Darm 2.0: Tag 1

Ich habe sehr sehr schlechte Laune, als ich aufwache. Ich bin irritiert, denn ich bin total motiviert, entschlossen und zu allem bereit eingeschlafen. Gut, da war ich auch satt. Denn natürlich lässt man es sich am letzten Abend vor einer Darmsanierung noch mal richtig gutgehen. Ich tat dies mit Beeren-Tiramisu, einem Glas Sekt und Kürbissuppe, die eigentlich Pizza hätte sein sollen.

Ich habe verdammt schlechte Laune, weil ich weiß, dass vor dem Frühstück das Einkaufen steht. Meine Rezepteübersicht für die kommenden Tage habe ich nämlich erst so spät am Abend bekommen, dass ich nicht mehr einkaufen konnte. Und ich habe Hunger und will nicht einkaufen gehen. Ich will frühstücken und zwar sofort, am besten wäre es ja, das Essen stünde schon fertig auf dem Tisch.

Stöhnend schleppe ich mich also ins Bad, schmeiße mich ins Wochenend-Schlabber-Outfit und tapere übellaunig in den Supermarkt, der zum Glück nur 100 Meter Fußweg entfernt ist. Vorher mache ich von den als Bildern gesendeten Rezepten noch Screenshots mit dem Handy. Ich arbeite also ein Rezept nach dem anderen ab, allmählich landen ein paar Zutaten in meinem Korb. Dann suche ich Buchweizenflocken. Ernsthaft: Buchweizenflocken?? Wer hat sowas und wieso braucht man sowas? Der Supermarkt um die Ecke hat das jedenfalls nicht. Hatte ich die schlechte Laune erwähnt? Ich wollte doch Buchweizenbrei frühstücken. Also gibt es doch die gekochte Hirse mit der Papaya… äh, den Blaubeeren. Denn Papaya gibt es ebenfalls nicht.

Warum überhaupt das Ganze? Darmsanierung, genau. Ich saniere meinen Darm. Ich habe im Urlaub zu viel gegessen und vor allem zu viel Alkohol getrunken, etwa zwei Kilo zugenommen und fühle mich öfter mal nach dem Essen, als wäre ich im achten Monat schwanger. Mein Bauch sieht jedenfalls danach aus. Hinzu kommen Durchfälle, denen ich weder eine Ursache noch einen Grund zuweisen kann. Also fiel der Entschluss, mal aufzuräumen und nebenbei vielleicht vier bis fünf Kilo abzunehmen. Meine Problemzone ist eindeutig der Bauch, dort setzt sich der ganze Schmodder des guten Lebens ab – leider. Dies ist ja sicher auch ein Stressproblem, Cortisol, Bauchspeck und so.. da bin ich leider genetisch schlecht dispositioniert. Das lasse ich mal so stehen.

Nun habe ich also den Trainer und Ernährungsexperten meines Vertrauens konsultiert, der mir einen 28-Tage-Plan für meine Darmsanierung erstellt und einige Messungen vorgenommen hat. Messungen mit dem Ergebnis: zu viel Bauchfett, überhaupt zu viel Körperfett, generell alles gar nicht mal so gut; dann fangen wir mal an.

Ich bekomme also spät am Abend vor dem ersten Tag meine Rezepteliste mit einigen Lebensmitteln, die ich am ersten Tag – heute – konsumieren darf. Das sind so Sachen wie Hirse, die ich wirklich noch nie gekocht habe, und Buchweizenflocken. B-U-C-H-W-E-I-Z-E-N-F-L-O-C-K-E-N! Ich meine: Was zur Hölle?? Ich scheitere im Supermarkt auch an den vergleichsweise leichten Aufgaben Ahornsirup, Tempeh, Shiitake-Pilze, Ghee (das musste ich übrigens erst einmal googeln) und Zitronenmelisse. Zitronenmelisse, wenn es sonst nichts ist.

