Was mich traurig macht

Dass das Internet und vor allem die sozialen Netzwerke dieser Tage Fluch und Segen zugleich sind, dürfte einigermaßen klar sein.

Sie sind ein Segen, weil jedem zu jeder Zeit jede Information zugänglich gemacht wird. Zumindest in unseren Breiten- UND Längengraden. Niemand muss glauben (oder auch nicht), was der Nachbar erzählt, was die Verkäuferin angeblich erlebt hat oder was die Tante der Freundin der Mutter über die Schwägerin erzählt hat. Gut, das wäre sehr privat und im Netz vermutlich nicht zu finden.

Anders sieht es bei politischen Themen aus. Diese Öffentlichkeit gibt es im Internet, überall, zu jeder Zeit. Das ist gerade aktuell bei der Flüchtlingsthematik allerdings auch ein Fluch. Die pseudo-nachrichtlichen Webseiten, die gerne auch mal „nachrichten“ in ihrer URL haben, um glaubwürdiger zu wirken, verbreiten teilweise einen derartigen Blödsinn, dass sich einem die Zehennägel hochrollen. Aber leider gibt es genug Menschen, die diese Texte nicht nur glauben, sondern sie auch unverhohlen in den sozialen Netzwerken weiterverbreiten. Ohne eine Sekunde zu hinterfragen, was sie dort tun.

Von der Gegenseite käme an dieser Stelle das Argument, dass das mit vermeintlich seriösen Seiten wie Spiegel, Zeit Online, Süddeutsche oder FAZ nicht anders sei, denn die verbreiteten schließlich auch Lügen. Lügenpresse eben. Ich lasse diesen Leuten ihre Meinung. Vielleicht ist Berichterstattung tendenziös, aber vielleicht muss sie das auch sein. Das finde ich an dieser Stelle noch nicht bedenklich. Denn hinter jeder Nachricht steckt ein Mensch und eine von vorne bis hinten sachlich geschriebene Meldung zu formulieren, ist ohnehin nicht möglich, denn der Empfänger ist ebenfalls ein Mensch und gewichtet jedes gelesene Wort, wie er es gewichten möchte. Dieses Ungleichgewicht ist meines Erachtens nicht aufzuheben, aber auch nicht besonders tragisch – wenn daraus keine gewalttätigen Auseinandersetzungen entstehen. Bedenklich wird es doch erst, wenn Berichterstattung staatlich gesteuert ist – und das ist sie in Deutschland schlichtweg nicht. Für all die Erfahrungen, die ich als Journalistin gemacht habe, kann ich das zumindest ausschließen.

Viel schlimmer als all das ist das, was gerade in unserer Gesellschaft passiert. Der Ton wird rauher, viel viel rauher. Und hier liegt der zweite Fluch des Internets. Jeder kann zu jeder Zeit seine Meinung mitteilen – teilweise in einem Ton, dass es einem den Atem verschlägt. Reden diese Leute so mit ihren Mitmenschen auch im realen Leben? Wenn ja, dann frage ich mir wirklich, in welchem Land wir leben. Auf welchem Planeten.

Die Menschen spalten sich in zwei Lager. In das der „Gutmenschen“ und das der „besorgten Bürger“. Eine sachliche Unterhaltung über das Thema Flüchtlinge funktioniert ein paar Minuten, dann wird es persönlich, dann wird beleidigt, diffamiert und zum großen Gegenschlag ausgeholt. Von Menschen, die sich vielleicht vorher nicht kannten. Von Menschen, die sich kannten und sich mal gut verstanden. Und von Menschen, die vielleicht sogar mal befreundet waren. Der Riss, der gerade durch Deutschland geht, der macht mir viel mehr Angst als all die „Lügenpresse“-Krakeeler, als all die Pegida-Mitläufer und die Stühlewerfer. Weil keine Diskussion mehr möglich ist. Emotional sind wir an einem Punkt, der fast keine Steigerung mehr erlaubt. Angst, Wut, Verzweiflung, Hass und Resignation prägen dieser Tage das Bild – vor allem in den sozialen Netzwerken. Und wer sich einmal mit dem Nachbarn auf Facebook angelegt hat, überlegt dreimal, ob er noch rausgeht, um ihm „Hallo“ zu sagen. Wohnt denn wirklich so viel Hass in den Menschen? Wo war der all die Jahre? Ist das aufgestauter Frust? Ich will nicht glauben, dass Menschen so hasserfüllt, so unzufrieden und so angsterfüllt sind, wie sie es gerade zeigen. Denn es zeigt mir wiederum, dass sie in ihrem Leben offenbar viel verpasst, vieles falsch gemacht haben, viel bereuen. Anders mag ich mir das nicht erklären. Menschen, die sich in ihrem eigenen Land fremd fühlen, so sagen sie, aber selbst zum Urlaub ins Ausland fahren und dort willkommen sein wollen. Menschen, deren Aktionsradius nicht größer ist als der eigene Ort, die noch nie ein Wort mit einem „Fremden“ geredet haben, die selbst sogar einen Flüchtlingshintergrund in der eigenen Familie haben. Menschen, die jede Perspektive verloren haben, weil die Angst sie in sich selbst einmauert. Es ist traurig. Und ich habe da derzeit einfach nur noch Mitleid.

Ich frage mich seit heute Morgen, wann sich dieses erhitzte Klima wieder abkühlt, wann die Menschen endlich wieder normal werden, zu sich finden – und aufhören im größten Sandkasten der Welt mit Förmchen um sich zu werfen. Es ist eine bedenkliche Entwicklung und es sind Momente wie diese, in denen ich denke – das sollte ich vielleicht nicht, aber Gedanken kommen und gehen nun mal – dass ich langsam verstehe, wie es damals zum 2. Weltkrieg kommen konnte. Angst und Hass saß in den Köpfen. Vor allem Angst. Und dann kam  da eine vermeintlich leuchtende Gallionsfigur her, die versprach, dass alles besser würde, wenn man erst mal die Arier von den Juden befreit habe. Das vermeintliche Licht am Ende des Tunnels war letztlich nur der Weg in noch mehr Dunkelheit. Ich hoffe, dass alle, die sich derzeit in den Netzwerken und privat um Kopf und Kragen reden und schreiben, sich endlich wieder daran erinnern, dass mit Angst und Hass, mit Beleidigungen und Beschimpfungen die Welt keine bessere wird.  Keine bessere Welt werden kann.

Eine Welt ohne Kriege ist aus vielen Gründen (Macht, Geld, Wirtschaftsinteressen, Politik, Religion) nicht möglich. Aber eine Welt, in der wenigstens der Großteil der Menschheit nicht heißer läuft als 37 Grad wäre wünschenswert. Ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben.

Es darf doch nicht wahr sein, dass sich Menschen in zwei Lager teilen lassen – mit einem tiefen tiefen Spalt dazwischen – weil sie über ein politisches Thema geteilter Meinung sind. Kann Angst sowas wirklich? Dann sollten wir Angst vor der Angst haben.

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