Unaussprechliches

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Foto | Kirsten Ohlwein

Es gibt so viel Unaussprechliches zu diesem Thema, dass mir nahezu die Worte fehlen. Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll, wie und – wieso. Es würde genügen, zu schweigen, andererseits ist das hier eben ein Blog, eine Art Tagebuch, der richtige Ort, um all diese Gedanken loszuwerden.

Es liegen 2,5 anstrengende, intensive, schöne und erinnerungswürdige Wochen hinter mir. 14 Tage, an denen ich neun Roxette-Konzerte gesehen habe. 14 Tage, die mir die bittere Realität immer wieder vor Augen geführt haben. Genug Zeit, um sich an einen schrecklichen Gedanken zu gewöhnen. Eine Wahrheit, die vielleicht nicht nur meine ist.

Marie Fredriksson war und ist für mich die stärkste Frau, die ich kenne. Wer sich nach einem eigentlich tödlichen Gehirntumor auf die Bühne zurückkämpft, schreiben, rechnen und lesen neu lernt, der wieder begreifen muss, wie Sprache funktioniert, wie das mit dem Gehen war – und der dann auf einer Bühne steht und singt, fast wie früher, der ist verdammt stark, der hat einen eisernen, unbändigen Willen. Allein dafür bekäme sie von mir jeden Preis der Welt verliehen. Wie sie bei jedem Konzert den Schalter umlegt und sich innerlich vermutlich denkt „Showtime!“, wie sie mit den Fans flirtet, an guten Abenden die Töne raushaut, als wären sie keine Hindernisse, sondern tapfere Wegbegleiter, das ist unbeschreiblich.

Ich verfolge speziell ihren Weg während und nach ihrer Krankheit, habe sie seither einige Male getroffen. Zum ersten Mal nach ihrer Erkrankung im Herbst 2005, zum letzten Mal so richtig nah im April 2014. Was einst wirkte wie die Auferstehung Phoenix‘ aus der Asche, das tut mir jetzt so unsagbar weh, dass ich kaum Worte dafür habe. Angeschlagen war sie schon immer. Richtig gut ging das mit dem rechten Bein nie, richtig gut ging auch das mit dem Sehen nie. Aber das spielte ja nie eine Rolle, weil es für sie keine Rolle spielte.

Allmählich ist jedoch für mich ein Punkt erreicht, an dem ich diesem Verfall nicht mehr zuschauen kann, weil es derartige Qualen in mir auslöst, dass ich mich einerseits fragen muss, ob ich überhaupt eine emotionale Distanz zu ihr und ihrer Krankheit habe, und dass ich mir andererseits darüber klar werden muss, ob ich überhaupt wissen will, wie dieser Weg weitergeht.

Jetzt, nach dieser Tour, dämmert mir: Ich will es nicht wissen. Ich verdränge es auf brutale Art und Weise. Es holt mich ein, wenn ich Videos aus den Jahren 2009 schaue, aus den Jahren 2011 und 2012. Was ist seitdem passiert? Damals, da konnte sie alleine auf die Bühne gehen, sie konnte über die Bühne laufen, an guten Tagen, „Joyride“ mit den Fans singen, sie tanzte, bewegte sich im Rhythmus. Heute, 2015, geht das alles nicht mehr. Selbst den Weg zum Stuhl, auf dem sie dann 90 Minuten sitzen wird, schafft sie nicht mehr allein. Es ist jedes Mal so schmerzhaft, das zu sehen. Was ist passiert? Was wird passieren?

Diese Frage stellt sich ja nicht nur mir allein, sämtliche Medien, die in den letzten Wochen über Marie berichtet haben, greifen dieses Thema auf. Meines Erachtens aus purer Sensationsgeilheit, aber das ist ein anderes Thema.

