From hero to zero

Ich – bevor das Drama losging.

Die besten Einfälle zu Texten habe ich blöderweise ganz früh am Morgen im Halbschlaf. Meistens so gegen 4 Uhr oder 4.30 Uhr, wenn ich sowieso gerade auf war, um einen Hundehaufen zu beseitigen (fragt nicht, das gehört eben jetzt dazu, Nena ist eine alte Lady).

So auch heute Morgen. Wie im Traum machte ich sauber, lüftete und wartete, dass es gut genug roch, um die Fenster zu schließen. Für gewöhnlich liege ich während dieser fünf bis zehn Minuten im Bett und dämmere vor mich hin, während die mittlerweile laue, schöne Frühlingsluft hereinweht.

Das sind die Minuten, in denen mir irgendwelche Textfetzen, Themen und Ideen durch das Hirn rauschen. Blöderweise schaffe ich es nie, sie aufzuschreiben oder ins Handy zu sprechen. Sie rauschen einmal durch meinen Kopf, dann sind sie weg. Wie ein ICE auf der Fahrt durch Gießen. Dann mache ich das Fenster zu, lege mich wieder hin und schlafe fast sofort ein. Meistens erinnere ich mich beim Aufwachen, dass ich irgendeinen Schreibeinfall hatte, aber die Fetzen, die sind weg.

Ich erinnere mich jedenfalls, dass ich heute Morgen auf einmal daran dachte, wie ich in der sechsten Klasse von meinen Klassenkameraden gemobbt wurde. Ein ganzes Jahr lang. Ich hatte einen wunderbaren Texteinstieg dafür, doch der ist weg. Ich schreibe diesen Beitrag jetzt trotzdem, weil die Erinnerungen an diese Zeit durch die Gedanken heute Morgen so stark sind.


Als wir in der neuen Schule in die fünfte Klasse kamen, wurden unsere beiden Grundschulklassen aus der alten Grundschule im Grunde zusammengelegt. Die Teile der früheren 4a und 4b, die sich für diese Schule entschieden hatten, wurden zur neuen 5a. Die meisten hatten also ihre Freunde dabei. So auch ich. Und recht schnell gewann ich neue Freunde – aus der früheren Parallelklasse vor allem. Es waren noch andere Kinder anderer Schulen in der Klasse, mit denen ich mich ebenfalls gut verstand. Ich war ein offenes Kind, witzig, manchmal bissig, aber nie bösartig, daher gelang es mir auch schnell, mich anzufreunden.

Dies führte dazu, dass ich schnell mit den Leuten abhing, die der „heiße Scheiß“ waren, die „In-Clique“. Wenn ich mich richtig erinnere, waren wir so sieben oder acht Leute. Ich kam mit einem der Jungs zusammen, wobei außer Händchenhalten und hier und da mal ein Schmatzer natürlich nichts lief. Hey, wir waren 10!

In den folgenden Monaten verbrachten wir als Clique fast unsere komplette Freizeit miteinander. Wir liefen draußen rum, machten Blödsinn, lachten und hatten uns irgendwie gern. Das funktionierte ein Jahr lang prima. Am Ende der fünften Klasse wurde ich dann zur stellvertretenden Klassensprecherin gewählt. Da klar war, dass wir als Klasse noch ein Jahr zusammenbleiben würden, fand diese Wahl vor den Sommerferien statt. Einer der coolen Jungs wurde Klassensprecher.

Und dann kippte auf einmal die Stimmung. Nach den Ferien war ich auf einmal „out“. Der Junge machte Schluss, das war der erste Schritt. Ich verstand nichts. Noch im Mai hatten wir auf der Klassenfahrt ins Kleinwalsertal richtig zeremoniell „geheiratet“ und mochten uns und hatten jede Menge Spaß. Im August war alles vorbei. Ich weiß eigentlich bis heute nicht, was passiert ist.

Doch innerhalb weniger Wochen startete die wohl schlimmste Zeit, die ich in der Schule jemals haben sollte. Ich wurde verspottet, meine Kleidung wurde verspottet, alles, was ich sagte, war lachhaft geworden, ich spielte keine Rolle mehr, man hasste mich. Zumindest die Jungs taten es. Eine aus der Gruppe stand halbwegs tapfer an meiner Seite, versuchte, sich nicht zu sehr beeindrucken zu lassen.

