From hero to zero

Ich – bevor das Drama losging.

Die besten Einfälle zu Texten habe ich blöderweise ganz früh am Morgen im Halbschlaf. Meistens so gegen 4 Uhr oder 4.30 Uhr, wenn ich sowieso gerade auf war, um einen Hundehaufen zu beseitigen (fragt nicht, das gehört eben jetzt dazu, Nena ist eine alte Lady).

So auch heute Morgen. Wie im Traum machte ich sauber, lüftete und wartete, dass es gut genug roch, um die Fenster zu schließen. Für gewöhnlich liege ich während dieser fünf bis zehn Minuten im Bett und dämmere vor mich hin, während die mittlerweile laue, schöne Frühlingsluft hereinweht.

Das sind die Minuten, in denen mir irgendwelche Textfetzen, Themen und Ideen durch das Hirn rauschen. Blöderweise schaffe ich es nie, sie aufzuschreiben oder ins Handy zu sprechen. Sie rauschen einmal durch meinen Kopf, dann sind sie weg. Wie ein ICE auf der Fahrt durch Gießen. Dann mache ich das Fenster zu, lege mich wieder hin und schlafe fast sofort ein. Meistens erinnere ich mich beim Aufwachen, dass ich irgendeinen Schreibeinfall hatte, aber die Fetzen, die sind weg.

Ich erinnere mich jedenfalls, dass ich heute Morgen auf einmal daran dachte, wie ich in der sechsten Klasse von meinen Klassenkameraden gemobbt wurde. Ein ganzes Jahr lang. Ich hatte einen wunderbaren Texteinstieg dafür, doch der ist weg. Ich schreibe diesen Beitrag jetzt trotzdem, weil die Erinnerungen an diese Zeit durch die Gedanken heute Morgen so stark sind.


Als wir in der neuen Schule in die fünfte Klasse kamen, wurden unsere beiden Grundschulklassen aus der alten Grundschule im Grunde zusammengelegt. Die Teile der früheren 4a und 4b, die sich für diese Schule entschieden hatten, wurden zur neuen 5a. Die meisten hatten also ihre Freunde dabei. So auch ich. Und recht schnell gewann ich neue Freunde – aus der früheren Parallelklasse vor allem. Es waren noch andere Kinder anderer Schulen in der Klasse, mit denen ich mich ebenfalls gut verstand. Ich war ein offenes Kind, witzig, manchmal bissig, aber nie bösartig, daher gelang es mir auch schnell, mich anzufreunden.

Dies führte dazu, dass ich schnell mit den Leuten abhing, die der „heiße Scheiß“ waren, die „In-Clique“. Wenn ich mich richtig erinnere, waren wir so sieben oder acht Leute. Ich kam mit einem der Jungs zusammen, wobei außer Händchenhalten und hier und da mal ein Schmatzer natürlich nichts lief. Hey, wir waren 10!

In den folgenden Monaten verbrachten wir als Clique fast unsere komplette Freizeit miteinander. Wir liefen draußen rum, machten Blödsinn, lachten und hatten uns irgendwie gern. Das funktionierte ein Jahr lang prima. Am Ende der fünften Klasse wurde ich dann zur stellvertretenden Klassensprecherin gewählt. Da klar war, dass wir als Klasse noch ein Jahr zusammenbleiben würden, fand diese Wahl vor den Sommerferien statt. Einer der coolen Jungs wurde Klassensprecher.

Und dann kippte auf einmal die Stimmung. Nach den Ferien war ich auf einmal „out“. Der Junge machte Schluss, das war der erste Schritt. Ich verstand nichts. Noch im Mai hatten wir auf der Klassenfahrt ins Kleinwalsertal richtig zeremoniell „geheiratet“ und mochten uns und hatten jede Menge Spaß. Im August war alles vorbei. Ich weiß eigentlich bis heute nicht, was passiert ist.

Doch innerhalb weniger Wochen startete die wohl schlimmste Zeit, die ich in der Schule jemals haben sollte. Ich wurde verspottet, meine Kleidung wurde verspottet, alles, was ich sagte, war lachhaft geworden, ich spielte keine Rolle mehr, man hasste mich. Zumindest die Jungs taten es. Eine aus der Gruppe stand halbwegs tapfer an meiner Seite, versuchte, sich nicht zu sehr beeindrucken zu lassen.

Aber aufgestanden ist keiner. „Stopp“ hat auch niemand gesagt. Und wenn ich mein Leid klagte, hieß es meistens: „Du musst die ignorieren. Wenn du sie ignorierst, verlieren sie den Spaß und hören auf.“ Ich versuchte es. Aber ich war 11. Wer kann mit 11 böse Sprüche und Hohn und Spott ignorieren und da ohne Schaden rauskommen?

