Nobody said it was easy

Es ist das erste Mal, seit ich wählen gehen darf, dass ich keinerlei Ahnung habe, was ich wählen soll. Vorweg: Ich bin Wechselwähler, schon immer gewesen. Es gibt einige Parteien, die von mir noch nie ein Kreuz bekommen haben: die FDP beispielsweise. Außerdem alles rechts der CDU. Wobei das inzwischen ja reichlich ist, wenn man bedenkt, dass irgendeine imagniäre Kraft die CDU allmählich links der Mitte zieht; so gefühlt. Ich habe in Hessen mal die SPD gewählt, weil sie versprach, die Studiengebühren abzuschaffen. Das taten sie dann auch. Dann habe ich auch schon CDU gewählt, weil der Kandidat mir sympathisch war. Ja, so wählen Menschen. Die wenigsten wissen zu 100 Prozent, was im Wahlprogramm steht. Sie wählen, weil sie immer so gewählt haben, weil die Eltern immer so gewählt haben, weil sie glauben, sie stünden hier oder dort mit ihrer Meinung. Oder weil sie glauben, dass die Amtsinhaberin das doch ganz gut und nüchtern macht. Dass die Dame dafür sorgt, dass es links und rechts von ihr nach ihrer Zeit nichts mehr gibt, weil sie alles plattgetrampelt hat, darüber sollte man übrigens auch mal sprechen..

Ich nehme mir für mich heraus, zu sagen, dass ich keine Ahnung von der aktuellen Politik habe. Da sind nur Gedanken und Gefühle, kein Hintergrundwissen. Diese Gedanken und Gefühle meinen, dass es keine großen inhaltlichen Unterschiede mehr zwischen der SPD und der CDU gibt. Bleibt eben nur die Frage, ob die einen sich nach rechts oder die anderen sich nach links bewegt haben?

Jedenfalls bin ich Wechselwähler, und das macht es mir in diesem Jahr besonders schwer. Seit Samstag liegen die Wahlunterlagen auf meinem Wohnzimmertisch. Ich habe sie ein paar Mal in der Hand gehalten, aber ich kann einfach kein Kreuz machen. Wartest du mal das TV-Duell ab, dachte ich. Hätte ich vorher gewusst, dass es jetzt noch schwieriger ist, eine Entscheidung zu treffen, hätte ich es gelassen. Eines weiß ich aber sicher: Ich wähle beide Parteien nicht. Aus einem einfachen Grund: An diesem Abend wurden meiner Meinung nach vor laufender Kamera und Millionen Zeugen Koalitionsverhandlungen geführt. Beiden Kandidaten ist klar: Es wird so weitergehen. Erst recht, wenn die AfD in den Bundestag einzieht. Zwangsläufig wird es wieder zur Großen Koalition kommen. Oder reicht es doch für Schwarz-Gelb? Eher nein.

Ich fühlte mich nicht nur ein bisschen verarscht vom Herausforderer. Martin Schulz wählt am Ende auch noch die CDU, so wirkte es. Zu einig waren sich diese beiden, zu abgekocht tritt Frau Merkel auf, um wirklich in Gefahr zu geraten. Und die SPD zerlegt sich allmählich selbst durch die Große Koalition. Auf jede Attacke Schulz‘ folgte ein „aber Ihre Partei hat da doch zugestimmt“ von Merkel – und schon war die Luft raus. Sie bietet keinerlei Angriffsfläche, wehrt jeden Pfeil nicht nur ab, sondern hat sogar noch Zeit und Muße, ihn in der Luft abzufangen und umzudrehen und mit doppelter Geschwindigkeit zurückzujagen und dabei zu wirken, als habe sie gerade Wollsocken für einen kalten Winter fertiggestrickt. Beeindruckend, irgendwie.

Also schaute ich Montagabend den Schlagabtausch. Im Netz beobachte ich seit einigen Wochen krasses Grünen-Bashing. Verbots-Partei heißt es da immer wieder. Nun ja, mag sein. Sie sind aber die einzige Partei, die überhaupt irgendwie grün ist. Oder mal war. Und heute nur noch den Anspruch hat, grün zu sein. Ich habe verdammte Angst um diesen Planeten: Ich will Konzepte für Tierschutz, Umweltschutz, Ozonloch, Klimawandel, Mobilität, Atommüll, Plastikmüll. Ich will vernünftige, bezahlbare Konzepte. Ich will eine Partei, in der sich diesbezüglich alle grün sind (sic!). Was die Grünen anbieten, gerade die internen Querelen betreffend, ist ab- und erschreckend. Uneinigkeit über die Antworten, dazu schlechte Antworten auf viel zu wenige Fragen. Wo sind die Konzepte, die klaren Konzepte? Die grünen Konzepte? Also auch hier kann ich wohl kein Kreuz machen.

Mein zweites großes Anliegen: bitte keine Große Koalition mehr. Noch vier Jahre Stillstand verkraftet dieses Land nicht, die Demokratie nicht, verkraftet die Mitte nicht, die immer schwächer wird, weil die Ränder immer stärker werden. Ich möchte das nicht.

Also, was wähle ich? FDP? Habe ich noch nie, kann ich nicht, aber müsste ich wohl. Die Linke? Liegt derzeit bei zehn Prozent, ist das eine Alternative, um wenigstens der AfD Stimmen zu klauen? Oder doch grün, weil mein Herz eigentlich grün ist?

Ich weiß nur eins: Am Ende werden die zwei Kreuze irgendwo zu finden sein. Denn das Recht zu wählen, ist immer noch eine verdammte Pflicht und eben nicht nur ein Recht. Die Pflicht, für die Demokratie einzustehen, und sich daran zu erinnern, wie viele Menschen im Kampf für diese Freiheit gestorben sind, gelitten haben, aufgeben mussten.

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