Mit allen Sinnen

Ich bin kein „Digital Native“. Warum? Ich bin nicht mit Spielkonsolen, Tablet, Computer und Handy aufgewachsen. Okay, ich saß mit 11 Jahren zum ersten Mal und dann immer sehr lange vor einer Konsole: Nintendo NES. Die Älteren unter euch werden sich erinnern. Aber da war ich 11. Für mich ein Ausschlussgrund, ein „Digital Native“ zu sein. Heute sind es Dreijährige, die intuitiv wissen, wie sie ein iPhone bedienen müssen. Die keine Erklärung brauchen, wenn sie auf einem Tablet ein Spiel spielen. Und die genau wissen, wie das mit dem Wischen geht. Sie wachsen mit all dem technischen Kram auf, den es heutzutage so gibt. Das bin ich nicht. Ich hatte eine Spielkonsole, mit 15 einen Atari (geerbt vom Bruder) und mit 17 den ersten PC. Klar – für die Generation eins über mir war das gar nicht selbstverständlich. Aber für die Jüngeren ist das Schnee von gestern.

Und so gerne und oft ich mich im Internet aufhalte, auf meinem Tablet Candy Crush Saga spiele oder mit dem iPhone für Instagram Bilder bearbeite – es gibt Grenzen. Und die beginnen da, wo ganz offenbar meine Sinne abgeschaltet werden sollen. Wenn ich Musik höre, möchte ich nicht nur Musik hören. Ich möchte die Musik auch spüren, sehen und riechen. Das kann ich nicht, wenn ich mir ein Lied oder ein Album nur runterlade, in einem Ordner ablege, den Ordner auf einem Laufwerk speichere und mir eine Sicherungskopie auf die externe Festplatte ziehe. Es ist eine Datei. 100111011, mehr nicht. Kein Gefühl steckt dahinter. Nicht mal, wenn das Booklet zum Album ebenfalls als Download mitgeliefert wird.

Das ist ganz anders, wenn ich eine wirklich ECHTE CD oder eine ECHTE Platte in den Händen halte. Vor dem ersten Hören hole ich das Booklet aus der Hülle und während die Lieder spielen, blättere ich durch das Booklet, lese mir die Songtexte durch, die Danksagungen, welche Musiker beteiligt waren und was der Künstler mir sonst noch so sagen will – mit Zeichnungen, handschriftlichen Notizen, Hinweisen auf das Internet oder einfach nur Fotos. Nur so wirkt das Album. Nur so entfaltet es all die Kraft, die es hat. Ein Booklet riecht, ich kann es anfassen und somit auch die Musik spüren. Und nicht ohne Grund arbeiten die Künstler selbst daran mit, denn das Gesamtpaket muss stimmen. Ein Leben ohne CDs? Undenkbar! Das Gleiche gilt für LPs, die zum Glück wieder im Kommen sind. Gibt es etwas Schöneres, als das leise Knacken einer Scheibe auf einem Plattenspieler zu hören? Etwa – eine perfekte MP3 durch 260-Euro-Boxen zu jagen? Nein. Zum Musikhören gehört das Gesamterlebnis – inklusive Kauf im Laden, Nachhausetragen, Auspacken, Gemütlichmachen und Reinhören. REINhören, mit allen Sinnen. Es ist für mich immer noch keine Alternative, neue Alben als Download zu kaufen. Und auch, wenn die CD allmählich ausstirbt – ich hoffe, dass dieser Überlebenskampf noch ganz ganz ganz lange dauert. Meinetwegen kann es auch ein anderer physischer Datenträger sein. Vielleicht ein USB-Stick, der vom Künstler selbst gestaltet ist und ein Booklet zum Auffalten hat. Wer weiß? Wer gerade die Wiederauferstehung des Vinyls mitverfolgt, kann – wie ich – hoffen!

Das Gleiche ist es mit Büchern. eBook-Reader – ernsthaft? Kindle – warum? Weil es Platz spart? Wirklich? Ist das der Grund? Reicht es nicht, jeden Tag – und das gilt für so viele Menschen – mehr als acht Stunden vor einem Bildschirm zu hocken? Muss ich das abends in der Badewanne, im Bett oder auf dem Balkon auch noch tun? Was spricht denn gegen das gute, alte Papier außer der geringeren Baumvernichtung? Wer schon mal ein neues Buch aufgeschlagen hat, riecht es auch, fasst es an, gewöhnt sich an Papier und Schrift und speichert Geruch und Inhalt unter „großartig“, „durchwachsen“ oder „beschissenste Lektüre aller Zeiten“.  Und dann ist da noch das Vorlesen. Mit dem Kindle eine Gute-Nacht-Geschichte vorlesen? Nicht darauf warten, dass Papa oder Mama schon die Seite in der Hand halten und gleich umblättern, gespannt auf das, was auf der nächsten Seite steht, welches Bild dort wartet und wie die Geschichte weitergeht? Das Geräusch des Umblätterns, wieder eine Seite geschafft. Oder nie wieder ein Lesezeichen in das Buch legen und wissen, dass es noch gaaanz lange dauert, bis die Geschichte vorbei ist? Und sich nie wieder im Buchladen ein neues und richtig buntes Buch aussuchen?

Es gibt keine Alternative zu Büchern, Zeitungen und CDs. Je digitaler wir werden, desto mehr verleugnen wir, wo wir herkommen – aus der Natur. Wir fassen nichts mehr an, wir riechen nichts mehr und wir fühlen nichts mehr. Weil unsere Sinne bis auf einen – das Sehen – nicht mehr gebraucht werden.

Ich aber will mit allen Sinnen genießen.
Ein Plädoyer!

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