Der Teufelskreis aus mangelnder Medienkompetenz und antrainiertem Verhalten

Schon lange wird hier und da nicht mehr nur diskutiert über Unterrichtseinheiten zum Thema Medienkompetenz – es wird unterrichtet, auch nicht ausschließlich als Einheit, sondern als Fach. Hierbei liegt der Schwerpunkt vor allem auf dem Umgang mit Apps wie Whatsapp oder Snapchat sowie sozialen Netzwerken wie Instagram oder Facebook. Das ist löblich, packt das Übel aber auch nur oberhalb der Wurzel.  Es ist wichtig, dass Kindern und Jugendlichen klar wird, was passiert, wenn sie ein Bild von sich hier und da posten – und dass das Internet niemals vergisst. Nichts.

Das Kernproblem ist jedoch ein anderes – die Medienflut. Und hier liegt meines Erachtens die wahre Medienkompetenz. Den ganzen Tag wird das Internet über Webseiten und soziale Netzwerke mit Informationen geflutet. Wer die etablierten Medien nicht kennt und sie auch nie kennengelernt hat, weil zuhause nie eine Zeitung lag oder eben ein iPad mit einem e-Paper-Abonnement einer seriösen Tageszeitung, der wird den Unterschied zwischen der Süddeutschen Zeitung und den Deutschen Wirtschafts Nachrichten nicht begreifen. Sondern sich inhaltlich das raussuchen, was ihm näher ist. Im Zweifel, ohne zu hinterfragen, ohne einen zweiten Blick darauf zu werfen – denn dafür ist weder Zeit noch Raum da. Kaum sackt die Information, wird die nächste in die Timeline gespült. Es ist eine immerwährende Flut. Ohne Ebbe. Übrigens nicht nur an Informationen, sondern auch an Emotionen wie Hass, Angst und Wut. Aber das ist ein anderes Thema.

Hinzu kommt, dass die Timeline schon längst alles gelesen und bewertet hat – die Meinungsbildung findet also schon lange nicht mehr im stillen Kämmerlein, sondern in der Gruppe statt. Und nicht wenige nehmen als Wahrheit an, was die Mehrheit zu glauben scheint.

Dieser Teil der Medienkompetenz (lesen, verstehen, einordnen, selbst recherchieren, falls Zweifel bestehen) scheint mir in den bisher durchgeführten Unterrichtseinheiten doch deutlich zu fehlen. Natürlich ist der Kampf gegen Cybermobbing und für die Privatsphäre der wichtigste in den Klassenzimmern – aber die Fähigkeit, Medieninhalte zu sondieren, zu verstehen und sie einzuordnen, ist nicht minder wichtig.

Aber Medienkompetenz geht auch noch ein Stück weiter und betrifft lange nicht nur die Schüler, ganz im Gegenteil: Die Fähigkeit, eine Webseite zu verstehen, dort nach Inhalten zu suchen, die Suchfunktion zu benutzen oder sich durch die Seite per Menü zu navigieren, verkümmert zusehends. Das beobachte ich nicht jetzt erst, wo ich in einer Internetredaktion arbeite. Auch vorher, als ich in einer Online-Redaktion einer Tageszeitung gearbeitet habe, sind mir teilweise unglaublich banale Fragen zum Inhalt der Seite untergekommen. Dahinter steckt zum einen die mangelnde Geduld, den Inhalt selbst zu finden, zum anderen aber auch ganz klar die mangelnde Fähigkeit, eine Webseite zu begreifen. (Schöner Artikel in der FAZ zur Lese- und Verständniskompetenz von Studenten).

Die Redaktionen tragen ihren Teil dazu bei: Je blöder (sorry, aber so mag ich es nennen) die Leute werden, desto mehr sorgen die Redakteure dafür, die Inhalte noch leichter auffindbar zu machen. Es wird noch mehr rot markiert, noch mehr in die Mitte der Seite gestellt. Es fehlen manchmal wirklich nur noch rote Pfeile, die hektisch blinken. Eine Leuchtreklame neben dem Artikel mit der Überschrift neben der Überschrift: „HIER finden Sie alles über die letzte Gemeinderatssitzung.“

