Mein Appell!

Am Samstagabend sitzen meine Freundin und ich auf der Couch und unterhalten uns über die AfD-Wählerschaft. Es ist der Abend vor der historischen Bundestagswahl, es ist der 23.09.2017. Ich werfe eine kurze Analyse in den Raum und beschuldige alle AfD-Wähler als dumm. Ja, ich finde, sie sind dumm, wenn sie diese Entscheidung treffen. Weil sie nicht weiterdenken, weil sie nicht dahinterblicken, weil sie nicht das Ganze sehen, weil sie sich verführen lassen. Und schlicht und ergreifend deshalb, weil sie eine Partei in den Bundestag wählen, an deren Spitze Rechtsextremisten stehen, Nazis. Das ist dumm, diese Partei zu wählen, und deshalb sind diese Menschen für mich dumm.

Meine Freundin kann das so nicht stehen lassen. Sie verweist auf all die sozial Schwachen, da draußen. Die, die sich von der AfD haben abholen lassen, weil sie darauf hoffen, dass sie endlich auch mal ein größeres Stück vom Kuchen bekommen können, das ihnen der Migrant weggenommen hat. Sie erklärt mir, dass es beispielsweise Kinder aus sozial schwachen Familien nicht schaffen können, da niemals rauskommen. Dass es natürlich immer um Geld geht, die Bildung gewährleistet. Dass aus fehlender Bildung, fehlendem Geld und fehlendem Allem ein Neid entsteht auf andere, die vermeintlich mehr haben. Dass diese Menschen keine Chance bekommen, ihr Leben zu verbessern. Wir reden über eine ältere Dame, mit der Dunja Hayali damals bei ihrem Pegida-Besuch gesprochen hatte. Die von ihrer kleinen Rente erzählte und sich wunderte, dass Flüchtlinge mehr Geld bekommen als sie, wo sie doch 40 Jahre lang gearbeitet und geschuftet und Kinder fürs Land aufgezogen hat. Diese Ungerechtigkeit! Nein, sagt meine Freundin, diese Menschen sind nicht dumm. Sie fühlen sich einfach unverstanden und nicht abgeholt. Dies gilt sicher für den größte Teil der AfD-Wählerschaft. Blenden wir den Teil der Nazis und Rechtsextremen mal aus. Was bleibt ist der große Rest, der große Rest, der seine Heimat eigentlich bei der SPD finden sollte, bei der Partei, die sich für die Kleinen einsetzt, ihr Leben besser macht. Diese SPD gibt es nicht mehr, sie hat sich aufgelöst in der Großen Koalition. Sie macht es Martin Schulz unmöglich, in diesem Wahlkampf überhaupt irgendeine Position zu beziehen. Auf jeden Angriff auf Merkel folgt ein lapidares „aber das hat Ihre Partei doch mitentschieden“. Die Partei für die kleinen Leute gibt es in dieser Form nicht. Wer nicht Die Linke wählen kann, kann gar nichts wählen. Oder die AfD, denn die hat das Problem der kleinen Rente schon lange ausgemacht: Flüchtlinge.

Doch ich bleibe dabei: Wer sein Kreuz bei der AfD gemacht hat, ist dumm. Denn einfache Lösungen gibt es nicht. Und die AfD ist genau die Partei, die Minderheiten doch erst recht diskriminiert, hier geht es nicht nur um Flüchtlinge.

Ich denke heute, am Wahlabend darüber nach, was schiefgelaufen ist. Sehr viel. Seitens der Medien, seitens der Politiker, seitens der Gesellschaft. Fange ich mal hinten an.

