehmen und nur in zweiter Linie um persönliche Animositäten.

Und: Wäre es nicht möglich, statt eine prozentuale Abnahme auszurechnen, einen Wert aus gebildeter Muskelmasse, verlorenem Fett und Wasser sowie Körpergewicht zu bilden? Anders ist nicht gewährleistet, dass sich ein Kandidat nicht schon fast krankhaft auf 63 Kilo runterhungert. Anders ist auch nicht gewährleistet, dass mal eine Frau dieses „Spiel“ gewinnt. Das ist faktisch sonst nicht möglich.

Der „Super-Champion“ im ZDF

Es muss irgendwann im Mai letzten Jahres gewesen sein, als ich online eine Bewerbung zum Kandidaten für „Das Duell“ absendete. Ich dachte mir nichts weiter dabei, nur das, ein bisschen Geld zu verdienen. Eine Arbeitskollegin hatte das immerhin geschafft. Etwa drei Wochen später wurde die Sendung eingestellt. Ich dachte, meine Bewerbung sei damit ohnehin hinfällig und erinnerte mich lange nicht mehr daran, dass ich da mal was abgeschickt hatte.

März 2012, mein Telefon klingelt. Davidson TV, sie haben meine Bewerbung vorliegen und würden mich gerne für eine neue Quizshow mit Jörg Pilawa casten. Gut, denke ich mir, hast ja nix zu verlieren, sollen sie mal machen. Am späten Nachmittag des gleichen Tages folgt ein Telefonat mit einer jungen Frau von Davidson TV. Zunächst mal wildert sie durch mein Privatleben, will wissen, ob ich Piercings, Tätowierungen oder ungewöhnliche Hobbys habe. Oh ja, ungewöhnliche Hobbys habe ich wohl, zumindest eins. Ich berichte von meiner Roxette-Leidenschaft, die sie aber nicht weiter zu interessieren scheint. Tut mir ja leid, aber ICH finde es schon außergewöhnlich, für ein Konzert in andere Länder zu fahren oder zu fliegen. Als wir das alles durchgekaut haben – auch meine Leidenschaft für Fußball – fragt sie, ob es nicht noch irgendetwas gibt, das man über mich wissen müsste. Nee, denke ich, besser nicht.

Dann startet ein Telefon-Casting. Die Dame stellt mir insgesamt 24 Fragen aus fünf Kategorien – Natur, Geographie, Film, Politik und Sport. Ich sitze derweil am PC und google fleißig ein paar Antworten auf die Fragen. Sie hört das nicht, ich kann das nämlich sehr leise. Google leistet mir gute Dienste, fast jedes Mal ist der erste Treffer auch die richtige Antwort. Ja, ich entwickle in diesem Moment tatsächlich ein bisschen Spiel-Ehrgeiz und will unbedingt wissen, was passiert, wenn ich so viele Antworten wie möglich richtig habe. Es passiert, dass ich eine Runde weiter bin. Die junge Frau will meine Unterlagen weiterreichen, sodass ich baldmöglichst zum Video-Casting eingeladen werde. Video-Casting? Aber wieso? Sollte ein Kandidat nicht einfach sein, wie er ist? Und wenn er ruhig und langweilig ist, liegt es dann nicht am Moderator, was rauszuholen? Herr Jauch kann das doch auch?

Egal, ich muss zum Video-Casting. Ich will immerhin 500.000 Euro gewinnen, obwohl ich das jetzt schon für famos halte. Denn es ist meines Erachtens unmöglich, fünf Prominente in deren Spezialkategorien zu schlagen. Bei den Ausstrahlungen der letzten Woche hatte es auch keiner geschafft und Herr Pilawa hat versprochen, dass „nächste Woche auf jeden Fall ein Super-Champion“ gekürt wird. Ich kann die Sendung aufgrund meines Spätdienstes nun leider nicht mehr verfolgen, aber ich will das auch gar nicht.

Nun, eines Samstags sitze ich jedenfalls in Köln bei Davidson TV. Vor mir im Warteraum sitzt ein älterer, ruhiger Mann, von dem ich glaube, dass er in etwa so viel zu erzählen hat wie ich. Er IST halt Mensch. Muss man immer Außergewöhnliches tun, um außergewöhnlich oder besonders wertvoll zu sein? Er geht vor mir ins Studio und ich bleibe allein zurück. Dann kommt eine ältere Frau rein, legt meinen Bewerbungsbogen vor mir auf den Tisch und bittet mich, falsche Daten zu korrigieren und den Rest zu vervollständigen. Noch mal werde ich nach ungewöhnlichen Hobbys, Leidenschaften oder Spezialitäten gefragt. Habe ich keine. Tut mir ja leid. Ich mag mich trotzdem!