Hier nur mal ein paar zur Auswahl:

Ok! Magazin
Kurier.at
Vienna Online
Süddeutsche.de
Neue Zürcher Zeitung
Bunte

Was ist also seitdem passiert? Sind das die berüchtigten Spätfolgen der Gehirntumorerkrankung? Fortschreitende Degenerierung? Eine Motorik, die immer behäbiger wird? Für mich ist nach insgesamt zehn Konzerten in diesem Frühling/Sommer klar: Ich kann es nicht mehr sehen. Ich möchte sie in Erinnerung behalten, wie sie einst war. Dabei geht es nicht um „besser“ oder „fitter“, sondern darum, dass ich nach all diesen Konzerten und kurzen Begegnungen an Hotels und Flughäfen das Gefühl hatte, ich störe einen privaten Moment. Dieser Verfall, und sorry, ich vermag es nicht anders zu benennen, ist privat. Er geht mich nichts an, denke ich. Solange die Frau abends noch in der Lage ist, den Schalter so umzulegen, wie sie es derzeit tun kann, bin ich bei Konzerten gerne dabei. Alles, was für mich als Hardcore-Fan bisher darüber hinaus ging, ist für mich beendet. Ich will nicht sehen, wie Frau Fredriksson es nicht schafft, allein aus dem Auto zu steigen. Ich will nicht wissen, dass sie bei längeren Wegen auf dem Flughafen im Rollstuhl geschoben wird. Ich will nicht dabei sein, wenn sie sich für ein Autogramm fast eine Minute lang abmüht, es unbedingt will, es so unbedingt schön hinkriegen will. Ich will nicht ihre brüchige Stimme hören, wenn sie sagt, dass sie heute kein Foto machen will, weil sie müde ist. Oder „privat“. Ich möchte nicht neben ihr stehen, wenn sie so wirkt, als wisse sie gerade gar nicht, wo sie ist, was sie hier tut und wo sie hin muss. Wenn sie jahrelange treue Fans nicht erkennt.

Das alles geht mich nichts mehr an. Jetzt, nach all diesen Tagen, habe ich das Gefühl, dass ich nicht mehr Teil dieser Welt sein kann, weil sie mich schlicht und ergreifend nichts angeht. Noch weniger als früher. Es war mir immer wichtig, meine Stars zu treffen – deshalb stand ich gerne mal am Flughafen oder Hotel und habe gewartet. Ein kurzes Lächeln, ein Winken, das reichte meistens schon. Ich bin kein Mensch, der Autogramme oder 120 Fotos braucht. Ich wollte einfach nur ein paar Sekunden die gleiche Luft atmen wie Per Gessle und Marie Fredriksson. Das macht es nicht weniger verrückt, es ist nur meine Erklärung dafür.

Dieses Kapitel ist für mich jetzt beendet. Der Verfall der Marie Fredriksson ist offensichtlich und ich kann und will nicht länger dabei sein. Weil es schier unermesslichen Schmerz in mir auslöst, mir Tränen in die Augen treibt und für mich langsam, aber stetig eine Ikone demontiert. Ja, ich habe über jene Fans, die schon vor dieser Tour sagten, dass es für sie Zeit sei, aufzuhören, gelächelt. Ich dachte, sie kämen schon wieder zurück und würden sich noch Tickets kaufen. Wenigstens für eine Show. Jetzt weiß ich, wieso sie es nicht taten. Weil sie es, wie ich, nicht ertragen können.

Ich bewundere all jene, die ihre Begeisterung immer noch so munter und tapfer vor sich her tragen, die Marie immer noch nach Fotos fragen, glauben, dass sie wirklich einen guten Tag hat, wenn sie vier Autogramme schreibt. Ich indes bin sogar noch zornig, wenn sie es nach einem abgesagten Konzert nicht schafft, sich einmal kurz zu den Fans zu drehen und zwei Sätze zu sagen. Sie entdeckt uns erst, als ihr Sohn ihr bedeutet, wo wir stehen, dreht sich um, winkt kurz und verschwindet. Ich bin dann zornig, weil ich zornig bin. Irgendwie hatte ich ein paar Worte erwartet, ausnahmsweise, ja. Ich, die in dieser Hinsicht sonst eher bescheiden ist. Ich frage mich bis heute: Konnte sie nicht? Wollte sie nicht? Hätte sie nicht zur gleichen Zeit mit angeknipstem Licht auf der Bühne gesessen? Sie sucht den Fankontakt nicht mehr. Denke ich in diesem Moment zum ersten Mal. In Wien am Flughafen zum zweiten Mal. Es wirkt teilweise, als sei ihr alles zu viel. Es macht mich so unfassbar traurig, so unbändig traurig, dass ich nicht weiß, wohin mit diesen Gefühlen – außer hierher, in diesen Text.