Aber aufgestanden ist keiner. „Stopp“ hat auch niemand gesagt. Und wenn ich mein Leid klagte, hieß es meistens: „Du musst die ignorieren. Wenn du sie ignorierst, verlieren sie den Spaß und hören auf.“ Ich versuchte es. Aber ich war 11. Wer kann mit 11 böse Sprüche und Hohn und Spott ignorieren und da ohne Schaden rauskommen?

Der absolute Tiefpunkt war erreicht, als ich in einer Bio-Stunde (so meine ich) von mir gab, dass Kühe Fleisch fraßen. Wörtlich: „Kühe fressen doch auch Fleisch.“ Ich, Stadtkind, 11 Jahre alt, ich wusste es nicht besser. Mehrere Wochen, Monate lang wurde mir dieser Satz jeden Morgen feinsäuberlich, schön langsam und schmerzend vorgehalten. Wie dumm ich doch sei, dass ich so etwas nicht wusste. Vor allen. Immer und immer wieder. Und ich hatte immer noch keine Ahnung, was ich eigentlich in diesen Sommerferien und den ersten Wochen nach Schulbeginn verbrochen hatte. Mein Ex-Freund hatte inzwischen Gefallen an einem Mädchen aus einer Parallelklasse gefunden. Sie war definitiv hübscher als ich, so viel war mir klar.

Heute weiß ich, dass ich damals wohl schon anfing, mich zu dem zu entwickeln, was ich heute bin: bisexuell, keine wirklich weibliche Frau, sportlich, eigenbrödlerisch oder wie jemand später in der Abi-Zeitung vermerkte: „seltsam“. Das bislang größte Kompliment, das ich erhalten habe.

Meine Mitschüler in der sechsten Klasse waren hingegen nichts als grausam. Dass sie keine körperliche Gewalt anwanden, war alles. Ich schloss in dieser Zeit ein paar Freundschaften mit Jungs und Mädchen, die wie ich nicht in eine Norm zu pressen waren, die ihren eigenen Weg gingen. Dieses Andere, ich glaube heute, das machte den Jungs damals Angst. Es ist die beste Erklärung, die ich habe.

Dass ich in diesem Jahr nicht daran zerbrochen bin, was mir an psychischer Grausamkeit angetan wurde, ist ein Wunder.

Ich erinnerte mich dieser Tage schon einmal an dieses ganze Thema, das ich sonst lieber verdränge, weil ich kürzlich einen Frühjahrsputz auf Facebook gemacht habe. Dort waren eben auch ein paar Leute dieser Clique dabei, die mich so gequält haben. Im Nachhinein frage ich mich, wieso sie überhaupt das Privileg erhielten, zu meinen Freunden zu gehören. Auch hierauf habe ich keine Antwort. Nun flogen sie aus der Liste, mit spätem Zorn in meinem Herzen. Bis heute hat sich niemand entschuldigt.

Diese Jungs waren dann auch später noch lange in meiner Klasse, bis zur Jahrgangsstufe 10. Die Gehässigkeiten ließen jedoch nach, denn wir ignorierten uns einfach. Ich fand sie scheiße, sie mich. Ich hatte andere Freunde.

Manchmal stellten es andere gerne so hin, als sei das ja alles nicht so schlimm gewesen, damals in der sechsten Klasse. Doch, war es. Es war die Hölle. Ich hatte Angst, morgens in die Schule zu gehen. Ich hatte Angst, mein Ding zu machen, mein Leben zu leben. Ein verdammtes ganzes Jahr lang.

Warum schreibe ich das auf? Ich schreibe es an die Eltern, die Kinder, die gemobbt werden. An alle Betroffenen: Geht euren Weg, lasst euch nicht aufhalten. Ihr seid wertvoll. Und wenn ihr gemobbt werdet, hat es nichts mit euch zu tun, sondern mit der Unfähigkeit anderer, anderes zu akzeptieren. Sie sind die Schwachen und ihr seid die Starken. Weil sie das erkannt haben, hacken sie so lange auf euch herum, bis ihr kleiner seid als sie. Das ist zumindest meine Erfahrung. Aber lasst euch bitte niemals davon abhalten, euren Weg zu gehen. Es gibt mehr als einen. Die Geschichte zeigt es so deutlich.

