Als mich ein Zeitungsartikel mehr als zwölf Euro kostete..

Als ehemalige Journalistin und Redakteurin beschäftigt mich auch zwei Jahre nach dem Ausstieg aus dem Zeitungsgeschäft immer noch das Thema Online. Wann sind Leser bereit, für Online-Inhalte Geld auszugeben? Wie viel Geld würden sie ausgeben? Was ist ihnen der Inhalt wert? Braucht man verschiedene Angebote für verschiedene Zielgruppen? Ist Personalisierung der Inhalte wirklich das Mittel der Zukunft? Ich für mich kann sagen: Ich kaufe nichts. Ich kaufe kein Papier und ich kaufe auch keine digitalen Inhalte. Wenn ich es nicht lesen kann, dann kann ich es eben nicht lesen. So interessant ist es dann auch nicht, dass ich dafür Geld bezahle. Klicke ich eben weg. Ja – und das als ehemalige Journalistin. Ich bin da sehr ehrlich. Eine Tageszeitung kaufe ich nie auf Papier, bin aber auch dadurch abgedeckt, dass wir im Büro die örtliche Tageszeitung ohnehin abonniert haben. Zeitschriften kaufe ich sehr, sehr selten. Online habe ich bisher ein einziges Mal für ein Interview Geld ausgegeben. Das ist bei Galore erschienen und war jeden Cent wert. Danke dafür! So im Nachhinein.

Nun zu meiner aktuellen Geschichte. Es war Montag, 31. Oktober, als ich bei meiner täglichen Medien-Stippvisite bei Spiegel Online eine Geschichte entdeckte, die mich wirklich interessierte. Renate Künast, genau, die Politikerin, hat offenbar Menschen besucht, die sie in den sozialen Netzwerken mit Hass-Kommentaren überschüttet haben. Sie sitzt also in einem Auto und fährt dort wirklich hin. Sie konfrontiert die Hater mit ihrer puren Anwesenheit. Ich will das sofort lesen. Ich klicke darauf und sehe zuerst ein Video. Erst einmal bin ich enttäuscht, denn ich lese nicht nur nichts online, ich gucke erst recht keine Videos. Kostet zu viel Zeit. Hier klicke ich aber auf Play.

Ich verfolge seit Monaten, wie Dunja  Hayali mit dem ganzen Zorn umgeht, der sich gegen sie richtet. Ich finde das Thema sehr spannend. Wie gehen in der Öffentlichkeit stehende Personen mit diesen negativen Gefühlen um, die ihnen da geballt ins Gesicht schlagen? Renate Künast interessiert mich als Politikerin schon seit Jahren. Ich habe sie in den 90er-Jahren mal in der NDR Talkshow gesehen und fand es faszinierend, wie sie mit wenigen Bleistiftstrichen nachhaltige Landwirtschaft erklären konnte. Dann traf ich sie mal im Wahlkampf 2013 bei einem Interview in unserem Haus. Ein Interview das letztlich nie erschienen ist, weil … naja, lest selbst. Ich habe mein Interesse allerdings auch dadurch nicht verloren. Ich fand das Ganze spannend, sicherlich enttarnend und enttäuschend.

Ich gucke also das Video und stelle fest: Das ist maximal ein Teaser. Ich klicke zurück zum Text, lese an und merke: Hier muss ich bezahlen. 0,39 Euro. Das ist quasi nichts. Ich bin sofort bereit, diesen Betrag abzudrücken und klicke auf die Option „jetzt lesen, später zahlen“. Denn offenbar kann man bei Spiegel Online Artikel „sammeln“. Leider lande ich dann auf einem Bezahldienst, LaterPay, und meine Motivation ist im Keller. Noch mal auf eine externe Seite geleitet werden, dort mal eben ein Konto zu registrieren, nein, das passt mir zeitlich dann doch nicht in den Kram, sieht furchtbar umständlich aus und ist ein absoluter Abtörner in diesem Moment.

Ich klicke weg. Aber der Artikel lässt mir keine Ruhe. Ich will das lesen und beschließe am Abend, mir die gedruckte Variante zu kaufen. Die ist zwar 4,51 Euro teurer, bringt mir aber auch noch eine sehr interessant klingende Titelgeschichte zu Luther. Auch für meine Freundin, ihres Zeichens Geschichts- und Religionslehrerin, ist das sicher lesenswert.