Auf dem ersten Blatt steht in der Mitte, dass man sich für den Zeitraum 21.3 – 10.4. besser nichts vornehmen soll, denn wenn man als Kandidat genommen wird, dann kommt das Filmteam ins Daheim und macht eine Home-Story. Ok, denke ich mir, wenn ich bis Ende März nichts mehr höre (ich trage ein, dass ich vom 21.3.-24.3. nicht erreichbar bin), dann habe ich es auch nicht geschafft. Während ich meinen Zettel ausfülle, kommt ein großer, lauter Mann mit kleinem, blonden Sohn herein.

Er heißt Frank. Und offensichtlich ist er Angler. Denn es dauert ungefähr eine Minute, bis er eine Plastiktüte herauskramt, seine komplette Anglermonitur aus der Tüte fischt und sich umzieht. Er wird jetzt tatsächlich zum Angler. Mit Angel, Haken und Plastikfisch. Mir ist schlecht, ich schäme mich fremd und ich möchte eigentlich jetzt gehen. Das Kind tut mir ein bisschen leid.

Bevor ich mich entscheiden kann, wegzulaufen, werde ich aufgerufen. Mir wird das Prozedere erklärt – auf den Stuhl setzen, die Dame neben der Kamera angucken (und NUR sie, niemanden sonst, auf keinen Fall irgendwo anders hinsehen!!!) und diverse Multiple Choice- und freie Fragen beantworten. Bevor sie die Fragen stellt, will sie noch, dass ich mich vorstelle. Ja, ich bin dann doch etwas nervös, als ich auf dem Hocker Platz nehme und verpacke zu viele Informationen in zu vielen Wörtern in der falschen Reihenfolge in einem zu langen Satz. „Ich bin Kirsten, Roxette-Fan, arbeite als Volontärin, fahre auf Konzerte und spiele Fußball, wenn ich Gassi gehe“. Oder so. Nach diesem Satz fange ich mich allerdings und die Dame hilft mir, mich zu konzentrieren. Das kann sie gut. Wir reden kurz und eigentlich denke ich, dass ich ganz gut rüberkomme. Ich lache viel. Hinterher fällt mir ein, dass ich eine Zahnlücke habe (der 1.4 fehlt) und das vielleicht nicht so gut ankommt. Schon gar nicht in der Kombination mit einem mittlerweile eher gelben statt blauen Auge, das ich mir beim Fußball zugezogen habe. Eventuell denken Kameramann und Anweiserin, dass ich ein Opfer häuslicher Gewalt bin. Das wird mir aber erst hinterher bewusst. Doch wäre es dann nicht viel netter, mich zu nehmen, damit ich mit den 500.000 Euro endlich meinen Alten in den Wind schießen kann?

Nach der Vorstellung kommen die Fragen. Im Nachhinein bin ich mir sicher, dass ich nur zwei nicht wusste. Also wieder eine ordentliche Bilanz. Aber offensichtlich bin ich zu fett, zu blass und zu kurzhaarig. Denn ich höre nichts mehr von Davidson TV. Stattdessen meldet sich meine Arbeitskollegin. Die, die bei „Das Duell“ war. „Davidson TV hat mich angerufen, die wollen mich für den ‚Super-Champion‘ casten“. Aha, denke ich. Da ist es ungefähr Ende März, und die Sendung wird ja schon am 11. April aufgezeichnet. Für mich ein Zeichen, dass die gesamte Kandidatenauswahl nicht prall gewesen sein kann. Denn jetzt nimmt man sich einfach Kandidaten früherer Quiz-Shows – siehe WWM-Gewinner Prof. Freise, der da plötzlich auch wieder auftaucht. Von Davidson TV höre ich nichts mehr.

Bis Anfang April. Eine Absage.

Sehr geehrte Frau O,

vielen Dank für Ihre Teilnahme am Casting für die Sendung „Der Super-Champion 2012“. Die Auswahl der Kandidaten ist dem Sender sehr schwer gefallen und hat deshalb bei einigen Kandidaten auch etwas länger gedauert. Im Ergebnis müssen wir Ihnen jedoch mitteilen, dass Sie leider nicht zur Kandidatenauswahl für die Sendung gehören.