Für mich gibt es nach 24 Jahren nichts mehr zu jubeln, wenn es außerhalb des Konzertes stattfindet. Und ich fürchte, ganz ehrlich, auch das ist bald vorbei. Mir bleibt vielleicht nur noch das Beten. Und ich glaube nicht einmal an Gott.

Hier endet eine Ära für mich. Marie Fredriksson werde ich immer im Herzen tragen, ich werde weiter ihren Weg verfolgen, ihre Alben kaufen, ihr Buch lesen, sie unterstützen, sie zum Sieg schreien, für sie singen. Aber ein Teil von mir hat sich bei der letzten Begegnung am Flughafen in Wien am 9. Juli 2015 von Marie Fredriksson verabschiedet. Es tut einfach zu weh.

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Here’s a bad English translation of my text:

There are so many things beyond words regarding this topic, that I almost don’t have words at all. I don’t even know where to begin, how and – why. It would be enough to stay silent, on the other hand this site is a blog, something like a diary, the perfect place to let all these thoughts come to life.
2,5 exhausting, intense, pleasant and memorable weeks lie behind me. 14 days, 9 Roxette concerts I joined. 14 days that showed me nothing but the bitter truth again and again. Enough time, to get used to an awful thought. I found a truth that might not only be mine.

Marie Fredriksson was and is the strongest woman I know. This one woman who fought her way back to the stage after a usually fatal brain tumour. This one woman who had to learn writing, counting and reading again, who had to understand again how language functions, how this thing called Walking works – and who then stands on stage again and sings, almost like in earlier times, this one person is damn strong and has an iron will. This alone would make me give her every prize of the world. I admire her for switching the light on at every show, probably thinking “Showtime!” every night, how she flirts with the fans and delivers a performance and sings her notes as if they weren’t an obstacle, but brave companions. It’s undescribable.
I especially follow her way during and after her illness. I met her several times since then. The first time I had the chance to come close was at her first public appearance in 2005, the last time I really met her was in April 2014.

Unfortunately, what once looked like the rise of the Phoenix is hurting me now in a way that I don’t have any words for this. She never was really healthy or fit again, she always had to fight the long term effects of her illness. Her right leg never was fine, same goes for her vision. But this was never important, it was irrelevant, because it was irrelevant to her.
Things changed. I reached a point on which I can’t watch her degeneration anymore, because it is hurting me so bad, that two questions come to mind. Do I have any emotional distance to her and her sickness? Do I actually want to know how her way will continue, what it will look like?
Now, after my leg of this tour, I start to realize: I don’t want to know. I ignore it to the fullest, in a brutal way. It haunts me, when I watch videos from 2009, from 2011 and 2012. What exactly happened since then? Back then, she was able to walk on stage alone, she walked during the show, on good days, sang “Joyride” with the fans, she danced, moved with the rhythm. Today, 2015, all this isn’t anymore. She can’t even make the way to the chair alone. The chair she sits on for 90 minutes. It hurts so badly to see this. What happened? What will happen?

I am not the only one asking this question. Many newspapers kept asking it during the last weeks. They don’t do it because they are genuinely interested in Marie, of course, but that’s a different story.