Dass ich all diese Sachen hier und jetzt nicht bekommen kann, trägt übrigens nicht dazu bei, dass sich meine Laune verbessert. Es ist 7:34 Uhr, als ich an die Kasse gehe. Ich lege also alle meine Waren (Hirse, Blaubeeren, Schafskäse, Pastinaken, Schafsjoghurt, Limetten Zitrone etc.) auf das Band und seufze. Nutzt ja nichts, ich habe mich entschieden, das durchzuziehen, also wird es durchgezogen. Was sind schon 28 Tage? Außerdem bekomme ich noch Nahrungsergänzungsmittel (in Form eines Pulvers), das es mir eindeutig erleichtert, weil ich nicht jeden Tag zweimal kochen muss (was ich auch einfach nicht kann, wenn ich 8:30 Stunden im Büro sitze und danach noch mehr als zwei Stunden Sport mache). Leider ist das Pulver noch nicht da und heute ohnehin noch nicht relevant. Heute gelten die Lebensmittel aus der Liste (erwähnte ich die Buchweizenflocken??) und morgen wird der Darm entleert. Und irgendwann kommende Woche ist hoffentlich das Pulver da, damit ich wirklich anfangen kann.

Als ich meine Sachen auf dem Band langsam Richtung Kasse fahren sehe, werfe ich einen Blick auf die Waren der Kundin vor mir: Vanille-Pudding, Sahnejoghurt, eine Tüte Chips, drei Tafeln Schokolade, Hackfleisch und einiges mehr, das ich gar nicht mehr wahrnehme, weil mir der Zorn der Ungerechtigkeit aus den Augen springt. Ich schaue die Frau an: Sie ist etwa 1,65 Meter groß und wiegt nicht mehr als 50 Kilo. Es ist unfair, es ist einfach so unfair. Jaja, vielleicht hat sie das alles für den Gatten, die Kinder oder den Hund gekauft, aber daran glaubt ihr nicht wirklich, oder? Denn da war wirklich kein einziges gesundes Lebensmittel zu sehen. Ach doch, ein Bund Lauchzwiebeln, über deren Beitrag zur Gesunderhaltung des Darms auch noch zu diskutieren wäre. Ich fluche innerlich über diese Ungerechtigkeit. Manche schieben sich diese ganzen fiesen, leckeren Sachen rein und nehmen kein Gramm zu. Ich schaue das Zeug nur schief an und habe schon 500 Gramm mehr auf der Hüfte. Ja, ich weiß, so ist das nicht. Ich habe das auch bei „Fettlogik überwinden“ gelernt. Genau diese Leute essen insgesamt einfach weniger. Mag ja sein. Trotzdem verwerten sie es besser, oder? Ich weiß jetzt jedenfalls, dass ich ein Langsamverwerter bin, da ist so eine Tüte Chips sicher nicht hilfreich. Wie gut, dass ich 28 Tage lang keine Chips essen darf..

Als ich wieder zuhause bin, beginne ich mit der Zubereitung fürs Frühstück. Wäre ja total einfach, sich jetzt ein Nutella-Brötchen zu schmieren. In zehn Minuten wären Kaffee und Brötchen fertig. Nein, ich darf Hirse kochen. Also koche ich Hirse. Ich habe übrigens wegen der schlanken Dame an der Kasse immer noch schlechte Laune. Ich brauche knapp 30 Minuten, bis mein Essen verzehrfertig ist. Weil ich clever sein will, koche ich gleich schon Hirse für morgen früh. Es schmeckt sogar einigermaßen, mir ist es natürlich viel zu wenig süß.

Das Schöne ist wirklich: Ich fühle mich hinterher gar nicht vollgefressen, sondern wohlig satt, vielleicht einen Tick weniger als richtig satt. Ich schütte ordentlich Wasser hinterher, damit ich einerseits die mir auferlegten 2,6 Liter schaffe und andererseits gar kein Hunger mehr aufkommen kann. Das klappt nur fast. Ich frühstücke um kurz nach neun, um elf habe ich Hunger. Sättigung ist anders.

Um neun Uhr hatte ich glücklicherweise schon die Kichererbsen aufgesetzt, denn gekochte habe ich nicht gefunden, und diese Scheißdinger müssen ja 120 Minuten kochen. Ja, ich habe immer noch schlechte Laune. Ich will sofort mein Nutella-Brot oder wenigstens einen Kaffee mit Milch und einem Löffel Zucker.

