Am Ende die Stirn

Noch auf dem Weg nach Hause war jedes Wort glasklar. Der halbe Beitrag stand in meinem Kopf schon. Ich wusste, dass ich es aufschreiben muss. Dann habe ich angefangen, die Gedanken auszusprechen und die Worte flatterten wie eine wild gewordene Horde Vögel, die nach einem Schuss aufgeschreckt ihre Halbschlafposition im Geäst verlässt, um meinen Kopf. Vielleicht gibt es gar nichts zu sagen. Vielleicht ist jedes Wort zu viel. Vielleicht ist Schweigen die Antwort. Vielleicht auch nicht.

Du warst nicht der, von dem wir das erwartet hätten. Du warst der, von dem ich heute Morgen noch gesagt habe, dass ich mir eine Hand dafür abhacken würde, dass ich unter Eid aussagen und schwören würde, dass Du so etwas niemals tun würdest. Weil Du so ein zuverlässiger, verbindlicher Mensch warst. Du bist nicht einfach mal so nicht aufgetaucht, hast andere nicht warten lassen. Dass etwas nicht stimmt, das war mir schnell klar. Zu schnell. Ich hatte ein verdammt schlechtes Gefühl, als ich erfuhr, dass sie nach Dir suchen. Ich wusste, etwas ist passiert. Ich hatte auf einen Unfall gehofft, für ein Missverständnis gebetet und im schlimmsten Fall darüber nachgedacht, dass vielleicht einfach nur Dein Herz nicht mehr wollte. Und selbst das sollte niemanden treffen, der noch nicht mal 30 ist. Niemals wollte ich dem Gedanken einen Zentimeter Raum geben, dass Du selbst entschieden hast, dass Dir das hier alles zu viel ist, dass Du nicht mehr kannst, Dir die Kraft fehlt, Dir keiner helfen kann.

Die Nachricht bekam ich, als ich an der Anmeldung beim Hautarzt stand. Gänsehaut, minutenlang Gänsehaut. Sprachlosigkeit. Dabei waren wir nicht mal eng befreundet, kannten uns nicht gut, aber auch nicht flüchtig. Du warst so ein herzensguter Kerl, ein so feiner Mensch. Lustig, aufgeschlossen, jemand, den man gerne um sich hat, weil er immer mit einem Lächeln auf den Lippen in den Raum kommt. Du warst nie der, der sein Umfeld immer wieder mit Andeutungen und Drohungen in Angst und Schrecken versetzt. Du warst nie der, dem man mit sorgenvollem Blick hinterhergeschaut hat, wenn er den Raum verlassen hat. Du warst nie der, der seinem Umfeld immer wieder ankündigt, dass er seinem Leben ein Ende setzen würde. Du warst der, der es einfach gemacht hat.

Und Du hast heute ein Loch in unsere Mitte gerissen. Du hast so viele Fragen zurückgelassen, auf die wir niemals eine Antwort bekommen werden. Fragen, die Dir vielleicht seit Wochen im Kopf umhergeschwirrt sind. Fragen, die direkt hinter Deiner Stirn abgeprallt sind. Vielleicht nur einen Zentimeter von der Außenseite entfernt. Die Außenseite der Stirn, an der für uns von der anderen Seite Schluss war. Die Stirn, hinter die wir nicht blicken konnten. Die uns jetzt nur noch einen Spiegel vorhält und uns ein paar Erkenntnisse, viele seltsame Gefühle und eine unglaubliche Leere geschickt hat.

Feiert das Leben, dachte ich heute. Feiert jeden Augenblick, der schön ist. Haltet ihn fest. Es kann so schnell vorbei sein. Dann dachte ich mal 30 Minuten nicht an Dich. Als Du mir wieder einfielst, dachte ich, dass Du jetzt wirklich weg bist, so endgültig, unwiderruflich, für immer. Nie wieder ein „woll“, nie wieder leidenschaftliche BVB-Tweets, nie wieder Deine Leichtigkeit an einem dunklen Tag im Büro. Und dann, zwei Stunden wusste ich schon, was passiert war, da musste ich diese grausame Wahrheit zum ersten Mal laut aussprechen. Ich konnte es kaum. Fast 15 Sekunden habe ich kein Wort über die Lippen gebracht. Als würde es erst dadurch wahr werden, weil ich es gesagt habe. Jedes Wort ein stechender Schmerz. Am Ende des Satzes dann nur noch Wahrheit und Trauer. Am Ende bleibt mein letztes Bild von Dir. Wie Du, vor zwei Wochen, gedankenverloren am PC saßt und Deinen Dienst verrichtet hast.

Danke, dass ich Dich kennenlernen durfte.

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