So, what happened? Are these the infamous long term effects of her illness? Ongoing degeneration? A coordination and motor function that gets worse and worse? There is one thing I know for sure after ten shows in total this year: I can’t watch this anymore. I want to keep her in mind as she used to be. It’s not about “better” or “fitter”, it’s about the fact that after all the shows and short meetings at hotels and airports I got the feeling that I am disturbing a private moment.
This degeneration, and I really don’t have any other word for it, is private. It’s none of my business, I am not supposed to see this. As long as this woman is capable of what she does right now on stage, to work like this, I am perfectly willing to join more concerts. Everything else that probably made me a hardcore fan is over and done. I don’t want to see, how Ms. Fredriksson isn’t able to get out of the car on her own. I don’t want to know that she sits in a wheelchair when they have long ways to go on an airport. I don’t want to be there, when it takes all her strength to sign something and you can clearly see that she wants it so much but it simply takes her a minute to finish it. I don’t want to hear her hushed voice, when she says that she doesn’t want to take a photo, because she’s tired. Or private. I don’t want to stand next to her when she seems like she doesn’t know where she is, what she is doing and where she has to go, when she doesn’t recognize long-term fans.

That’s none of my business. Now, after all these days, I feel that I can’t be part of this world anymore, because it’s simply none of my fucking business, less than it ever was. It has always been important to me to meet my stars – that’s the reason why I liked to go to the hotels or airports at all. A little smile, a wave, that was enough. I am not one of those who need more autographs and 120 more photos. All I wanted was to breathe the same air as Per Gessle and Marie Fredriksson for some seconds. That doesn’t make it any less crazy, but it’s my explanation.

This chapter is closed now. The degeneration of Marie Fredriksson is so obvious and I can’t and won’t be part of this any longer. It’s hurting beyond any words, it makes me cry and it dissembles an icon. Slowly but surely.
Yes, I smiled about those fans who didn’t even buy tickets for this tour, because they already knew for themselves that their time was over. I thought they would come back, buy some tickets and join the fun, at least for one show. Now I know why they didn’t. They can’t bear it, just like me.
I admire all those who still carry their admiration in such a happy way, who keep asking Marie for photos, believe that she really has a good day when she writes four autographs.
Me – well, I am actually indeed upset, when she isn’t able to turn to the fans after a cancelled show, to say two sentences. When she only sees us, after her son shows her, waves and disappears. And then I am upset that I am upset. This moment when I expected her something to say, the only time I really expected something. Until today I keep asking myself: Wasn’t she able to? Didn’t she want to? Wouldn’t she have been on stage at this very time with all the lights on? She is not eager anymore to meet her fans and this was the moment this thought occurred to me the first time. The second time it happened in Vienna, at the airport. It seems as if everything is too much for her. It makes so incredibly sad, so so sad, that I don’t know where to put these feelings – instead of here, this text.
There’s nothing to cheer about after 24 years if it’s outside of a normal show and I actually fear that this might be over very soon, too. Maybe the only thing left is to pray and I don’t even believe in God.

So, this is the end to an era for me. Marie Fredriksson will be in my heart forever. I will follow her, buy her albums, read her book, support her, yell her to victory, sing for her, but a part of me said goodbye to her at our last meeting at the Vienna airport on July 9th, 2015. It just hurts too much.

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5 Kommentare

  1. Jutta Krimpelstätter · Juli 14, 2015

    Danke, liebe Kirsten, für deine offenen Worte und Gedanken! – Ich sehe vieles sehr ähnlich wie du und teile deinen Schmerz. Herzlichst Jutta K.

  2. Stefan · Juli 15, 2015

    Du hast so recht – es tut einfach weh.

  3. Alexa · Juli 16, 2015

    I feel the same way and I agree with all the words you wrote!;((( very sad and I just hope the best for our loveable and strong Marie! I cried after the shows and I can not take it anymore.Where this will end I always ask myself and I do not dare answer to my question…..I am affraid ;((((((

  4. Pingback: A (very personal) look back on 14 days and (almost) ten concerts « Roxetteblog.com
  5. Michael · April 18, 2016

    Sehr ehrliche Worte, vieles davon kann ich unterschreiben. Heute endet eine Ära und ich werde die tollen, schönen und vielen emotionalen Momente „on the road“ nie vergessen. God bless you, Marie Fredriksson !

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