From hero to zero

Ich – bevor das Drama losging.

Die besten Einfälle zu Texten habe ich blöderweise ganz früh am Morgen im Halbschlaf. Meistens so gegen 4 Uhr oder 4.30 Uhr, wenn ich sowieso gerade auf war, um einen Hundehaufen zu beseitigen (fragt nicht, das gehört eben jetzt dazu, Nena ist eine alte Lady).

So auch heute Morgen. Wie im Traum machte ich sauber, lüftete und wartete, dass es gut genug roch, um die Fenster zu schließen. Für gewöhnlich liege ich während dieser fünf bis zehn Minuten im Bett und dämmere vor mich hin, während die mittlerweile laue, schöne Frühlingsluft hereinweht.

Das sind die Minuten, in denen mir irgendwelche Textfetzen, Themen und Ideen durch das Hirn rauschen. Blöderweise schaffe ich es nie, sie aufzuschreiben oder ins Handy zu sprechen. Sie rauschen einmal durch meinen Kopf, dann sind sie weg. Wie ein ICE auf der Fahrt durch Gießen. Dann mache ich das Fenster zu, lege mich wieder hin und schlafe fast sofort ein. Meistens erinnere ich mich beim Aufwachen, dass ich irgendeinen Schreibeinfall hatte, aber die Fetzen, die sind weg.

Ich erinnere mich jedenfalls, dass ich heute Morgen auf einmal daran dachte, wie ich in der sechsten Klasse von meinen Klassenkameraden gemobbt wurde. Ein ganzes Jahr lang. Ich hatte einen wunderbaren Texteinstieg dafür, doch der ist weg. Ich schreibe diesen Beitrag jetzt trotzdem, weil die Erinnerungen an diese Zeit durch die Gedanken heute Morgen so stark sind.


Als wir in der neuen Schule in die fünfte Klasse kamen, wurden unsere beiden Grundschulklassen aus der alten Grundschule im Grunde zusammengelegt. Die Teile der früheren 4a und 4b, die sich für diese Schule entschieden hatten, wurden zur neuen 5a. Die meisten hatten also ihre Freunde dabei. So auch ich. Und recht schnell gewann ich neue Freunde – aus der früheren Parallelklasse vor allem. Es waren noch andere Kinder anderer Schulen in der Klasse, mit denen ich mich ebenfalls gut verstand. Ich war ein offenes Kind, witzig, manchmal bissig, aber nie bösartig, daher gelang es mir auch schnell, mich anzufreunden.

Dies führte dazu, dass ich schnell mit den Leuten abhing, die der „heiße Scheiß“ waren, die „In-Clique“. Wenn ich mich richtig erinnere, waren wir so sieben oder acht Leute. Ich kam mit einem der Jungs zusammen, wobei außer Händchenhalten und hier und da mal ein Schmatzer natürlich nichts lief. Hey, wir waren 10!

In den folgenden Monaten verbrachten wir als Clique fast unsere komplette Freizeit miteinander. Wir liefen draußen rum, machten Blödsinn, lachten und hatten uns irgendwie gern. Das funktionierte ein Jahr lang prima. Am Ende der fünften Klasse wurde ich dann zur stellvertretenden Klassensprecherin gewählt. Da klar war, dass wir als Klasse noch ein Jahr zusammenbleiben würden, fand diese Wahl vor den Sommerferien statt. Einer der coolen Jungs wurde Klassensprecher.

Und dann kippte auf einmal die Stimmung. Nach den Ferien war ich auf einmal „out“. Der Junge machte Schluss, das war der erste Schritt. Ich verstand nichts. Noch im Mai hatten wir auf der Klassenfahrt ins Kleinwalsertal richtig zeremoniell „geheiratet“ und mochten uns und hatten jede Menge Spaß. Im August war alles vorbei. Ich weiß eigentlich bis heute nicht, was passiert ist.