Wir bedauern sehr, dass es diesmal nicht geklappt hat und bedanken uns für die Mühe, die Sie sich gemacht haben. Wir würden uns sehr freuen, wenn Sie unsere Castings für andere Sendungen auch weiterhin verfolgen. Über unsere Internet-Seite unter www.davidsontv.de können Sie sich ständig aktuell informieren. Oder abonnieren Sie dort einfach unseren Newsletter. Ihre Daten behalten wir weiterhin gerne in unserer Datenbank, um für andere Sendungen auf Sie zuzukommen. Sollten Sie dies nicht wünschen, melden Sie sich bitte bei uns. Wir löschen Ihre Daten dann selbstverständlich.

Wir wünschen Ihnen, trotz der schlechten Nachricht, eine schöne Restwoche und erholsame Ostertage. Wir freuen uns auf das nächste Casting mit Ihnen.

Für Fragen stehen wir Ihnen natürlich gerne zur Verfügung.

Danke für die Mühe, die ich mir gemacht habe? Eigentlich war es eher lustig. Und von den 50 Euro, die ich für die Fahrt zum Video-Casting nach Köln ausgegeben habe, spreche ich an dieser Stelle mal lieber nicht. Ich bin allerdings dennoch ein wenig ungehalten, weil die Absage so lange hat auf sich warten lassen. Gut, ich hatte den Vorteil, dass ich von den Nach-Castings wusste. Trotzdem unerhört. Und besonders unerhört ist der Satz, dass sie meine Daten gerne in ihrer Datenbank behalten, um für andere Sendungen auf mich zuzukommen. Ja, Entschuldigung, aber.. wenn ich diesmal schon nicht telegen genug gewesen bin, dann bei einer anderen, spröderen, langweiligeren Sendung auf jeden Fall? Nee, mag nicht mehr. Ich antworte, dass sie mich ruhig löschen können, weil ich nicht glaube, dass sich an meiner Fernseh-Ausstrahlung langfristig etwas ändern wird. Otto-Normal-Verbraucher werden ja offensichtlich nicht gesucht.

Ich vergesse die ganze Geschichte. Bis letzte Woche Samstag. Wir kommen vom Fußball, haben endlich mal wieder gewonnen, Pizza in der Hand und machen die Glotze an. Durchzappen. Es ist schon spät und jetzt noch in einen Film reinzuschauen ist sinnlos. Wir zappen, bis wir bei Pilawa hängenbleiben. Ich erinnere mich auf einmal wieder. Wir gucken ein paar Minuten zu und in meinem Kopf steckt nur noch ein Gedanke: GOTT SEI DANK WURDE ICH NICHT GENOMMEN. Dieser Gedanke wiederholt sich mantraartig. Was sich da auf dem Bildschirm abspielt, ist einfach nur peinlich. Ich sehe eine quietschige „Journalistin“ im Dirndl. Blond, laut, Typ Tussi. Sie scheitert. Es folgt ein Mann. Typ Bodybuilder. Er ist Stripper in Olivia Jones‘ Club auf der Reeperbahn in Hamburg. Nach der ersten Runde bittet Pilawa ihn, zu strippen. Er tut es. Aber auch er scheitert. Es folgt ein Mann. Typ ungepflegt. Er trägt einen Schottenrock. Er ist nicht blöd, scheitert aber ebenfalls. Und auch sein Nachfolger – Typ Vorzeigestudent – scheitert kläglich. Dass keiner durchkommt, ist nicht das eigentliche Drama.

Dass die sich vor einem Millionenpublikum zum Horst machen, das ist das Drama. Und dass sie es für NICHTS tun, ist noch viel schlimmer. Denn gewinnen tut an diesem Abend keiner der Kandidaten. Wie will man auch Dirk Steffens im Bereich Natur schlagen? Ich atme tief durch und schäme mich immer noch.

Am peinlichsten sind für mich die „Home-Storys“ der Kandidaten. Das ist Privatfernsehen. Das ist so billig, das ist so niveaulos. Ich frage mich, wofür ich Rundfunkgebühren zahle. Und ich frage mich, ob das ZDF ernsthaft glaubt, mit dieser Show junges Publikum anzuziehen. Ich stelle mir vor, wie ein Kamerateam an meinem Arbeitsplatz, bei meinem Fußballverein und bei mir Zuhause aufläuft und Bewegtbild aufnimmt. Ich atme tief durch. Ich darf privat bleiben. Wie gut!

