Jobsuche killt Selbstvertrauen

Bis zu diesem Jahr war ich nie in der Verlegenheit, ernsthaft Bewerbungen schreiben zu müssen. Alles hat immer irgendwie so geklappt. Weil ich Leute kannte. Weil ich vielleicht ein bisschen gut war. Weil zufällig Stellen frei wurden. Weil ich gerade da war. Das alles endete in einem Anstellungsverhältnis, das mir jetzt auf ein Jahr befristete Arbeitsverträge bringt. Und das hat nicht unbedingt etwas mit dem Unternehmen zu tun, sondern mit der Branche. Der klassische Lokaljournalismus stirbt, es wird gespart, es werden keine Stellen geschaffen, höchstens Tatsachen – durch Rationalisierungen in allen Bereichen. Wer in Rente geht, wird nicht ersetzt. Neu eingestellt wird schon gar nicht. Was früher 15 Redakteure machten, klappt heute doch auch mit sieben. Das ist nur die halbe Wahrheit, aber die tut hier auch nichts zur Sache.

Mein befristetes Anstellungsverhältnis bringt mich also in die Situation, mich bewerben zu müssen. Weil es keine Klarheit gibt, ob und wie ich weiter beschäftigt werden kann. Ich habe dieses Jahr also erstmals ernsthaft Bewerbungen geschrieben. Am Anfang saß ich an jedem Anschreiben etwa eine Stunde. Habe an diesem Satz gefeilt, hier noch Worte geändert, da an der Formulierung gearbeitet – zurück kamen immer nur Absagen. Ich wurde nicht mal eingeladen, obwohl hier und da mein Profil perfekt passte, aber irgendwas in meinem Lebenslauf oder meinem Anschreiben offenbar nicht. Schon nach fünf Bewerbungen wurde ich mutlos und unmotiviert. Schon nach fünf Bewerbungen konnte ich verstehen, warum Langzeitarbeitslose, die im Monat vielleicht 30, 40 oder 100 Bewerbungen schreiben, den Glauben an sich selbst verlieren. Man gibt alles, steckt Herzblut in so eine Bewerbung und bekommt nichts zurück. Das Einzige, was mich in dieser Phase erfreute, war die Tatsache, dass viele Unternehmen sehr gerne Email-Bewerbungen wollten. So konnte ich immerhin die vielen Euro für die teuren Mappen und das Porto sparen.

Nach den ersten fünf Absagen – ja, nur fünf, aber die haben gereicht, um mich zu demoralisieren – gab ich auf. Bis August dieses Jahres. Da fiel mir wieder ein, dass mein Vertrag bald auslaufen würde und die Zukunft ungewiss war. Ich stöberte durch die Anzeigen und bewarb mich blind bei allem, was sich irgendwie „Multimedia-Redakteur“, „Internet-Redakteur“, „Online-Redakteur“, „Redakteur“, „Social Media Manager“ oder „Social-Media-Redakteur“ nannte – in ganz Deutschland. Das waren zu diesem Zeitpunkt immerhin zehn Stellen.

Diesmal gab ich mir bei den Anschreiben weniger Mühe. Ich schrieb auf, was mir einfiel. Ein bisschen zugeschnitten auf die Unternehmen, ein bisschen ehrlich, eine Mischung aus allem – ich wollte es einfach nur noch hinter mich bringen, rechnete ich doch ohnehin mit Absagen. Der Markt ist eng. Es gibt nach vielen Zeitungspleiten zu viele Journalisten und Redakteure für zu wenige Stellen. Fakt! Mein Schwerpunkt „Online“ hilft mir da zwar sicher, aber die kurze Berufserfahrung nimmt einiges auch wieder weg. Auch diesmal konnte ich die meisten Bewerbungen wieder per Mail verschicken – zum Glück. Ich rechnete mit nichts. Ich hatte mich bei den unterschiedlichsten Adressen beworben: Verbände, Zeitungen, Zeitschriften, Stadtverwaltungen. Bei der Stadtverwaltung natürlich nur provisorisch, denn meinem Gefühl nach werden die Stellen zwar immer ausgeschrieben, sind aber intern ohnehin schon vorher besetzt. Eigentlich ist es sinnlos, da überhaupt etwas hinzuschicken. Weil ich es per Mail tun konnte, habe ich es getan. Heute – nach sechs Wochen – kam übrigens die Absage.

