Der „Super-Champion“ im ZDF

Es muss irgendwann im Mai letzten Jahres gewesen sein, als ich online eine Bewerbung zum Kandidaten für „Das Duell“ absendete. Ich dachte mir nichts weiter dabei, nur das, ein bisschen Geld zu verdienen. Eine Arbeitskollegin hatte das immerhin geschafft. Etwa drei Wochen später wurde die Sendung eingestellt. Ich dachte, meine Bewerbung sei damit ohnehin hinfällig und erinnerte mich lange nicht mehr daran, dass ich da mal was abgeschickt hatte.

März 2012, mein Telefon klingelt. Davidson TV, sie haben meine Bewerbung vorliegen und würden mich gerne für eine neue Quizshow mit Jörg Pilawa casten. Gut, denke ich mir, hast ja nix zu verlieren, sollen sie mal machen. Am späten Nachmittag des gleichen Tages folgt ein Telefonat mit einer jungen Frau von Davidson TV. Zunächst mal wildert sie durch mein Privatleben, will wissen, ob ich Piercings, Tätowierungen oder ungewöhnliche Hobbys habe. Oh ja, ungewöhnliche Hobbys habe ich wohl, zumindest eins. Ich berichte von meiner Roxette-Leidenschaft, die sie aber nicht weiter zu interessieren scheint. Tut mir ja leid, aber ICH finde es schon außergewöhnlich, für ein Konzert in andere Länder zu fahren oder zu fliegen. Als wir das alles durchgekaut haben – auch meine Leidenschaft für Fußball – fragt sie, ob es nicht noch irgendetwas gibt, das man über mich wissen müsste. Nee, denke ich, besser nicht.

Dann startet ein Telefon-Casting. Die Dame stellt mir insgesamt 24 Fragen aus fünf Kategorien – Natur, Geographie, Film, Politik und Sport. Ich sitze derweil am PC und google fleißig ein paar Antworten auf die Fragen. Sie hört das nicht, ich kann das nämlich sehr leise. Google leistet mir gute Dienste, fast jedes Mal ist der erste Treffer auch die richtige Antwort. Ja, ich entwickle in diesem Moment tatsächlich ein bisschen Spiel-Ehrgeiz und will unbedingt wissen, was passiert, wenn ich so viele Antworten wie möglich richtig habe. Es passiert, dass ich eine Runde weiter bin. Die junge Frau will meine Unterlagen weiterreichen, sodass ich baldmöglichst zum Video-Casting eingeladen werde. Video-Casting? Aber wieso? Sollte ein Kandidat nicht einfach sein, wie er ist? Und wenn er ruhig und langweilig ist, liegt es dann nicht am Moderator, was rauszuholen? Herr Jauch kann das doch auch?

Egal, ich muss zum Video-Casting. Ich will immerhin 500.000 Euro gewinnen, obwohl ich das jetzt schon für famos halte. Denn es ist meines Erachtens unmöglich, fünf Prominente in deren Spezialkategorien zu schlagen. Bei den Ausstrahlungen der letzten Woche hatte es auch keiner geschafft und Herr Pilawa hat versprochen, dass „nächste Woche auf jeden Fall ein Super-Champion“ gekürt wird. Ich kann die Sendung aufgrund meines Spätdienstes nun leider nicht mehr verfolgen, aber ich will das auch gar nicht.

Nun, eines Samstags sitze ich jedenfalls in Köln bei Davidson TV. Vor mir im Warteraum sitzt ein älterer, ruhiger Mann, von dem ich glaube, dass er in etwa so viel zu erzählen hat wie ich. Er IST halt Mensch. Muss man immer Außergewöhnliches tun, um außergewöhnlich oder besonders wertvoll zu sein? Er geht vor mir ins Studio und ich bleibe allein zurück. Dann kommt eine ältere Frau rein, legt meinen Bewerbungsbogen vor mir auf den Tisch und bittet mich, falsche Daten zu korrigieren und den Rest zu vervollständigen. Noch mal werde ich nach ungewöhnlichen Hobbys, Leidenschaften oder Spezialitäten gefragt. Habe ich keine. Tut mir ja leid. Ich mag mich trotzdem!