Doch innerhalb weniger Wochen startete die wohl schlimmste Zeit, die ich in der Schule jemals haben sollte. Ich wurde verspottet, meine Kleidung wurde verspottet, alles, was ich sagte, war lachhaft geworden, ich spielte keine Rolle mehr, man hasste mich. Zumindest die Jungs taten es. Eine aus der Gruppe stand halbwegs tapfer an meiner Seite, versuchte, sich nicht zu sehr beeindrucken zu lassen.

Aber aufgestanden ist keiner. „Stopp“ hat auch niemand gesagt. Und wenn ich mein Leid klagte, hieß es meistens: „Du musst die ignorieren. Wenn du sie ignorierst, verlieren sie den Spaß und hören auf.“ Ich versuchte es. Aber ich war 11. Wer kann mit 11 böse Sprüche und Hohn und Spott ignorieren und da ohne Schaden rauskommen?

Der absolute Tiefpunkt war erreicht, als ich in einer Bio-Stunde (so meine ich) von mir gab, dass Kühe Fleisch fraßen. Wörtlich: „Kühe fressen doch auch Fleisch.“ Ich, Stadtkind, 11 Jahre alt, ich wusste es nicht besser. Mehrere Wochen, Monate lang wurde mir dieser Satz jeden Morgen feinsäuberlich, schön langsam und schmerzend vorgehalten. Wie dumm ich doch sei, dass ich so etwas nicht wusste. Vor allen. Immer und immer wieder. Und ich hatte immer noch keine Ahnung, was ich eigentlich in diesen Sommerferien und den ersten Wochen nach Schulbeginn verbrochen hatte. Mein Ex-Freund hatte inzwischen Gefallen an einem Mädchen aus einer Parallelklasse gefunden. Sie war definitiv hübscher als ich, so viel war mir klar.

Heute weiß ich, dass ich damals wohl schon anfing, mich zu dem zu entwickeln, was ich heute bin: bisexuell, keine wirklich weibliche Frau, sportlich, eigenbrödlerisch oder wie jemand später in der Abi-Zeitung vermerkte: „seltsam“. Das bislang größte Kompliment, das ich erhalten habe.

Meine Mitschüler in der sechsten Klasse waren hingegen nichts als grausam. Dass sie keine körperliche Gewalt anwanden, war alles. Ich schloss in dieser Zeit ein paar Freundschaften mit Jungs und Mädchen, die wie ich nicht in eine Norm zu pressen waren, die ihren eigenen Weg gingen. Dieses Andere, ich glaube heute, das machte den Jungs damals Angst. Es ist die beste Erklärung, die ich habe.

Dass ich in diesem Jahr nicht daran zerbrochen bin, was mir an psychischer Grausamkeit angetan wurde, ist ein Wunder.

Ich erinnerte mich dieser Tage schon einmal an dieses ganze Thema, das ich sonst lieber verdränge, weil ich kürzlich einen Frühjahrsputz auf Facebook gemacht habe. Dort waren eben auch ein paar Leute dieser Clique dabei, die mich so gequält haben. Im Nachhinein frage ich mich, wieso sie überhaupt das Privileg erhielten, zu meinen Freunden zu gehören. Auch hierauf habe ich keine Antwort. Nun flogen sie aus der Liste, mit spätem Zorn in meinem Herzen. Bis heute hat sich niemand entschuldigt.

Diese Jungs waren dann auch später noch lange in meiner Klasse, bis zur Jahrgangsstufe 10. Die Gehässigkeiten ließen jedoch nach, denn wir ignorierten uns einfach. Ich fand sie scheiße, sie mich. Ich hatte andere Freunde.

Manchmal stellten es andere gerne so hin, als sei das ja alles nicht so schlimm gewesen, damals in der sechsten Klasse. Doch, war es. Es war die Hölle. Ich hatte Angst, morgens in die Schule zu gehen. Ich hatte Angst, mein Ding zu machen, mein Leben zu leben. Ein verdammtes ganzes Jahr lang.

