Dunkeldinner in der Unsicht-Bar

Das Konzept kennen inzwischen wahrscheinlich viele, aber ich hatte es bislang noch nicht geschafft, einmal im kompletten Dunkel zu essen. Als sich im Herbst die Möglichkeit auftat, das zu machen, war ich natürlich Feuer und Flamme und habe zugesagt. Mir war allerdings schon schnell klar, dass meine Klaustrophobie sicher an diesem Abend auf den Plan treten würde. Denn wer setzt sich freiwillig in einen komplett dunklen Raum und ist auf die Hilfe des Kellners angewiesen, wenn er den Raum verlassen will? Und dann ist es ja nicht so, dass der Kellner ständig neben dem Tisch steht, sondern auch noch andere Leute bedient und somit nicht immer sofort da ist, wenn die Panikattacke eingetroffen ist. Mit dieser Angst ging es also in die Unsicht-Bar nach Köln.  Und im Nachhinein muss ich sagen, dass so groß die Angst in der Dunkelheit gar nicht war. Eher haben mich die flackernden Lichter vor meinem Auge irritiert. Denn man sitzt ja doch nur selten allein zuhause und schaut ins Dunkel. Zugegeben, in den ersten 20 Minuten war es wirklich eigenartig, da so hilflos am Tisch zu sitzen und nichts zu sehen. Aber der Reihe nach..

Vor dem Gang ins Restaurant wählt man – im hellen Bereich des Restaurants – sein Menü aus. Hier ist jedoch nicht klar, was man genau bekommt. Man entscheidet lediglich zwischen Fisch, Vegetarisch, Käse, Geflügel, Lamm und Überraschung. Was letztlich auf dem Teller liegt, weiß man nicht und soll man – wenn es gut läuft – erst, wenn der Teller vor einem steht, erschmecken. Während meine Freundin ihren Überraschungs-Menü-Gutschein einlöste und ihre Schwester sich für Geflügel entschied, fiel meine Wahl auf Fisch. Nach der Wahl des Essens holt einen der persönliche Kellner an der Pforte ab und führt den Gast in eine Lichtschleuse. Hier ist das Licht gedimmt und geht aus, wenn sich die Tür zum Restaurant öffnet. Rüssel an Schwanz, nein, Hand an Schulter geht es dann ins Dunkel zum Tisch, wo die Getränkebestellung aufgenommen wird. In den ersten Minuten ist alles neu und überraschend. Verzweifelt suchte ich irgendwo einen Lichtschimmer, oben und unten. Tatsächlich fand ich etwas, denn unter der Tür zur Küche, die ich fälschlicherweise zunächst als die Tür identifiziert hatte, die uns reingebracht hatte, fiel tatsächlich ab und an etwas Licht durch einen Schlitz. Doch je länger ich mich darauf konzentrierte, desto weniger sah ich ihn. Die Augen brauchte ich also tatsächlich nicht, schaffte es aber auch nicht, sie einfach zu schließen, was vermutlich besser gewesen wäre, denn so flackerte nach etwa 15 Minuten erstmals ein gelbes Licht, das nur verschwand, wenn ich sie eben doch schloss. Erleichtert war ich, dass es meiner Begleitung auch so ging. Und nach einer Stunde legte sich das Flackern zum Glück auch.

Im Dunkeln Essen bringt weitere Tücken mit sich, denn man sieht nicht, was man schneidet und wo man schneidet, oder ob man überhaupt schneiden müsste. Ich stieg also schnell auf Gabel links und Hand rechts um und schaufelte das Essen mit der rechten Hand fleißig auf den Edelstahl. Es fiel mir auch schwer zu erraten, was ich da eigentlich gerade gegessen habe, es schmeckte nach Fisch, nicht mehr und nicht weniger. Die Schwester meiner Freundin stellte sich da schon besser an, denn sie wusste nach drei Bissen des Hauptgangs schon, womit sie es zu tun hatte und hinterher stellte sich raus, dass sie Recht hatte. Andererseits ist es auch gut, nicht zu wissen, was man da gerade isst, denn sonst hätte meine Freundin sicherlich ihren Hauptgang  – ein Hirschgericht – nicht gegessen. Immerhin schmeckte sie nach kurzer Zeit rote Bete (die sie nicht mag!) heraus und sagte nach dem dritten Bissen mit leicht zu vernehmender Übelkeit: „Ich glaube, ich weiß, was ich da gerade esse und ich glaube, ich muss mich gleich übergeben.“ Zum Glück musste sie das nicht, wäre auch zu schade gewesen.

Entspannend ist zwischendurch, dass man die Tischnachbarn reden und lachen hört, in diesem Raum sind wirklich alle gleich und so war es auch ganz schön, dass alle zusammen einer „Steffi“ im Restaurant ein Geburtstagsständchen gesungen haben. Und, dass ein Mann am Nachbartisch aufstand und laut rief: „Könnt ihr ein bisschen leiser sein, ich habe gerade ein blind date?“ Witziger Einwurf des Mannes, wobei wir hinterher noch von der Servicekraft erfahren haben, dass sich tatsächlich nicht wenige Leute zum blind date dort treffen, zeitversetzt ins Restaurant gehen und sich so kennenlernen. Und manchmal kommt es wohl sogar vor, dass die gleichen Leute sich nach erfolgreich absolviertem Dunkeldinner in einem abgedunkelten Hotelzimmer treffen und die Nacht miteinander verbringen.

Nach dem Essen setzte sich unser Kellner  – der nichts mehr zu tun hatte – an unseren Tisch und trank einen Kaffee. Wir kamen mit ihm ins Gespräch und verlängerten unseren Aufenthalt in der Dunkelheit so noch um etwa 30 Minuten. Erst in dieser Phase war ich wirklich entspannt und hatte sogar die Augen geschlossen. Denn ich wusste, ich verpasse sowieso nichts. Als wir nach knapp drei Stunden wieder im hellen Eingangsbereich waren, hatte die Servicekraft fünf Tafeln aufgestellt, auf denen die jeweiligen Menüs zu sehen waren, so dass man abgleichen kann, ob das, was man geschmeckt hat, auch das ist, was man gegessen hat. Im Übrigen hat man bei der Wahl des Essens vor dem Gang ins Restaurant auch die Chance anzugeben, worauf man allergisch ist bzw. was man überhaupt nicht mag. So kann man dann zum Beispiel sicher sein, dass auf keinen Fall Pilze drin sind, wenn man keine Pilze will. Aber der Ausschluss von Pilzen schützt dann auch vor roter Bete nicht. Man denkt einfach nicht an alles, sondern nur an das Wahrscheinliche. Ich kann also nur empfehlen, sich wirklich eine Liste zu machen mit den Sachen, die man auf keinen Fall essen will. Und die, die sowieso mehr nicht mögen als mögen, sollten den Gang in die Unsichtbar einfach nicht antreten, denn wenn die Liste länger ist, als das, was dort angeboten wird, ist die Überraschung hinterher ja fast keine mehr.

Alles in allem war es ein schönes Erlebnis, das ich aber nicht noch einmal haben muss. Eine gute Erfahrung, die man nur einmal machen muss. Abgesehen davon war das Essen nicht übermäßig gut, nichts besonderes und eigentlich noch weniger als „nichts besonderes“. Geschmacklich nicht herausragend, gerade so eben ausreichend.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s