Auf dem ersten Blatt steht in der Mitte, dass man sich für den Zeitraum 21.3 – 10.4. besser nichts vornehmen soll, denn wenn man als Kandidat genommen wird, dann kommt das Filmteam ins Daheim und macht eine Home-Story. Ok, denke ich mir, wenn ich bis Ende März nichts mehr höre (ich trage ein, dass ich vom 21.3.-24.3. nicht erreichbar bin), dann habe ich es auch nicht geschafft. Während ich meinen Zettel ausfülle, kommt ein großer, lauter Mann mit kleinem, blonden Sohn herein.

Er heißt Frank. Und offensichtlich ist er Angler. Denn es dauert ungefähr eine Minute, bis er eine Plastiktüte herauskramt, seine komplette Anglermonitur aus der Tüte fischt und sich umzieht. Er wird jetzt tatsächlich zum Angler. Mit Angel, Haken und Plastikfisch. Mir ist schlecht, ich schäme mich fremd und ich möchte eigentlich jetzt gehen. Das Kind tut mir ein bisschen leid.

Bevor ich mich entscheiden kann, wegzulaufen, werde ich aufgerufen. Mir wird das Prozedere erklärt – auf den Stuhl setzen, die Dame neben der Kamera angucken (und NUR sie, niemanden sonst, auf keinen Fall irgendwo anders hinsehen!!!) und diverse Multiple Choice- und freie Fragen beantworten. Bevor sie die Fragen stellt, will sie noch, dass ich mich vorstelle. Ja, ich bin dann doch etwas nervös, als ich auf dem Hocker Platz nehme und verpacke zu viele Informationen in zu vielen Wörtern in der falschen Reihenfolge in einem zu langen Satz. „Ich bin Kirsten, Roxette-Fan, arbeite als Volontärin, fahre auf Konzerte und spiele Fußball, wenn ich Gassi gehe“. Oder so. Nach diesem Satz fange ich mich allerdings und die Dame hilft mir, mich zu konzentrieren. Das kann sie gut. Wir reden kurz und eigentlich denke ich, dass ich ganz gut rüberkomme. Ich lache viel. Hinterher fällt mir ein, dass ich eine Zahnlücke habe (der 1.4 fehlt) und das vielleicht nicht so gut ankommt. Schon gar nicht in der Kombination mit einem mittlerweile eher gelben statt blauen Auge, das ich mir beim Fußball zugezogen habe. Eventuell denken Kameramann und Anweiserin, dass ich ein Opfer häuslicher Gewalt bin. Das wird mir aber erst hinterher bewusst. Doch wäre es dann nicht viel netter, mich zu nehmen, damit ich mit den 500.000 Euro endlich meinen Alten in den Wind schießen kann?

Nach der Vorstellung kommen die Fragen. Im Nachhinein bin ich mir sicher, dass ich nur zwei nicht wusste. Also wieder eine ordentliche Bilanz. Aber offensichtlich bin ich zu fett, zu blass und zu kurzhaarig. Denn ich höre nichts mehr von Davidson TV. Stattdessen meldet sich meine Arbeitskollegin. Die, die bei „Das Duell“ war. „Davidson TV hat mich angerufen, die wollen mich für den ‚Super-Champion‘ casten“. Aha, denke ich. Da ist es ungefähr Ende März, und die Sendung wird ja schon am 11. April aufgezeichnet. Für mich ein Zeichen, dass die gesamte Kandidatenauswahl nicht prall gewesen sein kann. Denn jetzt nimmt man sich einfach Kandidaten früherer Quiz-Shows – siehe WWM-Gewinner Prof. Freise, der da plötzlich auch wieder auftaucht. Von Davidson TV höre ich nichts mehr.

Bis Anfang April. Eine Absage.

Sehr geehrte Frau O,

vielen Dank für Ihre Teilnahme am Casting für die Sendung „Der Super-Champion 2012“. Die Auswahl der Kandidaten ist dem Sender sehr schwer gefallen und hat deshalb bei einigen Kandidaten auch etwas länger gedauert. Im Ergebnis müssen wir Ihnen jedoch mitteilen, dass Sie leider nicht zur Kandidatenauswahl für die Sendung gehören.