Und wenn es ganz schlimm wird, dann sucht euch wirklich Hilfe auch innerhalb der Schulleitung, beim Vertrauenslehrer, je nach Schwere des Mobbings auch bei der Polizei. Diesen Zustand muss niemand ertragen, niemand hinnehmen.

Niederlage ohne Kampf

Zwischendurch ertappe ich mich dabei, dass ich mich frage, wieso ich mich überhaupt so allein, so verloren, so verlassen fühle. Und dann kommt die Erkenntnis. Ich habe nicht nur meine Lebensgefährtin verloren. Ich habe so viel mehr verloren. Meine Freundin, meine Liebhaberin, meine Wegweiserin, meine Unterstützerin, meine Partnerin im Stillen und im Lauten, meine Konstante, meine Vertraute, meine Beraterin, meine Gesprächspartnerin Nr. 1, mein Licht in dunkler Nacht. Ich bin plötzlich allein in so vielen Bereichen, in fast allen. Es ist ungewohnt, unschön und ungewollt.

Jeden Tag ein neuer Gedanke, eine neue Idee dazu, wie das alles passieren konnte. Nichts, was mich weiterbringt. Und am allerschlimmsten ist für mich, dass ich nie eine Chance hatte, zu kämpfen. Vollendete Tatsachen. Keine Gefühle mehr. Fertig. Nach 6,5 Jahren keine Chance, diesen Kampf zu gewinnen, weil es ihn für mich nicht gab. Eine Niederlage ohne Kampf. Eine Niederlage ohne die Gewissheit, alles gegeben zu haben.

Und so tut es nach vier Wochen noch genauso weh wie am ersten Tag. Tränen, Zorn, Fassungslosigkeit, Schmerz, Verzweiflung, Alleinsein, verlassen worden sein, verloren sein, alleine aufwachen und es hassen.

Da muss ich 35 werden, um den schlimmsten Liebeskummer meines Lebens zu erleben.

Man sagte mir, es dauere ein Jahr, bis es vorbei ist. Bis man alles einmal alleine durchlitten hat. Den ersten Frühling, den ersten Geburtstag, den ersten Sommer, den ersten Herbst, den ersten Winter, das erste Weihnachten, Daten, die mit besonders schönen Erinnerungen verbunden sind.Der erste Jahrestag der Trennung.

Ich hoffe, ich kann vor Ende dieses Jahres wieder befreit lachen.

Ich.

Ich bin noch nicht angekommen. Ich bin nicht mal sicher, ob ich das Ziel kenne. Ich weiß auch nicht, in welche Richtung ich gehe. Es fühlt sich nicht so an, als ginge ich vorwärts. Eher so, als trete ich auf der Stelle. Ich weiß nicht, wo ich hin muss. Ich habe sogar vergessen, wo ich herkomme. In seltenen Momenten überwältigt mich dieses Gefühl, das von ganz tief unten kommt und sich nach oben kämpft, direkt in meinen Kopf. Der wird dann ganz schwer und gleichzeitig ganz leicht und Erinnerungen spazieren durch mich. In Form von Gefühlen und Gedanken. Dann weiß ich es. Wo ich herkomme. Und wo ich mal hin wollte. Ich weiß nur nicht mehr, ob ich auf diesem Weg noch bin. Ob ich überhaupt auf einem Weg bin. Und ob man überhaupt auf einem Weg sein muss.

So viele Menschen haben so viele Ziele im Leben. Ich habe keines. Ich brauche kein dickes Auto, nicht viele Geldscheine auf der Bank oder einen Job, der mein Selbstbewusstsein steigert. Ich will auf meiner Couch sitzen und in die Luft gucken. Ab und zu eine Serie bingewatchen. Spazieren gehen, reisen, Konzerte besuchen. Geliebt werden und zurücklieben. Gestreichelt werden und zurückstreicheln. Meinem Hund in die Augen gucken. Hier und da einen Kuchen backen. Ausschlafen. Durchschlafen. Tief atmen können. Ruhig sein. Einfach nur ruhig sein.