Am nächsten Morgen bekomme ich eine SMS meiner Arbeitskollegin: GOTT SEI DANK HABEN WIR DA NICHT MITGEMACHT!

Amen!

Gestern gesehen: Kissenschlacht auf Sat.1

Ich bin Freundin der seichten Fernsehunterhaltung. Dienstagabends darf es also gerne mal eine seichte deutsche Komödie sein. Gerne auch auf Sat.1. Erst kürzlich lief dort eine herrliche Komödie mit Valerie Niehaus – die Ur-Julia aus Verbotene Liebe, die von Nina Bott beerbt wurde. Niehaus hatte eine Pornofilmproduktionsfirma von ihrem Mann geerbt, von deren Existenz sie gar nichts gewusst hatte. Sehr lustig gemacht, gute Gags, nette Bilder, schön seicht. Nun ja, dass es auch anders geht, durften wir gestern Abend beim Film „Kissenschlacht“ bewundern.

Von der Besetzung einmal abgesehen – Steffen Groth als werdender Vater, Christiane Krüger als hysterische Schwiegermutter und Didi Hallervorden als Lustmolch und Teresa Harder als Haushälterin – war der Film eigentlich alles, aber keine Komödie. Und noch dazu einfach schlecht. Und das aus mehreren Gründen:

1.) Das Thema: Elternsein und Eltern werden, das wünschen sich viele. Bei vielen klappt es nicht und vielen fehlt vielleicht auch ein bisschen Lockerheit, um mit dem Thema umzugehen. Aber sich eine russische (muss erwähnt werden, denn die Rolle der Leihmutter wirkt zwischendurch so, als ob sie dümmlich sei) Leihmutter zu suchen, die dann das eigene Kind austrägt – taugt dieses Thema für eine Komödie? Und wenn ja, wieso war dieser Film nicht lustig? Es ist extrem schwierig, so ein Thema komisch aufzubereiten. Dieser Film hat es leider nicht geschafft, was sicher auch an der Rolle der Frau liegt, die sich neun Monate gar nicht für die Leihmutter interessiert, aber mit Kissenbauch eine eigene Schwangerschaft inszeniert und ihrem Gatten sogar den Beischlaf verweigert. Unlustig.

2.) Komik? Nach etwa einer Stunde hatte ich das Schema des Films durchschaut. Es war eine Aneinanderreihung von vermeintlichen Missgeschicken, die das werdende Paar in kompromittierende Situationen brachte. All diese Situationen wurden jedoch nicht komisch aufgelöst, sondern irgendwie gar nicht. Ich kann mich jedenfalls an keine Stelle in diesem Film erinnern, an der ich laut aufgelacht hätte. Gegen 21 Uhr hatten wir sogar schon mal weggeschaltet, weil wir sicher waren, dass es noch was besseres im TV geben musste. Nach einer Runde Zapping kehrten wir zu Sat.1 zurück. Es gab – für uns – nichts besseres. Schlimm genug eigentlich. Aber immerhin stimmte so der Prisma TV-Tipp des Tages. Peinlich genug, denn die:

3.) Logik stimmte leider auch nicht. Der Film beginnt etwa drei Monate vor Beginn der Leihmutterschaft. Es ist Sommer. Drei Monate später ist immer noch Sommer. Und als der werdende Vater mit der im sechsten Monat schwangeren Leihmutter und deren Erstgeborenem im Park Fußball spielt, ist immer noch Sommer. Ach, und bei der Geburt des Babys, man ahnt es, ist immer noch Sommer. Ich möchte auch nach München ziehen, denn da ist einfach immer Sommer.

Spätestens nach dieser Feststellung fühlte ich mich von der Produktionsfirma doch ein bisschen verschaukelt. Kissenschlacht bekommt von mir eine 6+. Den Pluspunkt gibt’s für Hallervorden, Krüger und Harder. Wir haben uns dann auch die Frage gestellt, ob Hallervorden und Krüger zu Castings gehen, oder ob ihnen Rollen wie diese angeboten werden – was auch immer es in diesem Fall war, schmeichelhaft ist’s für beide nicht. Geldmangel?