Gesellschaft: Wir anderen, die wir unser Kreuz nicht bei der AfD gesetzt haben. Wir sind knapp 87%. Wo waren wir? Wieso haben wir es nicht geschafft, den ein oder anderen Wähler umzustimmen? Weil sie sowieso unerreichbar in ihrer blauen Wolke schwebten? Weil sie es nicht hören wollten? Vielleicht ist das bei einigen so, doch ich habe die Stimmung im Netz seit einigen Monaten beobachtet, und hier sah ich vor allem eines: Die AfD-Wähler wurden entweder ausgelacht, beschimpft, verhöhnt oder nicht ernst genommen. Fast nie habe ich gesehen, dass sich jemand ernsthaft eine halbe Stunde Zeit genommen hat, um das Wahlprogramm oder wenigstens einzelne Punkte daraus zu erläutern. Auch ich nicht. Und genau das bestätigt diese Menschen in dem, wie sie sich in dieser Welt wahrnehmen: nicht abgeholt, ausgelacht, abgehängt, nicht ernst genommen, vergessen. Erst in der letzten Woche habe ich wieder angefangen, auf Facebook mit AfD-Wählern zu diskutieren. Es ging immer ein bisschen hin und her, ehe ich dann einzelne Passagen aus dem Wahlprogramm rausgezogen habe, erklärt habe, was die eigentlich vorhaben. Die häufigste Reaktion: keine Antwort mehr. Das kann gut oder schlecht gewesen sein, aber es war wenigstens immer sachlich, immer auf Augenhöhe und nie so überheblich-herablassend, wie viele es in den letzten Wochen gepflegt haben. Niemand will ausgelacht werden für seine Meinung, natürlich flüchtet man sich in den Angriff, wenn das passiert. Inzwischen empfinde ich das als völlig logische Reaktion. Wir haben einen Haufen Arbeit. Auch wir müssen diese Leute jetzt wieder einholen. Reden, reden, reden. Und zwar ernsthaft. Nicht lachen, nicht beschimpfen. Und wenn sie laut werden, dann bleiben wir ruhig. Und wenn sie beschimpfen, dann winken wir nicht ab, sondern sagen etwas Nettes.

Politik: Im Grunde hat man das am heutigen Wahlabend fast von allen Parteien gehört. Die CDU sagt, sie habe die rechte Flanke vernachlässigt. Die SPD sagt, sie habe ihre Profil vernachlässigt. Das nur als Beispiele. Was sie nicht gemacht haben: die Sorgen gehört. Mal nicht zur Rente rumgeeiert. Mal nicht nur über Dieselskandal, AfD als Nazipartei und ihre eigenen Eitelkeiten gesprochen. Sich um sich selbst drehen, bis ihnen schwindelig war, statt um das Volk zu kreiseln, für das sie im Bundestag sitzen. Auch da liegt viel Arbeit vor den Parteien. Die SPD muss wieder sozialdemokratisch werden, die CDU muss wieder ein Stück nach rechts rücken. Dann wird eine AfD ganz schnell überflüssig.

Medien: Herr Herrmann hat heute in der Berliner Runde sehr viel Wahres gesagt, wenn er erklärt, dass in den vergangenen Wochen in fast jeder Talkshow der Großteil der Sendezeit auf die AfD verwendet wurde. In der gleichen Art und Weise, wie es auch viele Bürger taten: krawallig, verhöhnend, zu versucht, die bloßzustellen. Nein, so holt man keine Wähler ab und stimmt sie um. Genau SO spielt man dieser Partei in die Karten. Denn auch hier gilt das gleiche Bild: Der AfD-Wähler, der sich sowieso betrogen, hintergangen, nicht ernst genommen und verhöhnt fühlt, sieht sich wieder einmal bestätigt: Alle sind gegen mich. Jetzt erst recht. Da fehlt der Dialog. Und ja, die Politiker haben diese Gesprächsfäden viel zu oft aufgenommen. Viel früher hätten sie sagen müssen: „Heute nicht.“ Aber nein, das passiert dann leider erst bei der Berliner Runde, drei Stunden nach Schließung der Wahllokale.