Viele von diesen Dingen tue ich bereits, sehr sehr viele. Einzig, es ändert sich nichts. Weil ich keine Ruhe habe. Weil ich in mir nicht die Gewissheit trage, dass all diese Tätigkeiten mein Glück sind. Mit sich im Reinen sein, glücklich sein, einer erfüllenden Arbeit nachgehen, zufrieden sein – all das hatte ich vielleicht mal. Jetzt weiß ich gar nicht mehr, wie sich das anfühlt.

Über allem schwebt die Angst. Sie hält mich gefangen, aber sie hält mich auch frei. Dass ich mich an ihr festklammern kann, gibt Halt. Es ist ein Trugschluss zu glauben, dass sie ein Halt sei. Aber ich halte mich an ihr fest, weil es nichts anderes gibt, an dem ich mich festhalten kann. Weil ich gar nicht mehr weiß, wer ich bin. Und warum ich bin, wie ich bin. Und wieso ich das und mich nicht so annehmen kann, wie ich bin.

Immer denke ich in solchen Momenten, ich müsse mein Leben umkrempeln, was Neues anfangen, alles stehen und liegen lassen – und dann verlässt mich der Mut. Denn eigentlich geht es mir doch gut in meinem Leben. Und da ich gar nicht weiß, was mir wirklich Seelenfrieden bringt, traue ich mich auch gar nicht mehr, überhaupt noch etwas auszuprobieren.

Was mir sonst immer Kraft gab, das Reisen mit Roxette, war dieses Jahr am Ende auch nur noch ein Kraftakt, beendet mit einer Panikattacke und völlig erschöpft in der Wiener Stadthalle. Und so ist es mit vielen Dingen, von denen ich dachte, sie gäben mir Kraft. Bis ich verstand, dass diese Kraft immer nur durch ein festes Fundament im Innern kommt. Die ist leider weg – und wohin ich auch gucke, ich finde sie nicht.

Wie schaffe ich es, dass jedes neue Jahr zum besten meines Lebens wird? Was muss ich tun? Einfach nur SEIN? Falls ja, wie geht das? Ich habe es über die vielen Pflichten, Erledigungen, schlechtgelaunten und ernsten Menschen und den Alltag vergessen.

Zum Muttertag

Meine lieben Eltern,

nicht erst seit ge7stern, seitdem eine bärtige Frau beim Eurovision Song Contest aufgetreten ist und gewonnen hat, denke ich darüber nach, welche tollen Werte ihr mir vermittelt habt, wie überwiegend tolerant ich durch die Welt gehen kann.

Das liegt vielleicht nicht nur daran, dass ich durch meinen Lebensstil selbst Toleranz erwarten muss, dass ich erwarten muss, dass man mich so annimmt, wie ich bin. Ihr habt mir nie eintrichtern wollen, dass Andersartigkeit, alles andere als die Norm, eine Krankheit, eine Abnormität oder etwas von Gott nicht Gewolltes ist. Die Menschen sind eben so, wie sie sind, sagt ihr. Da gab es den einen, den schwulen Kneipenwirt, dessen Lebensgefährte der Koch war. Wie oft waren wir da und haben bei ihm gegessen, mit ihm gelacht, auf ihn getrunken. Es waren die 80er Jahre, ich war ein Kind, und es spielte nie eine Rolle, dass er Männer liebte.

Dass meine beste Freundin sich in der Pubertät auf einmal entschloss (nein, sie stellte es fest, aber irgendwie entscheidet man es auch, wenn man es zulässt), Frauen lieber zu mögen, hat euch nicht beunruhigt. Wussten wir sowieso schon, haben sie gesagt. Eine andere Freundin hatte auf einmal auch eine Freundin. Ich wusste gar nicht, was ich wollte. Mir war es egal, ich wollte mich ernsthaft verlieben. Bei all dem habt ihr mir Zeit gelassen, mich unterstützt und mich immer wieder bestärkt.

Es kam die Zeit, in der ich eine Beziehung unterhielt, die euch nicht gefallen konnte. Er war zwar ein Mann, aber viel zu alt für mich und aufgrund seiner Stellung, seiner Lebenssituation und aller anderen äußeren Umstände nicht gut für mich. Ihr hattet eigentlich keine andere Wahl, als das irgendwie zu tolerieren. Ich war schon 18. Ihr habt mir immer mitgeteilt, dass ihr euch Sorgen macht, aber ihr habt euch nie eingemischt. Wie dankbar ich euch heute dafür bin! Ich durfte meine eigenen Fehler machen, meine eigenen Entscheidungen treffen und diese selbst wieder umkehren, wenn sie mich in eine Sackgasse geführt haben.