Warum schreibe ich das auf? Ich schreibe es an die Eltern, die Kinder, die gemobbt werden. An alle Betroffenen: Geht euren Weg, lasst euch nicht aufhalten. Ihr seid wertvoll. Und wenn ihr gemobbt werdet, hat es nichts mit euch zu tun, sondern mit der Unfähigkeit anderer, anderes zu akzeptieren. Sie sind die Schwachen und ihr seid die Starken. Weil sie das erkannt haben, hacken sie so lange auf euch herum, bis ihr kleiner seid als sie. Das ist zumindest meine Erfahrung. Aber lasst euch bitte niemals davon abhalten, euren Weg zu gehen. Es gibt mehr als einen. Die Geschichte zeigt es so deutlich.

Und wenn es ganz schlimm wird, dann sucht euch wirklich Hilfe auch innerhalb der Schulleitung, beim Vertrauenslehrer, je nach Schwere des Mobbings auch bei der Polizei. Diesen Zustand muss niemand ertragen, niemand hinnehmen.

Niederlage ohne Kampf

Zwischendurch ertappe ich mich dabei, dass ich mich frage, wieso ich mich überhaupt so allein, so verloren, so verlassen fühle. Und dann kommt die Erkenntnis. Ich habe nicht nur meine Lebensgefährtin verloren. Ich habe so viel mehr verloren. Meine Freundin, meine Liebhaberin, meine Wegweiserin, meine Unterstützerin, meine Partnerin im Stillen und im Lauten, meine Konstante, meine Vertraute, meine Beraterin, meine Gesprächspartnerin Nr. 1, mein Licht in dunkler Nacht. Ich bin plötzlich allein in so vielen Bereichen, in fast allen. Es ist ungewohnt, unschön und ungewollt.

Jeden Tag ein neuer Gedanke, eine neue Idee dazu, wie das alles passieren konnte. Nichts, was mich weiterbringt. Und am allerschlimmsten ist für mich, dass ich nie eine Chance hatte, zu kämpfen. Vollendete Tatsachen. Keine Gefühle mehr. Fertig. Nach 6,5 Jahren keine Chance, diesen Kampf zu gewinnen, weil es ihn für mich nicht gab. Eine Niederlage ohne Kampf. Eine Niederlage ohne die Gewissheit, alles gegeben zu haben.

Und so tut es nach vier Wochen noch genauso weh wie am ersten Tag. Tränen, Zorn, Fassungslosigkeit, Schmerz, Verzweiflung, Alleinsein, verlassen worden sein, verloren sein, alleine aufwachen und es hassen.

Da muss ich 35 werden, um den schlimmsten Liebeskummer meines Lebens zu erleben.

Man sagte mir, es dauere ein Jahr, bis es vorbei ist. Bis man alles einmal alleine durchlitten hat. Den ersten Frühling, den ersten Geburtstag, den ersten Sommer, den ersten Herbst, den ersten Winter, das erste Weihnachten, Daten, die mit besonders schönen Erinnerungen verbunden sind.Der erste Jahrestag der Trennung.

Ich hoffe, ich kann vor Ende dieses Jahres wieder befreit lachen.

Als

Als ich noch atmen konnte. Als ich nicht weinen musste. Als Du Dich noch an mich schmiegtest. Als Du das noch wolltest. Als ich Dein Haar streichelte. Als ich abends vorm Einschlafen meine Hand auf Dich legte, um Dich zu spüren. Als wir gemeinsam in Spanien waren. Und in Schweden. Und in Belgien. Als wir im kalten Keller Deiner Eltern schliefen. Als wir beschlossen, dass Du umziehen musstest; wegen des Jobs. Als wir den Hund zum Tierarzt brachten. Als wir die Wohnung renovierten. Als wir uns das erste Mal küssten. Als Du mir das erste Mal sagtest, dass Du mich liebst. Als du es danach nur noch selten sagtest. Als Du es dann gar nicht mehr sagtest. Als Du mir einen Tageslichtwecker zu Weihnachten schenktest. Als ich ihn nicht in Betrieb nehmen konnte, weil er mich zu sehr an Dich erinnerte. Als ich kaum atmen konnte. Als ich gar nicht mehr atmen konnte. Als ich an Dich glaubte. Als Du für mich kochtest. Als Du an mich glaubtest. Als Du mich zum ersten Mal verliebt anlächeltest. Als Du mir erklärtest, dass Ivar die richtige Wahl ist. Als Du für mich da warst, wenn es mir schlecht ging. Als ich immer öfter für Dich da war. Als es Dir immer schlechter ging. Als Du Dich immer öfter an mich schmiegtest. Als ich all das hinnahm, weil ich dachte, es sei nur eine Phase. Als ich aus allen Wolken fiel. Als Du mich verließt. Als ich immer noch an uns glaubte. Als Du mich ermahntest, dass ich die Spülmaschine falsch einräumte. Als Du mir erklärtest, wie man Wäsche aufhängt. Als wir Kuchen essen waren. Als Du mich hieltest, als ich nicht schlafen konnte. Als Du neben mir lagst und entspannt atmetest. Als ich weinte. Und weinte. Und weinte. Und weinte. Als ich nicht loslassen konnte. Als ich diese Worte tippte.