Eine Woche, nachdem ich meine Flut an Mails versendet hatte, kam der erste Anruf. Eine Lokalzeitung lud mich ein. Ich fuhr hin. In der Stellenbeschreibung stand keine Befristung, ich ging daher von einer unbefristeten Stelle aus. Das Gespräch lief einigermaßen gut, ich war beeindruckt von den digitalen Konzepten des Verlages, die wirklich groß angelegt sind. Das klang gut, das klang ertragreich, hier wurde in das Internet investiert – nicht nur Geld, sondern auch Personal. Das imponierte mir sehr. Ich ging locker in das Gespräch und hatte kein schlechtes Gefühl. Mein Gegenüber sprach davon, mir einen Vertragsentwurf zukommen zu lassen, sofern man sich für mich entscheide. Als es ums Gehalt ging, sagte ich, dass ich gerade tariflich verdiene. Er sagte, dass ich da wohl Abstriche machen müsse. Mir war es egal. 100 oder 200 Euro monatlich weniger für eine unbefristete Stelle, die allerhand bot? Wieso nicht? Zu diesem Zeitpunkt rechnete ich noch gar nicht damit, dass diese Mail mit einem Vertragsentwurf kommen würde. Sie kam in der folgenden Woche. Ich war aufgeregt, als ich die Datei öffnete. Nach einer Minute war ich sauer. Nach zwei Minuten erbost. Und nach drei Minuten sprachlos. 700 Euro brutto weniger als bisher sollte ich verdienen, noch dazu gab es nur 20 Tage Urlaub – bei aller Liebe zu den Ideen des Verlages, bei allem Interesse meinerseits – DAS ging nicht. Ich fragte nach, ob mehr möglich sei – nein. Ich sagte ab. Und ich hoffe bis heute, dass kein Redakteur, der studiert und ein Volontariat absolviert hat, diese Stelle angenommen hat. Nicht nur das Gehalt war eine Frechheit. Es gab noch wesentlich mehr Punkte, die einfach nicht gingen – unter anderem war auf einmal von einer Befristung auf ein Jahr die Rede, mit sechs Monaten (!) Probezeit. Wer sich das Gehalt ausrechnen will, kann im Manteltarifvertrag das Gehalt für Redakteure im 1. bis 3. Berufsjahr nachschlagen und dann rechnen. Mein Ego war immerhin gestärkt. Man wollte mich und meine Ideen, mit denen ich gar nicht weiß, wohin. Doch die Egosache verschwand ganz schnell, als ich mir überlegte, dass ich vielleicht gar nicht erste Wahl war, sondern schon Nummer drei oder vier – wegen des unwürdigen Vertrages.

Kurz darauf meldete sich der zweite Verlag – für den ich hin und zurück immerhin knapp 900 Kilometer fuhr. Ich war gespannt auf die große, weite Welt in einem großen Verlag mit großen Zeitschriftentiteln. Und ich war gespannt, wieso der Mann MICH eingeladen hatte. Das Profil passte nur teilweise und ich eigentlich nicht in diesen Verlag. So ähnlich lief das Gespräch. Der Mensch stellte mir immer mehrere Fragen gleichzeitig, völlig zusammenhanglos und ich hatte ernsthaft Probleme, weil ich nicht wusste, auf welche Frage ich zuerst antworten sollte. Ich war verwirrt und er konfus – wir unterhielten uns aneinander vorbei etwa eine Stunde über Social-Media-Konzepte für Illustrierte. Meine Ideen schienen ihm aber nicht zu gefallen. Ich fuhr mit einem schlechten Gefühl nach Hause. Und eigentlich wollte ich diesen Job in der Welt der Reichen und Schönen auch gar nicht. Aber wer dachte, dass der Verlag abgesagt hätte – Pustekuchen. Mit dem Satz „Wir melden uns nächste Woche“ fuhr ich heim, bekommen habe ich nichts. Erst, als ich zaghaft nachfragte, meldete sich die Assistentin mit der Absage – und ich mich dann wieder mit der Fahrtkostenabrechnung.