Ich beginne also zwei Stunden nach dem Frühstück mit der Vorbereitung für das Mittagessen. Da ich um 12:30 Uhr die Wohnung verlassen und erst gegen 17:30 Uhr wieder da sein werde, muss ich um 12 Uhr Mittagessen. Aber das ist auch kein Problem, denn ich habe ordentlich Kohldampf. Falls ihr Knurrgeräusche gehört habt, das war mein Magen.

Ich schnippel, richte an, mische zusammen und fertig ist gegen 12 Uhr mein Mittagessen: Kichererbsen-Süßkartoffel-Gratin. Unter „Gratin“ verstehe ich zwar irgendwas, was unter mindestens 500 Gramm Käse verschwindet, aber ich lasse das mal durchgehen. Es schmeckt tatsächlich richtig gut und macht mich satt; bis fast 17:30. Ich bin erstaunt. Hier ein Bild. Der Käse ist übrigens der falsche, was die Konsistenz angeht, aber der richtige, was den Inhalt angeht. Vielleicht wurde es auch daher kein richtiges Gratin. 21584048_10214286076451861_425433074_o

Um 12:30 Uhr verlasse ich das Haus und starte noch eine Runde auf der Suche nach, genau, BUCHWEIZENFLOCKEN. Ich finde zumindest etwas, das sich Buchweizengrütze nennt, das aber aussieht wie Flocken. Der Himmel reißt auf, Geigen spielen und Engel singen, als ich die Tüte in den Händen halte. Tagesziel erreicht? Außerdem ergattere ich noch eine schweineteure Flasche Ahorn-Sirup. Wehe, wirklich wehe, ich kriege die in den 28 Tagen nicht leer!!!

Danach geht es auf den Fußballplatz, VIP-Bändchen inklusive. Das leckere Buffet ignoriere ich tapfer. Grundsätzlich bin ich auch noch satt. Aber das wäre jetzt der klassische Moment für mich, in dem ich trotz Sättigkeitsgefühl ein Stück Kuchen, ein halbes Brötchen oder sonstige Leckereien hinterhergestopft hätte. Dennoch erwischt es mich sündentechnisch. Ich gönne mir einen Kaffee. Den darf ich zwar trinken, aber eigentlich nur ohne Milch. Kaffee ohne Milch geht nicht, als schütte ich einen Schluck Kuhmilch rein. Mir ist’s egal, ich brauche Kaffee und hoffe, dass der kleine Schluck Milch mich nicht um zehn Stunden zurückwirft. Anschließend trinke ich noch ein Glas Wasser.

Als ich gegen 18 Uhr zuhause dazu komme, mein Essen zuzubereiten – ich stinke jetzt ekelhaft nach Zwiebeln, Knoblauch und Schafskäse – bin ich hungrig. Definitiv. Aber nicht ausgehungert. Und auch jetzt, wo ich diese Zeilen schreibe, 19:24 Uhr, bin ich nicht komplett satt, aber auch nicht hungrig. Ist das der Zustand, den normale Menschen haben, die nicht bei jedem Hungergefühl irgendwas reinstopfen?

Spannend für mich: Ich hatte heute keinerlei Industriezucker (soweit ich weiß), nur Gemüse, Obst, ein paar Milchprodukte, Getreide, Gemüsebrühe. Sonst nichts. Nennen wir es die langsame Zuckerentwöhnung. Am liebsten würde ich jetzt ins Bett gehen, damit der Hunger gar nicht erst mehr kommen kann. Da ich aber noch weit entfernt von 2,6 Litern Flüssigkeit bin, sitze ich hier und trinke. Ein Hoch auf den nächtlichen Toilettengang. Ich weiß, wer morgen mit schlechter Laune aufwacht. Aber hey, vielleicht auch nicht, die Hirse ist ja schon gekocht. Oder vielleicht versuche ich doch mal die…. genau… Buchweizenflocken mit Apfel.

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Morgen also mehr…

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