Die Zeit verging und ich stellte fest, dass auch für mich Frauen das schönere Geschlecht sind. Vielleicht ahntet ihr es damals schon, vielleicht auch nicht. Als ich es euch sagte, habt ihr nicht mal das Gesicht verzogen, mit den Schultern gezuckt und gesagt: „Werd glücklich, Kind. Wenn es das ist, was dich glücklich macht, dann ist doch alles in Ordnung.“ Wie selbstverständlich das für mich war und wie sehr ich jetzt weiß, dass das überhaupt nicht selbstverständlich ist, nachdem ich immer wieder erlebe, wie wenig Eltern mit der Homosexualität ihrer Kinder leben können. Wieviel Glück ich doch mit euch habe!

Auch die anderen Entscheidungen meines Lebens habt ihr getragen. Das Kind will Abitur machen? Na klar doch. Ich war das erste Familienmitglied, das Abitur gemacht hat. Ich war die Erste, die studiert hat. Dass mich dieses Studium demnächst in die Arbeitslosigkeit führen wird, konntet ihr nicht ahnen, das konnte keiner. Wir konnten allenfalls ahnen, dass das mit dem Journalismus vielleicht keine ganz so gute Idee sein würde. Vielleicht hätte ich eine solide Ausbildung zur Bürokauffrau machen sollen. Aber auch hier standet ihr immer hinter mir, habt nicht auf mich eingeredet, mich machen lassen. Wenn es das Schreiben ist, was Dir liegt, dann mach das, habt ihr gesagt. Auch wenn ich weiß, dass das die richtige Entscheidung für mich war, wirtschaftlich war es die falsche.

Dass ich acht Jahre studiert und mir mit drei Nebenjobs das Studium finanziert habe, bricht mir jetzt das Genick. Keine Auslandsaufenthalte, keine Bonus-Qualifikationen, keine mehrjährige Berufserfahrung. Ich habe Journalismus studiert, kann Geschichte, das war es.

Am Anfang und Ende jedes Weges standet immer ihr. Und auch am Wegesrand. Mal mit Wasser, mal mit einem Handtuch, mal mit einer anfeuernden Handbewegung, mal mit lauten Rufen – danke, dass ihr immer für mich da wart und seid. Nicht jeder auf diesem Planeten hat solche Eltern und vielleicht musste ich 32 werden, um das zu begreifen.

Danke für alles und alles Gute zum Muttertag, liebe Mudder! 🙂

Moment

Moment

Streiche durch dein Haar – endlos.
Wimpern zucken, Haut vibriert.
Fühlst dich gefesselt, bist frei wie ein Vogel.
Der Moment gefriert in endlicher Zeit,
Alles fliegt, Sekunden vergehen.

Drückst, ziehst, gehst und kommst.
Ein Schritt, zu laut.
Schaust auf, verlierst, doch nur dich.
Berühre dich hier und dort
Schauderst, zögerst, begehrst und willst.

Schließt die Augen, ganz nah.
Saugst mich ein, reibst mich auf,
gibst mir Luft zum Atmen.
Ich zucke, erwache und sehe.
Einen Traum.

Bewegen

Den Kopf voller Leere,
die Füße nach hinten stehend,
nichts bewegt sich
mehr als das,
was ich zu sein scheine.

Keiner schiebt die Wolken
So schön wie du
Zur Seite, so leicht,
doch nur hier in mir
dreht es sich weiter.
Den Blick nach hinten gerichtet,
blind schwankend,
in die Ungewissheit stolpernd,
bringt mir das Taumeln
diesmal keinen Drehwurm.

Mit unspürbarer Kraft
Fühle ich mich schwach,
in den Gedanken,
die nur Dich kennen
und nicht loslassen wollen.

Der Glanz Deiner Augen
Erlischt in meiner
Verblassenden Erinnerung
An Dich und unsere Zeit
Des Erlebten.