Immer dann liebte ich Dich.

Als mich ein Zeitungsartikel mehr als zwölf Euro kostete..

Als ehemalige Journalistin und Redakteurin beschäftigt mich auch zwei Jahre nach dem Ausstieg aus dem Zeitungsgeschäft immer noch das Thema Online. Wann sind Leser bereit, für Online-Inhalte Geld auszugeben? Wie viel Geld würden sie ausgeben? Was ist ihnen der Inhalt wert? Braucht man verschiedene Angebote für verschiedene Zielgruppen? Ist Personalisierung der Inhalte wirklich das Mittel der Zukunft? Ich für mich kann sagen: Ich kaufe nichts. Ich kaufe kein Papier und ich kaufe auch keine digitalen Inhalte. Wenn ich es nicht lesen kann, dann kann ich es eben nicht lesen. So interessant ist es dann auch nicht, dass ich dafür Geld bezahle. Klicke ich eben weg. Ja – und das als ehemalige Journalistin. Ich bin da sehr ehrlich. Eine Tageszeitung kaufe ich nie auf Papier, bin aber auch dadurch abgedeckt, dass wir im Büro die örtliche Tageszeitung ohnehin abonniert haben. Zeitschriften kaufe ich sehr, sehr selten. Online habe ich bisher ein einziges Mal für ein Interview Geld ausgegeben. Das ist bei Galore erschienen und war jeden Cent wert. Danke dafür! So im Nachhinein.

Nun zu meiner aktuellen Geschichte. Es war Montag, 31. Oktober, als ich bei meiner täglichen Medien-Stippvisite bei Spiegel Online eine Geschichte entdeckte, die mich wirklich interessierte. Renate Künast, genau, die Politikerin, hat offenbar Menschen besucht, die sie in den sozialen Netzwerken mit Hass-Kommentaren überschüttet haben. Sie sitzt also in einem Auto und fährt dort wirklich hin. Sie konfrontiert die Hater mit ihrer puren Anwesenheit. Ich will das sofort lesen. Ich klicke darauf und sehe zuerst ein Video. Erst einmal bin ich enttäuscht, denn ich lese nicht nur nichts online, ich gucke erst recht keine Videos. Kostet zu viel Zeit. Hier klicke ich aber auf Play.

Ich verfolge seit Monaten, wie Dunja  Hayali mit dem ganzen Zorn umgeht, der sich gegen sie richtet. Ich finde das Thema sehr spannend. Wie gehen in der Öffentlichkeit stehende Personen mit diesen negativen Gefühlen um, die ihnen da geballt ins Gesicht schlagen? Renate Künast interessiert mich als Politikerin schon seit Jahren. Ich habe sie in den 90er-Jahren mal in der NDR Talkshow gesehen und fand es faszinierend, wie sie mit wenigen Bleistiftstrichen nachhaltige Landwirtschaft erklären konnte. Dann traf ich sie mal im Wahlkampf 2013 bei einem Interview in unserem Haus. Ein Interview das letztlich nie erschienen ist, weil … naja, lest selbst. Ich habe mein Interesse allerdings auch dadurch nicht verloren. Ich fand das Ganze spannend, sicherlich enttarnend und enttäuschend.

