Zum Muttertag

Meine lieben Eltern,

nicht erst seit ge7stern, seitdem eine bärtige Frau beim Eurovision Song Contest aufgetreten ist und gewonnen hat, denke ich darüber nach, welche tollen Werte ihr mir vermittelt habt, wie überwiegend tolerant ich durch die Welt gehen kann.

Das liegt vielleicht nicht nur daran, dass ich durch meinen Lebensstil selbst Toleranz erwarten muss, dass ich erwarten muss, dass man mich so annimmt, wie ich bin. Ihr habt mir nie eintrichtern wollen, dass Andersartigkeit, alles andere als die Norm, eine Krankheit, eine Abnormität oder etwas von Gott nicht Gewolltes ist. Die Menschen sind eben so, wie sie sind, sagt ihr. Da gab es den einen, den schwulen Kneipenwirt, dessen Lebensgefährte der Koch war. Wie oft waren wir da und haben bei ihm gegessen, mit ihm gelacht, auf ihn getrunken. Es waren die 80er Jahre, ich war ein Kind, und es spielte nie eine Rolle, dass er Männer liebte.

Dass meine beste Freundin sich in der Pubertät auf einmal entschloss (nein, sie stellte es fest, aber irgendwie entscheidet man es auch, wenn man es zulässt), Frauen lieber zu mögen, hat euch nicht beunruhigt. Wussten wir sowieso schon, haben sie gesagt. Eine andere Freundin hatte auf einmal auch eine Freundin. Ich wusste gar nicht, was ich wollte. Mir war es egal, ich wollte mich ernsthaft verlieben. Bei all dem habt ihr mir Zeit gelassen, mich unterstützt und mich immer wieder bestärkt.

Es kam die Zeit, in der ich eine Beziehung unterhielt, die euch nicht gefallen konnte. Er war zwar ein Mann, aber viel zu alt für mich und aufgrund seiner Stellung, seiner Lebenssituation und aller anderen äußeren Umstände nicht gut für mich. Ihr hattet eigentlich keine andere Wahl, als das irgendwie zu tolerieren. Ich war schon 18. Ihr habt mir immer mitgeteilt, dass ihr euch Sorgen macht, aber ihr habt euch nie eingemischt. Wie dankbar ich euch heute dafür bin! Ich durfte meine eigenen Fehler machen, meine eigenen Entscheidungen treffen und diese selbst wieder umkehren, wenn sie mich in eine Sackgasse geführt haben.

Die Zeit verging und ich stellte fest, dass auch für mich Frauen das schönere Geschlecht sind. Vielleicht ahntet ihr es damals schon, vielleicht auch nicht. Als ich es euch sagte, habt ihr nicht mal das Gesicht verzogen, mit den Schultern gezuckt und gesagt: „Werd glücklich, Kind. Wenn es das ist, was dich glücklich macht, dann ist doch alles in Ordnung.“ Wie selbstverständlich das für mich war und wie sehr ich jetzt weiß, dass das überhaupt nicht selbstverständlich ist, nachdem ich immer wieder erlebe, wie wenig Eltern mit der Homosexualität ihrer Kinder leben können. Wieviel Glück ich doch mit euch habe!

Auch die anderen Entscheidungen meines Lebens habt ihr getragen. Das Kind will Abitur machen? Na klar doch. Ich war das erste Familienmitglied, das Abitur gemacht hat. Ich war die Erste, die studiert hat. Dass mich dieses Studium demnächst in die Arbeitslosigkeit führen wird, konntet ihr nicht ahnen, das konnte keiner. Wir konnten allenfalls ahnen, dass das mit dem Journalismus vielleicht keine ganz so gute Idee sein würde. Vielleicht hätte ich eine solide Ausbildung zur Bürokauffrau machen sollen. Aber auch hier standet ihr immer hinter mir, habt nicht auf mich eingeredet, mich machen lassen. Wenn es das Schreiben ist, was Dir liegt, dann mach das, habt ihr gesagt. Auch wenn ich weiß, dass das die richtige Entscheidung für mich war, wirtschaftlich war es die falsche.

Dass ich acht Jahre studiert und mir mit drei Nebenjobs das Studium finanziert habe, bricht mir jetzt das Genick. Keine Auslandsaufenthalte, keine Bonus-Qualifikationen, keine mehrjährige Berufserfahrung. Ich habe Journalismus studiert, kann Geschichte, das war es.

Am Anfang und Ende jedes Weges standet immer ihr. Und auch am Wegesrand. Mal mit Wasser, mal mit einem Handtuch, mal mit einer anfeuernden Handbewegung, mal mit lauten Rufen – danke, dass ihr immer für mich da wart und seid. Nicht jeder auf diesem Planeten hat solche Eltern und vielleicht musste ich 32 werden, um das zu begreifen.

Danke für alles und alles Gute zum Muttertag, liebe Mudder! 🙂

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2 Kommentare

  1. Brigitte Ohlwein · Mai 11, 2014

    Das ist der schönste LIebesbrief den man sich überhaupt vorstellen kann. Danke, liebe Kirsten wir werden immer für Dich da sein. Wir lieben Dich ( Nena natürlich auch! )
    😉

  2. Sonja · Mai 11, 2014

    Dass deine Eltern tolle Menschen sein müssen, war eh klar. Immerhin haben sie dich zu der wunderbaren Frau gemacht, die du bist. 🙂

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