Ein Beispiel: In einer Spalte, die „Aktuelle Meldungen“ heißt, findet sich eine Nachricht für einen bestimmten Personenkreis wieder. Die Spalte funktioniert so, dass immer die neueste Meldung nach oben gestellt wird, so dass allmählich Meldung für Meldung nach unten rutscht. Nun war diese eine Meldung bereits an die zweite Position gerutscht. An die ZWEITE Position. Es dauerte keine zwei Stunden, da meldete sich die dafür zuständige Person und teilte mit: Die Kollegen sehen das so nicht. Ob ich das bitte ROT einfärben könne. Sprachlosigkeit. Ich kann es natürlich nicht rot einfärben, was dazu führt, dass die Meldung nun gefettet und mit dem Hinweis ACHTUNG versehen wird.

Dies führt allerdings dazu, dass quasi die Erwartungshaltung, dass bei der nächsten Meldung zu diesem Themenbereich wieder ein spezieller Hinweis per Leuchtreklame erfolgt. Die Kollegen werden gar nicht mehr schauen, ob diese Meldung sie betrifft, wenn nicht groß ACHTUNG davorsteht. Außerdem darf es bloß nicht zu viel Text sein. So hörte ich letztens, Webseitenentwurf 2 sei schöner, weil man da nichts lesen müsse, um zum Inhalt zu gelangen. Wir reden hier von einem Entwurf mit 80 Zeichen (!) und 200 Zeichen (!). Der mit 80 erschien besser.

Ein zweites Beispiel: Ein Leser ruft an und beschwert sich darüber, dass er einen Artikel nicht finden kann. Ein kurzer Klick in die richtige Spalte auf einer Unterseite zeigt mir, dass der Artikel an vierter Stelle steht – mit Bild und einer Überschrift, die keinen Zweifel am Inhalt lässt. Die Erklärung des zu navigierenden Weges dorthin ist dann jedoch ein mittleres Desaster.

Webseiten haben nun mal den großen Vor- und Nachteil, dass sich besonders viele Inhalte auf besonders wenig Platz in vielerlei Formen, Farben und Varianten darstellen lassen. Einzig die User haben es verpasst, sich durch diesen Parcours zu navigieren. Während die Webseiten gewachsen sind, haben sie sich meist gar nicht entwickelt. Und weil die Redakteure immer weniger Zeit und weniger Lust auf Anrufe der „Kundschaft“ haben, werden die Inhalte immer leichter auffindbar gemacht. Ein Teufelskreis, den es meines Erachtens zu durchbrechen gilt.

Wie? Die Leute einfach mal suchen lassen. Ihnen erklären, dass es sogar eine Suchfunktion gibt, in die man Begriffe wie „Landtagswahl“, „Brückenüberführung“ oder „Jahreshauptversammlung Männergesangsverein Lahme Lunge“ eingeben kann und sicherlich fündig wird.

Denn die Entwicklung, die sich gerade zeigt, führt nur in eine Richtung: zum Ende. Zum Ende der Sprache, zum Ende des Nachdenkens, zum Ende des Selbstrausfindens, zum Ende des Reflektierens.

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Ein Kommentar

  1. Seegal Galguntijak · August 8, 2016

    Dazu passt auch dies hier irgendwie: https://www.theguardian.com/commentisfree/2016/jul/21/words-jason-bourne-matt-damon-film-hollywood-dialogue – allgemein scheint der Trend dahin zu gehen, dass Intelligenz und Denkvermögen „uncool“ sind. Viele brüsten sich ja auch damit, Mathe nicht zu können, und stellen das als etwas positives heraus, anstatt es zwar zuzugeben, aber diese Ignoranz oder Unfähigkeit nicht dreisterweise als „Stärke“ der eigenen Person zu verkaufen.
    Ich frage mich auch, ob wohl nach der „Bologna-isierung“ des Bildungssystems das Niveau an eigenständigem Denken und Hinterfragen, sowie von mentalen Transferleistungen allgemein, an den Schulen heute noch ähnlich hoch ist, wie damals als wir unser Abi gemacht haben?
    Ich stimme Dir jedenfalls vollkommen zu, dass der Unterricht in Medienkompetenz genau diese Fähigkeiten zum Inhalt haben sollte, denn nur so kann ein Mensch zu einem mündigen Bürger heranwachsen. Dazu gehört heutzutage vor allem die Fähigkeit, Informationen einordnen zu können.

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