Ich gucke also das Video und stelle fest: Das ist maximal ein Teaser. Ich klicke zurück zum Text, lese an und merke: Hier muss ich bezahlen. 0,39 Euro. Das ist quasi nichts. Ich bin sofort bereit, diesen Betrag abzudrücken und klicke auf die Option „jetzt lesen, später zahlen“. Denn offenbar kann man bei Spiegel Online Artikel „sammeln“. Leider lande ich dann auf einem Bezahldienst, LaterPay, und meine Motivation ist im Keller. Noch mal auf eine externe Seite geleitet werden, dort mal eben ein Konto zu registrieren, nein, das passt mir zeitlich dann doch nicht in den Kram, sieht furchtbar umständlich aus und ist ein absoluter Abtörner in diesem Moment.

Ich klicke weg. Aber der Artikel lässt mir keine Ruhe. Ich will das lesen und beschließe am Abend, mir die gedruckte Variante zu kaufen. Die ist zwar 4,51 Euro teurer, bringt mir aber auch noch eine sehr interessant klingende Titelgeschichte zu Luther. Auch für meine Freundin, ihres Zeichens Geschichts- und Religionslehrerin, ist das sicher lesenswert.

Am Dienstagmorgen, 1. November, fällt es mir dann wieder ein. Ich wollte den Spiegel kaufen gehen. Mittags habe ich endlich Zeit. Auf dem Weg aus dem Büro treffe ich meinen Chef.
„Ich geh mal eben den Spiegel kaufen“, sage ich.
Er grinst. „In gedruckter Form?“
„Ja“, entgegne ich.
„Den gibt es noch gedruckt?“, spottet er.
Ich kläre ihn kurz darüber auf, wie mein Versuch, den Artikel online zu kaufen, gescheitert ist. Dann tigere ich los. Mein erster Weg führt mich in die Zeitschriftenabteilung des örtlichen Edekas. Hier gibt es von der Frau im Spiegel bis zur Freizeit Revue alles, aber keinen Spiegel. Stattdessen kaufe ich ein Brot und Lakritzschnecken. Ich checke noch mal mein Bargeld und stelle zufrieden fest, dass ich noch 4,20 Euro im Geldbeutel habe. Zu diesem Zeitpunkt weiß ich nicht, dass der Spiegel 4,90 Euro kostet. Ich kaufe den ja nie.

Ich bin frustriert und weiß nicht, wo ich auf der Schnelle in der Mittagspause noch suchen kann. Auf dem Rückweg treffe ich einen weiteren Kollegen und frage ihn nach einem Kiosk. Er kann mir weiterhelfen, zum Glück. Aber er ist verwirrt.
„Den Spiegel? Auf Papier? Wirklich?“
„Ja, ganz wirklich. Da ist eine Geschichte drin, die ich unbedingt lesen will.“
„Können Sie das nicht online kaufen?“
Ich schildere erneut mein Dilemma.
„Da hätte ich auch abgebrochen“, bestärkt er mich.

Ich folge seinem Tipp und finde einen kleinen Tabakladen. Als ich den Spiegel entdecke, fällt mein erster Blick natürlich sofort auf den Preis. Ich weiß, was das bedeutet. Ich habe zu wenig Bargeld. 70 Cent. Ich starre auf das EC-Gerät. „EC-Kartenzahlung“ ab zehn Euro. Ich seufze. Ich werde diesen Laden auf keinen Fall ohne den Spiegel verlassen.

Ich schaue mich ein paar Minuten lang um und entscheide, dass ich einfach noch zwei Zeitschriften kaufe. Die Frankfurter Allgemeine Woche – ebenfalls mit einem Stück über Luther – und den Focus, der Bauchfett als Titelthema hat. Zu der Entscheidung komme ich allerdings auch erst, nachdem ich schon einen Lottozettel ausgefüllt habe, aber bei der Abgabe meine Karte von Lotto Hessen nicht in meinem Geldbeutel finde. Irgendwann mal aussortiert, denn Lotto spiele ich eigentlich nie. Naja, also eben doch die Zeitschriften. Lesen soll ja bilden.