Ich kann nur jeden dazu aufrufen: Wenn ihr AfD-Wähler in der Familie habt, im Freundeskreis, Bekannte, wen auch immer. Bleibt im Dialog, redet mit ihnen. Seid nett, seid verständnisvoll, führt sie nicht vor, lacht sie nicht aus, beschimpft sie nicht. Das ist ihre Masche, nicht unsere. Das ist mein Appell heute!

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2 Kommentare

  1. Seegal Galguntijak · September 28

    Ich habe in der Tat einen AfD-Wähler im Freundeskreis. Also, bei dieser Wahl war er zum Glück nicht zuhause, so dass er nicht gewählt hat, aber er spricht im Brustton der Überzeugung von dieser Partei. Ist auch sonst tendenziell in Richtung rassistisch, aber auf jeden Fall xenophob. Diesen Menschen umzustimmen erscheint mir unmöglich, und ich versuche es auch gar nicht, weil ich ihn trotzdem als Mensch gerne mag und nicht deshalb mit ihm den Kontakt abbrechen möchte – soll doch jeder seine Meinung haben, auch wenn sie aus der eigenen Sichtweise fälscher kaum sein könnte.
    Ich selbst habe die Linke gewählt, zumindest mit der Zweitstimme, die Erststimme konnte ich Serdar Somuncu einfach nicht verwehren (und wenn die AfD nicht als „Bedrohung“ im Raum gestanden hätte, wäre auch meine Zweitstimme an DIE PARTEI gegangen, denn sie ist sehr gut).
    Zu den „sozial“ (meint eigentlich: finanziell) abgehängten AfD-Wählern fällt mir noch ein, dass das Parteiprogramm der AfD sehr viele neoliberale Elemente enthält, in denen sie sich nicht groß von den anderen Flügeln unserer Neoliberalen Einheitspartei unterscheiden (diese Flügel heißen SPD,CxU,FDP,Grüne etc…), von daher ist es wichtig, dass diese materiell benachteiligten Menschen verstehen, dass es nicht Flüchtlinge oder Ausländer sind, die dafür sorgen, dass es ihnen materiell/finanziell immer schlechter geht, sondern die neoliberale Politik, die von den Prinzipien her dafür sorgt, dass die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander geht, und die von der AfD duchaus nicht nur mitgetragen, sondern auch noch verschlimmert wird (wie z.B. die Abschaffung einer Erbschaftssteuer, das Opponieren gegen eine Vermögenssteuer oder die Tendenzen zur Abschaffung des Sozialstaates, bei gleichzeitiger Beibehaltung der Niedriglohnpolitik, da die Wirtschaft ja gefördert werden muss).
    Mein AfD-Wähler-Freund ist allerdings auch nicht in der Lage, dies geistig zu erfassen – nicht falsch verstehen, er ist absolut klasse bei dem was er macht (KFZ-Mechatroniker), aber für viele anderen Dinge fehlt ihm einfach die „Denk-Tiefe“, um in unserer komplexen Welt die Beziehung zwischen Ursache und Wirkung wirklich zu erkennen.
    Von daher finde ich schon, dass ein Element der Wahlentscheidung für die AfD als Dummheit bezeichnet werden kann. Nur ist das nichts, wogegen man opponieren könnte, noch kann man Menschen dafür verurteilen, dass sie nicht die geistige Kapazität haben, in unserer komplexen Welt Ursache und Wirkung korrekt zueinander ins Verhältnis zu setzen – das ist ja die Methode, mit der die AfD auf Wählerstimmenfang geht (unzureichenderweise oft „Populismus“ genannt, während Populismus in Wirklichkeit weitaus mehr bzw. etwas anderes bedeutet – das, was die AfD macht, hat vielleicht 10% Deckungsgleichheit mit dem, was man alles potentiell unter „Populismus“ zusammenfassen könnte).

  2. Seegal Galguntijak · September 28

    Nur ein Kommentar, um das Benachrichtigungskästchen zu aktivieren, das hab ich nämlich beim letzten mal vergessen.

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