Wir bedauern sehr, dass es diesmal nicht geklappt hat und bedanken uns für die Mühe, die Sie sich gemacht haben. Wir würden uns sehr freuen, wenn Sie unsere Castings für andere Sendungen auch weiterhin verfolgen. Über unsere Internet-Seite unter www.davidsontv.de können Sie sich ständig aktuell informieren. Oder abonnieren Sie dort einfach unseren Newsletter. Ihre Daten behalten wir weiterhin gerne in unserer Datenbank, um für andere Sendungen auf Sie zuzukommen. Sollten Sie dies nicht wünschen, melden Sie sich bitte bei uns. Wir löschen Ihre Daten dann selbstverständlich.

Wir wünschen Ihnen, trotz der schlechten Nachricht, eine schöne Restwoche und erholsame Ostertage. Wir freuen uns auf das nächste Casting mit Ihnen.

Für Fragen stehen wir Ihnen natürlich gerne zur Verfügung.

Danke für die Mühe, die ich mir gemacht habe? Eigentlich war es eher lustig. Und von den 50 Euro, die ich für die Fahrt zum Video-Casting nach Köln ausgegeben habe, spreche ich an dieser Stelle mal lieber nicht. Ich bin allerdings dennoch ein wenig ungehalten, weil die Absage so lange hat auf sich warten lassen. Gut, ich hatte den Vorteil, dass ich von den Nach-Castings wusste. Trotzdem unerhört. Und besonders unerhört ist der Satz, dass sie meine Daten gerne in ihrer Datenbank behalten, um für andere Sendungen auf mich zuzukommen. Ja, Entschuldigung, aber.. wenn ich diesmal schon nicht telegen genug gewesen bin, dann bei einer anderen, spröderen, langweiligeren Sendung auf jeden Fall? Nee, mag nicht mehr. Ich antworte, dass sie mich ruhig löschen können, weil ich nicht glaube, dass sich an meiner Fernseh-Ausstrahlung langfristig etwas ändern wird. Otto-Normal-Verbraucher werden ja offensichtlich nicht gesucht.

Ich vergesse die ganze Geschichte. Bis letzte Woche Samstag. Wir kommen vom Fußball, haben endlich mal wieder gewonnen, Pizza in der Hand und machen die Glotze an. Durchzappen. Es ist schon spät und jetzt noch in einen Film reinzuschauen ist sinnlos. Wir zappen, bis wir bei Pilawa hängenbleiben. Ich erinnere mich auf einmal wieder. Wir gucken ein paar Minuten zu und in meinem Kopf steckt nur noch ein Gedanke: GOTT SEI DANK WURDE ICH NICHT GENOMMEN. Dieser Gedanke wiederholt sich mantraartig. Was sich da auf dem Bildschirm abspielt, ist einfach nur peinlich. Ich sehe eine quietschige „Journalistin“ im Dirndl. Blond, laut, Typ Tussi. Sie scheitert. Es folgt ein Mann. Typ Bodybuilder. Er ist Stripper in Olivia Jones‘ Club auf der Reeperbahn in Hamburg. Nach der ersten Runde bittet Pilawa ihn, zu strippen. Er tut es. Aber auch er scheitert. Es folgt ein Mann. Typ ungepflegt. Er trägt einen Schottenrock. Er ist nicht blöd, scheitert aber ebenfalls. Und auch sein Nachfolger – Typ Vorzeigestudent – scheitert kläglich. Dass keiner durchkommt, ist nicht das eigentliche Drama.

Dass die sich vor einem Millionenpublikum zum Horst machen, das ist das Drama. Und dass sie es für NICHTS tun, ist noch viel schlimmer. Denn gewinnen tut an diesem Abend keiner der Kandidaten. Wie will man auch Dirk Steffens im Bereich Natur schlagen? Ich atme tief durch und schäme mich immer noch.

Am peinlichsten sind für mich die „Home-Storys“ der Kandidaten. Das ist Privatfernsehen. Das ist so billig, das ist so niveaulos. Ich frage mich, wofür ich Rundfunkgebühren zahle. Und ich frage mich, ob das ZDF ernsthaft glaubt, mit dieser Show junges Publikum anzuziehen. Ich stelle mir vor, wie ein Kamerateam an meinem Arbeitsplatz, bei meinem Fußballverein und bei mir Zuhause aufläuft und Bewegtbild aufnimmt. Ich atme tief durch. Ich darf privat bleiben. Wie gut!

Am nächsten Morgen bekomme ich eine SMS meiner Arbeitskollegin: GOTT SEI DANK HABEN WIR DA NICHT MITGEMACHT!

Amen!

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