Am Ende bezahle ich mehr als zwölf Euro für einen einzigen Artikel. Ich weiß nicht, ob ich jemals etwas Dämlicheres getan habe als das – so rein finanziell gesehen. Ich gehe allerdings breit grinsend zurück ins Büro. Man lernt eben nie aus. Und am Ende lerne ich, dass ich beim nächsten Mal vielleicht einfach doch den Klick mehr mache und mich mal eben bei einem Drittanbieter registriere, um zu bekommen, was ich will.

Immerhin: Meinem Chef  konnte ich den Focus schmackhaft machen. Aber nicht wegen der Bauchfett-Geschichte. Keine Sorge.

Der Teufelskreis aus mangelnder Medienkompetenz und antrainiertem Verhalten

Schon lange wird hier und da nicht mehr nur diskutiert über Unterrichtseinheiten zum Thema Medienkompetenz – es wird unterrichtet, auch nicht ausschließlich als Einheit, sondern als Fach. Hierbei liegt der Schwerpunkt vor allem auf dem Umgang mit Apps wie Whatsapp oder Snapchat sowie sozialen Netzwerken wie Instagram oder Facebook. Das ist löblich, packt das Übel aber auch nur oberhalb der Wurzel.  Es ist wichtig, dass Kindern und Jugendlichen klar wird, was passiert, wenn sie ein Bild von sich hier und da posten – und dass das Internet niemals vergisst. Nichts.

Das Kernproblem ist jedoch ein anderes – die Medienflut. Und hier liegt meines Erachtens die wahre Medienkompetenz. Den ganzen Tag wird das Internet über Webseiten und soziale Netzwerke mit Informationen geflutet. Wer die etablierten Medien nicht kennt und sie auch nie kennengelernt hat, weil zuhause nie eine Zeitung lag oder eben ein iPad mit einem e-Paper-Abonnement einer seriösen Tageszeitung, der wird den Unterschied zwischen der Süddeutschen Zeitung und den Deutschen Wirtschafts Nachrichten nicht begreifen. Sondern sich inhaltlich das raussuchen, was ihm näher ist. Im Zweifel, ohne zu hinterfragen, ohne einen zweiten Blick darauf zu werfen – denn dafür ist weder Zeit noch Raum da. Kaum sackt die Information, wird die nächste in die Timeline gespült. Es ist eine immerwährende Flut. Ohne Ebbe. Übrigens nicht nur an Informationen, sondern auch an Emotionen wie Hass, Angst und Wut. Aber das ist ein anderes Thema.

Hinzu kommt, dass die Timeline schon längst alles gelesen und bewertet hat – die Meinungsbildung findet also schon lange nicht mehr im stillen Kämmerlein, sondern in der Gruppe statt. Und nicht wenige nehmen als Wahrheit an, was die Mehrheit zu glauben scheint.

Dieser Teil der Medienkompetenz (lesen, verstehen, einordnen, selbst recherchieren, falls Zweifel bestehen) scheint mir in den bisher durchgeführten Unterrichtseinheiten doch deutlich zu fehlen. Natürlich ist der Kampf gegen Cybermobbing und für die Privatsphäre der wichtigste in den Klassenzimmern – aber die Fähigkeit, Medieninhalte zu sondieren, zu verstehen und sie einzuordnen, ist nicht minder wichtig.