Mehrere Bewerbungen standen noch aus, eine Absage trudelte bald darauf ein. Bei allen anderen Unternehmen wartete ich nicht mehr, sicher war schon längst jemand gefunden worden. Dann meldete sich überraschend doch noch eine Firma. Diese besuchte ich dann vergangene Woche. Vor dem Gespräch sollte ich eine Textaufgabe erfüllen – aus einer dpa-Meldung eine „bunte Randnotiz“ machen, Spitzmarke, Überschrift, Teaser. Leider überlas ich die „bunte Randnotiz“ komplett und schrieb eine nachrichtliche Kurzmeldung. Klar am Thema vorbei war aber nicht nur die Aufgabe, sondern auch mein Auftritt im Gespräch, bei dem ich drei Herren gegenüber saß. Sie wollten so allerhand wissen, das ich nicht beantworten konnte. Fragen, auf die ich mich einerseits hätte vorbereiten können wie „Wie würden Sie einem Außenstehenden das Unternehmen in zwei Sätzen erklären?“ und Fragen wie: „Wo sehen Sie sich in fünf Jahren?“, die ich ehrlich mit einem „Ich sehe mich relevante und gute Artikel schreiben“ beantwortete.  Fragen wie „Wieso haben Sie sich beworben?“, die ich wiederum total wahrheitsgemäß mit „Ich möchte eine sinnhafte Arbeit tun und meine 8,5 Stunden Arbeitszeit am Tag für etwas Gutes einsetzen“ beantwortete. Klingt esoterisch, aber es ist nun mal GENAU so. Mit einem megamegamegamega schlechten Gefühl ging ich nach 50 Minuten raus. Hier half nur lautes Lachen – irgendwo zwischen hilflos und Egalgefühl. Das war letzte Woche Freitag. Diese Woche wollten sie sich melden, sie haben es bis heute nicht getan. Ich nehme an, es läuft ähnlich wie bei dem großen Verlag in der großen, weiten Welt – ich muss mich melden, um zu erfahren, dass ich es nicht geworden bin. Auch wenn es ein mieses Gespräch war und ich schlecht vorbereitet oder zu ehrlich oder mich einfach nicht gut verkaufen kann (wie soll ich SO übrigens JEMALS einen Job finden??), erwarte ich doch, dass ich die Absage BEKOMME. Das ist doch eine Bringschuld und keine Holschuld, oder??

Jetzt – nachdem der Marathon hinter mir liegt – bin ich ratlos. Dass ich das Falsche gelernt habe, weiß ich inzwischen. Leute – lasst die Finger vom Journalismus. Ihr werdet weder reich noch berühmt. Allenfalls arbeitslos, vollgeladen mit Existenzängsten und überarbeitet.
Aber wie geht es richtig? Noch mehr Bewerbungen? Weniger Ehrlichkeit in den Gesprächen? Den Leuten nach dem Mund reden? Bestechung? Was ist das Geheimrezept? Was zieht in Vorstellungsgesprächen? Ich bewundere jeden Arbeitslosen, der nie aufgibt und immer weiter Bewerbungen schreibt. Mich hat es nach 15 Bewerbungen in diesem Jahr schon ausgelaugt, fertig gemacht und den letzten Rest Selbstvertrauen aus mir gesaugt. Schade.

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Ein Kommentar

  1. Losporches · Oktober 5, 2013

    Wenn Du einen Job willst, darfst Du nicht sagen was für Dich ehrlich wäre, sondern was die gegenüber höre wollen.
    Die Fragen aus den Vorstellungsgesprächen die Du aufgeschrieben hast, sind absolut normal und geläufig. Ich hatte dazu mal was zusammen gesammelt. Schauer nachher mal ob ich das noch auf dem Rechner hab 🙂

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