Wenn es nur die Zeit
ist, die zu heilen
vermag, was wir krank
machten, werden wir es
sein, die daran gesunden.

Der hoffnungslose Glaube
An unsere schwächste Stärke
Überwindet den Kampf
Der unnötig und wild
In unseren Köpfen tobt.

Den Weg zurückgehend,
den Schritt nach hinten,
mit den Augen nach vorne,
den Eingang zur Zukunft
diesmal nicht verpassend,
werde ich wieder
alles gleich tun.
Für Dich!

Da war nichts..

Sie starrte auf seinen Mund, als könnte sie ihm die Wörter, die sie so gerne hören wollte, auf die Zunge legen. Doch er sagte nichts. Er starrte quer über den Messeplatz, auf dem sie geparkt hatten. Dann öffnete sich sein Mund. Und schloss sich wieder. Nach ein paar Sekunden öffnete er sich erneut. Nur, um sich wieder zu schließen. Dann schlug er die Augen nieder. Sie traute sich nicht, etwas zu sagen. Jedes Wort, dachte sie, könnte das falsche sein. Während sie ihn anstarrte, hatte sie fast vergessen, dass sie sich an den Händen hielten. Sie rutschte unruhig auf ihrem Sitz hin und her. Auf dem Sitz in dem Auto, in dem sie viele schöne, aber viel zu kurze Stunden verbracht hatten. Heimliche Stunden. Sag doch was, dachte sie. Doch alles, was er sagen würde, wäre das, was sie ohnehin schon immer gewusst hatte, aber niemals begreifen wollte. Er hatte nie etwas anderes behauptet als das, was die Wahrheit war. Dass er seine Frau nicht verlassen würde. Nicht für sie. Und auch für keine andere. Weil sie zusammengehörten. Genug, um sich nicht zu trennen. Aber nicht genug, um nicht andere Frauen nebenher zu haben. Oder nur eine. Nämlich sie. Die, die so viel jünger war als er. Die ihn aber so sehr liebte, dass es fast schmerzte. Die erste große Liebe.

Er sagte immer noch nichts. Er starrte raus. „Du weißt es doch“, sagte er schließlich. „Wie die Situation ist. Ich wollte dir nie das Herz brechen, aber ich glaube, ich habe dich für das restliche Leben verdorben.“ Sie verstand nur den ersten Teil. Wie die Situation ist. Dass er sich nicht trennen würde. Sie dachte über den zweiten Satz nach. Dass er sie verdorben habe für ihr weiteres Leben. Sie wollte das nicht verstehen. Er hatte ihr doch alles Gute gezeigt. Die Liebe, den Sex, Zuneigung, Vertrauen. Wieso sollte er sie verdorben haben? Aber sie wusste, sie würde seine Antwort nicht verstehen, wenn sie nachfragte. Sie schwieg. Sein Blick schweifte wieder über den Messeplatz, dann riss er für den Bruchteil einer Sekunde die Augen auf. Sie schaute in die gleiche Richtung, wollte wissen, was da war. Doch außer einem grünen Mercedes konnte sie nichts sehen. Sie schaute wieder zu ihm und er hatte ihren fragenden Blick bemerkt. „Da war nichts“, sagte er lächelnd. Er hatte Angst. Er hatte immer Angst, wenn sie öffentlich unterwegs waren. Doch diesmal war es nicht seine Frau. Schützend hatte er schon die Hand vor den Mund geführt, als hätte er damit verhindern können, dass er erkannt wird. Er, der so ein einzigartiges Auto fuhr, dass man ihn sofort erkennen würde.