Aber Medienkompetenz geht auch noch ein Stück weiter und betrifft lange nicht nur die Schüler, ganz im Gegenteil: Die Fähigkeit, eine Webseite zu verstehen, dort nach Inhalten zu suchen, die Suchfunktion zu benutzen oder sich durch die Seite per Menü zu navigieren, verkümmert zusehends. Das beobachte ich nicht jetzt erst, wo ich in einer Internetredaktion arbeite. Auch vorher, als ich in einer Online-Redaktion einer Tageszeitung gearbeitet habe, sind mir teilweise unglaublich banale Fragen zum Inhalt der Seite untergekommen. Dahinter steckt zum einen die mangelnde Geduld, den Inhalt selbst zu finden, zum anderen aber auch ganz klar die mangelnde Fähigkeit, eine Webseite zu begreifen. (Schöner Artikel in der FAZ zur Lese- und Verständniskompetenz von Studenten).

Die Redaktionen tragen ihren Teil dazu bei: Je blöder (sorry, aber so mag ich es nennen) die Leute werden, desto mehr sorgen die Redakteure dafür, die Inhalte noch leichter auffindbar zu machen. Es wird noch mehr rot markiert, noch mehr in die Mitte der Seite gestellt. Es fehlen manchmal wirklich nur noch rote Pfeile, die hektisch blinken. Eine Leuchtreklame neben dem Artikel mit der Überschrift neben der Überschrift: „HIER finden Sie alles über die letzte Gemeinderatssitzung.“

Ein Beispiel: In einer Spalte, die „Aktuelle Meldungen“ heißt, findet sich eine Nachricht für einen bestimmten Personenkreis wieder. Die Spalte funktioniert so, dass immer die neueste Meldung nach oben gestellt wird, so dass allmählich Meldung für Meldung nach unten rutscht. Nun war diese eine Meldung bereits an die zweite Position gerutscht. An die ZWEITE Position. Es dauerte keine zwei Stunden, da meldete sich die dafür zuständige Person und teilte mit: Die Kollegen sehen das so nicht. Ob ich das bitte ROT einfärben könne. Sprachlosigkeit. Ich kann es natürlich nicht rot einfärben, was dazu führt, dass die Meldung nun gefettet und mit dem Hinweis ACHTUNG versehen wird.

Dies führt allerdings dazu, dass quasi die Erwartungshaltung, dass bei der nächsten Meldung zu diesem Themenbereich wieder ein spezieller Hinweis per Leuchtreklame erfolgt. Die Kollegen werden gar nicht mehr schauen, ob diese Meldung sie betrifft, wenn nicht groß ACHTUNG davorsteht. Außerdem darf es bloß nicht zu viel Text sein. So hörte ich letztens, Webseitenentwurf 2 sei schöner, weil man da nichts lesen müsse, um zum Inhalt zu gelangen. Wir reden hier von einem Entwurf mit 80 Zeichen (!) und 200 Zeichen (!). Der mit 80 erschien besser.

Ein zweites Beispiel: Ein Leser ruft an und beschwert sich darüber, dass er einen Artikel nicht finden kann. Ein kurzer Klick in die richtige Spalte auf einer Unterseite zeigt mir, dass der Artikel an vierter Stelle steht – mit Bild und einer Überschrift, die keinen Zweifel am Inhalt lässt. Die Erklärung des zu navigierenden Weges dorthin ist dann jedoch ein mittleres Desaster.

Webseiten haben nun mal den großen Vor- und Nachteil, dass sich besonders viele Inhalte auf besonders wenig Platz in vielerlei Formen, Farben und Varianten darstellen lassen. Einzig die User haben es verpasst, sich durch diesen Parcours zu navigieren. Während die Webseiten gewachsen sind, haben sie sich meist gar nicht entwickelt. Und weil die Redakteure immer weniger Zeit und weniger Lust auf Anrufe der „Kundschaft“ haben, werden die Inhalte immer leichter auffindbar gemacht. Ein Teufelskreis, den es meines Erachtens zu durchbrechen gilt.

Wie? Die Leute einfach mal suchen lassen. Ihnen erklären, dass es sogar eine Suchfunktion gibt, in die man Begriffe wie „Landtagswahl“, „Brückenüberführung“ oder „Jahreshauptversammlung Männergesangsverein Lahme Lunge“ eingeben kann und sicherlich fündig wird.