Am Dienstagmorgen, 1. November, fällt es mir dann wieder ein. Ich wollte den Spiegel kaufen gehen. Mittags habe ich endlich Zeit. Auf dem Weg aus dem Büro treffe ich meinen Chef.
„Ich geh mal eben den Spiegel kaufen“, sage ich.
Er grinst. „In gedruckter Form?“
„Ja“, entgegne ich.
„Den gibt es noch gedruckt?“, spottet er.
Ich kläre ihn kurz darüber auf, wie mein Versuch, den Artikel online zu kaufen, gescheitert ist. Dann tigere ich los. Mein erster Weg führt mich in die Zeitschriftenabteilung des örtlichen Edekas. Hier gibt es von der Frau im Spiegel bis zur Freizeit Revue alles, aber keinen Spiegel. Stattdessen kaufe ich ein Brot und Lakritzschnecken. Ich checke noch mal mein Bargeld und stelle zufrieden fest, dass ich noch 4,20 Euro im Geldbeutel habe. Zu diesem Zeitpunkt weiß ich nicht, dass der Spiegel 4,90 Euro kostet. Ich kaufe den ja nie.

Ich bin frustriert und weiß nicht, wo ich auf der Schnelle in der Mittagspause noch suchen kann. Auf dem Rückweg treffe ich einen weiteren Kollegen und frage ihn nach einem Kiosk. Er kann mir weiterhelfen, zum Glück. Aber er ist verwirrt.
„Den Spiegel? Auf Papier? Wirklich?“
„Ja, ganz wirklich. Da ist eine Geschichte drin, die ich unbedingt lesen will.“
„Können Sie das nicht online kaufen?“
Ich schildere erneut mein Dilemma.
„Da hätte ich auch abgebrochen“, bestärkt er mich.

Ich folge seinem Tipp und finde einen kleinen Tabakladen. Als ich den Spiegel entdecke, fällt mein erster Blick natürlich sofort auf den Preis. Ich weiß, was das bedeutet. Ich habe zu wenig Bargeld. 70 Cent. Ich starre auf das EC-Gerät. „EC-Kartenzahlung“ ab zehn Euro. Ich seufze. Ich werde diesen Laden auf keinen Fall ohne den Spiegel verlassen.

Ich schaue mich ein paar Minuten lang um und entscheide, dass ich einfach noch zwei Zeitschriften kaufe. Die Frankfurter Allgemeine Woche – ebenfalls mit einem Stück über Luther – und den Focus, der Bauchfett als Titelthema hat. Zu der Entscheidung komme ich allerdings auch erst, nachdem ich schon einen Lottozettel ausgefüllt habe, aber bei der Abgabe meine Karte von Lotto Hessen nicht in meinem Geldbeutel finde. Irgendwann mal aussortiert, denn Lotto spiele ich eigentlich nie. Naja, also eben doch die Zeitschriften. Lesen soll ja bilden.

Am Ende bezahle ich mehr als zwölf Euro für einen einzigen Artikel. Ich weiß nicht, ob ich jemals etwas Dämlicheres getan habe als das – so rein finanziell gesehen. Ich gehe allerdings breit grinsend zurück ins Büro. Man lernt eben nie aus. Und am Ende lerne ich, dass ich beim nächsten Mal vielleicht einfach doch den Klick mehr mache und mich mal eben bei einem Drittanbieter registriere, um zu bekommen, was ich will.

Immerhin: Meinem Chef  konnte ich den Focus schmackhaft machen. Aber nicht wegen der Bauchfett-Geschichte. Keine Sorge.

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Ein Kommentar

  1. Seegal Galguntijak · Januar 24

    Danke liebe Kirsten, immer wieder interessante Dinge, die Du hier aufschreibst. Auch wenn ich jetzt das Interesse an Frau Künast nicht nachvollziehen kann (das könnte ich wohl bei kaum einem Politiker), so darfst Du Dir zumindest für den Tag ein Fleiß-Bienchen ins Hausaufgabenheft kleben, denn Du hast den Todesstoß der so schlimm notleidenden baumleichenbasierten Zeitungsindustrie um ein paar Nanosekunden nach hinten verzögert 😉

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