Der absolute Tiefpunkt war erreicht, als ich in einer Bio-Stunde (so meine ich) von mir gab, dass Kühe Fleisch fraßen. Wörtlich: „Kühe fressen doch auch Fleisch.“ Ich, Stadtkind, 11 Jahre alt, ich wusste es nicht besser. Mehrere Wochen, Monate lang wurde mir dieser Satz jeden Morgen feinsäuberlich, schön langsam und schmerzend vorgehalten. Wie dumm ich doch sei, dass ich so etwas nicht wusste. Vor allen. Immer und immer wieder. Und ich hatte immer noch keine Ahnung, was ich eigentlich in diesen Sommerferien und den ersten Wochen nach Schulbeginn verbrochen hatte. Mein Ex-Freund hatte inzwischen Gefallen an einem Mädchen aus einer Parallelklasse gefunden. Sie war definitiv hübscher als ich, so viel war mir klar.

Heute weiß ich, dass ich damals wohl schon anfing, mich zu dem zu entwickeln, was ich heute bin: bisexuell, keine wirklich weibliche Frau, sportlich, eigenbrödlerisch oder wie jemand später in der Abi-Zeitung vermerkte: „seltsam“. Das bislang größte Kompliment, das ich erhalten habe.

Meine Mitschüler in der sechsten Klasse waren hingegen nichts als grausam. Dass sie keine körperliche Gewalt anwanden, war alles. Ich schloss in dieser Zeit ein paar Freundschaften mit Jungs und Mädchen, die wie ich nicht in eine Norm zu pressen waren, die ihren eigenen Weg gingen. Dieses Andere, ich glaube heute, das machte den Jungs damals Angst. Es ist die beste Erklärung, die ich habe.

Dass ich in diesem Jahr nicht daran zerbrochen bin, was mir an psychischer Grausamkeit angetan wurde, ist ein Wunder.

Ich erinnerte mich dieser Tage schon einmal an dieses ganze Thema, das ich sonst lieber verdränge, weil ich kürzlich einen Frühjahrsputz auf Facebook gemacht habe. Dort waren eben auch ein paar Leute dieser Clique dabei, die mich so gequält haben. Im Nachhinein frage ich mich, wieso sie überhaupt das Privileg erhielten, zu meinen Freunden zu gehören. Auch hierauf habe ich keine Antwort. Nun flogen sie aus der Liste, mit spätem Zorn in meinem Herzen. Bis heute hat sich niemand entschuldigt.

Diese Jungs waren dann auch später noch lange in meiner Klasse, bis zur Jahrgangsstufe 10. Die Gehässigkeiten ließen jedoch nach, denn wir ignorierten uns einfach. Ich fand sie scheiße, sie mich. Ich hatte andere Freunde.

Manchmal stellten es andere gerne so hin, als sei das ja alles nicht so schlimm gewesen, damals in der sechsten Klasse. Doch, war es. Es war die Hölle. Ich hatte Angst, morgens in die Schule zu gehen. Ich hatte Angst, mein Ding zu machen, mein Leben zu leben. Ein verdammtes ganzes Jahr lang.

Warum schreibe ich das auf? Ich schreibe es an die Eltern, die Kinder, die gemobbt werden. An alle Betroffenen: Geht euren Weg, lasst euch nicht aufhalten. Ihr seid wertvoll. Und wenn ihr gemobbt werdet, hat es nichts mit euch zu tun, sondern mit der Unfähigkeit anderer, anderes zu akzeptieren. Sie sind die Schwachen und ihr seid die Starken. Weil sie das erkannt haben, hacken sie so lange auf euch herum, bis ihr kleiner seid als sie. Das ist zumindest meine Erfahrung. Aber lasst euch bitte niemals davon abhalten, euren Weg zu gehen. Es gibt mehr als einen. Die Geschichte zeigt es so deutlich.

Und wenn es ganz schlimm wird, dann sucht euch wirklich Hilfe auch innerhalb der Schulleitung, beim Vertrauenslehrer, je nach Schwere des Mobbings auch bei der Polizei. Diesen Zustand muss niemand ertragen, niemand hinnehmen.

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Ein Kommentar

  1. s.g. · 28 Days Ago

    Ui, lange nicht mehr hier reingeschaut, und gleich was besonderes zu finden…
    Ja, ich kann mich noch an diese Zeit erinnern, und wie wir sie verbracht haben. Gemobbt werden, das war wirklich die Hölle, auch in der Parallelklasse (und noch viele Jahre lang andauernd). Kinder sind einfach nicht reflexionsfähig genug, um in dem Alter aufzustehen und „Stopp“ zu rufen, und dann ist da natürlich auch noch die Gruppendynamik (Wer sich auf die Seite der „Loser“ stellt, wird selbst zu einem).

    Nun, bald 20 Jahre später, gibt es ein Lied, was diese Situation angemessen beschreibt:

    (Ich liebe es!)

    Trotzdem denke ich, dass es mich im Nachhinein zum Positiven beeinflusst hat, ich bin mir nicht sicher, ob ich so bewusst bzw. reflexionsfähig geworden wäre, wenn ich diese (damals traumatische) Erfahrung nicht gemacht hätte.

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