Denn die Entwicklung, die sich gerade zeigt, führt nur in eine Richtung: zum Ende. Zum Ende der Sprache, zum Ende des Nachdenkens, zum Ende des Selbstrausfindens, zum Ende des Reflektierens.

Ich.

Ich bin noch nicht angekommen. Ich bin nicht mal sicher, ob ich das Ziel kenne. Ich weiß auch nicht, in welche Richtung ich gehe. Es fühlt sich nicht so an, als ginge ich vorwärts. Eher so, als trete ich auf der Stelle. Ich weiß nicht, wo ich hin muss. Ich habe sogar vergessen, wo ich herkomme. In seltenen Momenten überwältigt mich dieses Gefühl, das von ganz tief unten kommt und sich nach oben kämpft, direkt in meinen Kopf. Der wird dann ganz schwer und gleichzeitig ganz leicht und Erinnerungen spazieren durch mich. In Form von Gefühlen und Gedanken. Dann weiß ich es. Wo ich herkomme. Und wo ich mal hin wollte. Ich weiß nur nicht mehr, ob ich auf diesem Weg noch bin. Ob ich überhaupt auf einem Weg bin. Und ob man überhaupt auf einem Weg sein muss.

So viele Menschen haben so viele Ziele im Leben. Ich habe keines. Ich brauche kein dickes Auto, nicht viele Geldscheine auf der Bank oder einen Job, der mein Selbstbewusstsein steigert. Ich will auf meiner Couch sitzen und in die Luft gucken. Ab und zu eine Serie bingewatchen. Spazieren gehen, reisen, Konzerte besuchen. Geliebt werden und zurücklieben. Gestreichelt werden und zurückstreicheln. Meinem Hund in die Augen gucken. Hier und da einen Kuchen backen. Ausschlafen. Durchschlafen. Tief atmen können. Ruhig sein. Einfach nur ruhig sein.

Viele von diesen Dingen tue ich bereits, sehr sehr viele. Einzig, es ändert sich nichts. Weil ich keine Ruhe habe. Weil ich in mir nicht die Gewissheit trage, dass all diese Tätigkeiten mein Glück sind. Mit sich im Reinen sein, glücklich sein, einer erfüllenden Arbeit nachgehen, zufrieden sein – all das hatte ich vielleicht mal. Jetzt weiß ich gar nicht mehr, wie sich das anfühlt.

Über allem schwebt die Angst. Sie hält mich gefangen, aber sie hält mich auch frei. Dass ich mich an ihr festklammern kann, gibt Halt. Es ist ein Trugschluss zu glauben, dass sie ein Halt sei. Aber ich halte mich an ihr fest, weil es nichts anderes gibt, an dem ich mich festhalten kann. Weil ich gar nicht mehr weiß, wer ich bin. Und warum ich bin, wie ich bin. Und wieso ich das und mich nicht so annehmen kann, wie ich bin.

Immer denke ich in solchen Momenten, ich müsse mein Leben umkrempeln, was Neues anfangen, alles stehen und liegen lassen – und dann verlässt mich der Mut. Denn eigentlich geht es mir doch gut in meinem Leben. Und da ich gar nicht weiß, was mir wirklich Seelenfrieden bringt, traue ich mich auch gar nicht mehr, überhaupt noch etwas auszuprobieren.

Was mir sonst immer Kraft gab, das Reisen mit Roxette, war dieses Jahr am Ende auch nur noch ein Kraftakt, beendet mit einer Panikattacke und völlig erschöpft in der Wiener Stadthalle. Und so ist es mit vielen Dingen, von denen ich dachte, sie gäben mir Kraft. Bis ich verstand, dass diese Kraft immer nur durch ein festes Fundament im Innern kommt. Die ist leider weg – und wohin ich auch gucke, ich finde sie nicht.

Wie schaffe ich es, dass jedes neue Jahr zum besten meines Lebens wird? Was muss ich tun? Einfach nur SEIN? Falls ja, wie geht das? Ich habe es über die vielen Pflichten, Erledigungen, schlechtgelaunten und ernsten Menschen und den Alltag vergessen.