Ihr war es egal. Am Anfang nicht. Da wollte sie glücklich sein, keinen Ärger riskieren, ihn ganz für sich haben und sie wollte, dass er ganz bei ihr war, wenn er bei ihr war. Doch inzwischen hatte sie es leid, sich zu verstecken. Ganze zwei Jahre hatte sie das immerhin ausgehalten. Wenn sie entdeckt wurden, dann war es so. Sie merkte jetzt, dass das vielleicht der Impuls war, der ihr von ihm fehlte. Wenn er nichts tat, dass etwas von außen passieren würde. Denn sie konnte nichts tun. Sie konnte ihn nicht verlassen, denn die Liebe brannte in all ihren Gliedern. Sie konnte ihn auch nicht zur Rede stellen, denn es gab nichts zu reden. Er würde sich niemals für sie entscheiden. Er war zu alt, 35 Jahre älter als sie. Sie führten zwei unterschiedliche Leben und hatten sich nur durch Zufall an einer Gabelung getroffen. „Wären wir uns 25 Jahre früher begegnet“, hatte er mal gesagt, „dann würde alles ganz anders aussehen.“ Das waren sie aber nicht. Das war die Situation. Er Lehrer, sie Schülerin. Er alt, sie jung. Er verheiratet, sie unsterblich verliebt. Sie haderte kurz mit sich und der Welt, als sie mit ihren Gedanken wieder in die Realität zurückfand und merkte, dass er immer noch dahin starrte, wo kurz zuvor ja nichts gewesen war. Der Mercedes war weg. Sie blickte auf die Uhr. Die Freistunde war gleich zu Ende. Sie streichelte über seine Wange. „Ich glaube, wir müssen los.“ Er nickte. Dann drehte er seinen Kopf und küsste sie. Sie seufzte. Verdammtes Leben.

Jetzt war alles anders. Neun Jahre waren seitdem vergangen. Kurz nachdem auf dem Messeplatz nichts gewesen war, hatte sie sich von ihm getrennt. Nachdem es seine Frau doch rausgefunden und ihm eine Szene gemacht hatte. Nachdem er mehrere Wochen nicht in der Lage gewesen war, die Situation zu klären. Nachdem er nicht in der Lage gewesen war, ihr zu sagen, dass er sie nicht mehr sehen könne, weil er seine Ehe retten muss. Nachdem sie Panikattacken erlitten hatte, nachts nicht mehr schlafen und tagsüber nicht mehr essen konnte. Als sie über den Messeplatz fuhr, musste sie schmunzeln. Sie hielt durch Zufall an der Stelle, an der er damals nichts gesehen hatte. Nur irgendeinen grünen Mercedes. Sie stieg aus und holte ihren Hund aus dem Kofferraum. Sie blickte auf die andere Seite, wo sie damals geparkt hatten.

Jetzt verstand sie, was er damals meinte. Dass er sie verdorben hatte für ihr weiteres Leben. Das war so. Denn seitdem war sie kaum in der Lage gewesen, eine funktionierende Liebesbeziehung einzugehen und an und mit ihr zu arbeiten. Sie maß alles und jeden an ihm. Sie hatte kein Vertrauen in die Welt und vor allem wollte sie eins nie wieder: verletzt werden.

Doch heute war es egal. Sie war wieder bereit für Verletzungen. Weil sie wieder komplett bereit war, sich einzulassen. Auf einen neuen Menschen. Nach neun langen Jahren. Da waren keine Zweifel, keine Angst. Nur Sicherheit, Vertrauen, Begehren und Zuneigung. Alles fühlte sich so richtig an, auch wenn es für viele andere unnormal war. Sie liebte jetzt Frauen. Und hatte gerade einer ihr Herz geschenkt. Sollte es irgendwann gebrochen und verletzt zu ihr zurückkehren, wäre es ok. Denn diese Frau war es wert, das in Kauf zu nehmen.

Nachdem sie mit ihrem Hund eine Runde gedreht hatte, kam die SMS: „Ich bin so gut wie fechtisch. Muss nur noch die Wäsche aufhängen. Kuss.“  Sie schmunzelte, antwortete schnell, dass sie auf dem Weg sei und ging zurück zu ihrem Auto. Das war kein grüner Mercedes. Sondern ein Opel Astra Caravan. Und der brachte sie in ein neues Leben. Mit allem, was dazugehört. Keine Kompromisse, keine halben Sachen. Alles, wenn es sein musste.

Losgelöst.

Sanft losgelöst von allem,
was es gehalten hat,
liegt es hier.
Auf meiner Hand.
Klopft.
Schneller, als wir dich erreichen können.

Ich beschloss, es ist wieder Zeit.
Es jemandem zu geben. Dir.
Dort ist es gut aufgehoben.
Sei vorsichtig, es hat Narben.

Du gehst mit ihm.
Ich trauere nicht.
Ich weiß, es ist am Ziel.
Mein Herz.