In Rachs Tafelhaus

Geredet hatten wir darüber schon im letzten Winter. Eher durch Zufall und ohne konkrete Planung. Aber die Idee war da. Einmal Tafelhaus in Hamburg und Christian Rachs Essen genießen. Knapp sechs Monate später wurden wir ein Paar und wir erinnerten uns doch recht schnell wieder an den famosen Plan, dort mal richtig Geld für Essen zu lassen. Bestärkt wurde das noch durch die Meldung, dass Herr Rach 2011 aus dem Tafelhaus aussteigen will. Da war also schon etwas Zeitdruck für uns. Also reservierte ich Ende Juli einen Tisch im Tafelhaus für einen Termin zwei Monate später. Muss man wohl auch, denn spontan dort auflaufen und auf einen Tisch hoffen, ist sinnlos. Selbst erlebt, als ein Mann am Abend reinkam und fragte und wieder gehen musste. Alles reserviert, ausgebucht, nichts zu machen. Und das ist eigentlich auch das Schöne an solchen Restaurants. Man kann ziemlich sicher davon ausgehen, dass nach einem niemand mehr an dem Tisch sitzen wird. Denn ein Besuch im Tafelhaus dauert mindestens zwei Stunden, eher mehr. So haben weder die Kellner und Bedienungen Stress, noch fühlt sich der Gast abgewimmelt.

Wir waren knapp drei Stunden dort, und das, obwohl wir von den möglichen fünf Gängen gerade einmal drei genommen haben. Nachdem wir die Kleiderfrage – auf der Homepage steht „angemessene Kleidung“ – nach wochenlangen Diskussionen geklärt hatten und dann vor Ort feststellten, dass es wirklich kein Ballkleid sein muss, liefen wir also im Tafelhaus auf und starteten mit dem Hausaperitif – einem Sekt mit Holundersirup. Genau die richtige Einstimmung für das, was folgen sollte. Etwas verwirrend gestaltet ist die Menükarte, denn es werden links und rechts in der Karte zwei verschiedene Menüs angeboten, aus denen man aber verschiedene Gänge kombinieren kann. Wir sind keine Profis, was den Besuch in gehobenen Restaurants angeht und deswegen taten wir uns vielleicht auch etwas schwer, aber es wäre schöner, wenn in der Karte klarer gekennzeichnet wäre, was Vorspeise, Zwischengang, Hauptgang und Nachspeise ist. Allerdings klärte uns unsere Servicekraft sehr nett und hilfreich auf, sodass wir unser Menü noch halbwegs zeitnah und vor dem nahenden Hungertod zusammenstellen konnten. Ursprünglich hatten wir uns mehr als 3 Gänge vorgenommen, denn „wenn man schon mal da ist“, kann man auch auf die Pauke hauen. Im Nachhinein waren wir jedoch froh, dass wir es bei 3 Gängen belassen haben, wir waren schon nach der Vorspeise pappsatt. Und das nicht im Sinne des „der Hunger ist gestillt“, sondern rein geschmacklich. Als wären die Zunge und das Gehirn nicht in der Lage, noch mehr Geschmäcker aufzunehmen und umzusetzen.

Außerdem erwartete uns vor der Vorspeise noch eine –  oder eigentlich sogar zwei – Überraschung. Zunächst bekamen wir drei Schälchen mit Dips – Olivencreme, Tomatencreme und Butter – und selbstgebackene Brötchen, die richtig lecker waren. Die Olivencreme schmeckte nach Olive, die Tomatencreme nach Tomate. Klingt banal, macht aber einen riesen Unterschied, ob es so schmeckt oder ob es wirklich DAS ist. Diese Dips waren einfach zu gut und ich rätsle jetzt noch, was da alles so drin war.

Zu diesem Appetizer gab es noch ein kleines Rätsel aus der Küche. Ein Teller mit vier wirklich kleinen Appetithäppchen aus den Bereichen „süß, salzig, sauer und scharf“. Was was war, wurde nicht verraten, so blieb nur der Geschmackstest. Der Löffel war schon unter einem der Häufchen platziert – grün, mit Kürbiskern drauf. Das war definitiv süß und stellte sich hinterher als Kürbismousse raus. Davon hätte ich gern mehr gehabt. Weniger aber von dem, was dann kam. Ein weißes, durchsichtiges Etwas mit Garnitur. Schmeckte nicht schlecht, eines reichte aber auch. Das kam aus der Reihe „salzig“ und war Rettich mit… habe ich vergessen.  Besser gar keines hätte ich von Nummer drei gehabt. Braun, ebenfalls mit Garnitur und die Konsistenz von Wackelpudding, aber nicht durchsichtig. Eigentlich also eher wie Eierstich. Ein Aggregatszustand, den ich alleine beim Berühren schon widerlich finde. Geschmacklich war das auch richtig übel. Schwarzteegelee mit Anis. Einfach nur grauenvoll und ungenießbar. Da wir aber zu den Ersten im Restaurant gehörten, machten wir uns in den folgenden Stunden den Spaß, allen weiteren Gästen beim Genuss dieser Platte zuzuschauen und wenn sich jemand das braune Häppchen genüsslich in den Mund schob, warteten wir schon auf die Fratze, die verriet: „Bäh!“. Nummer vier war wieder weiß und ein neutralisierendes Joghurt-Zitronenmousse mit etwas Salz. Nicht lecker, aber auch nicht so fies wie der Hustensaft-Eierstichverschnitt vorher. Neutralisiert mit viel Wasser und Brötchen warteten wir gespannt auf die Vorspeise.

Ich hatte bestellt: Hokkaido Kürbis, Apfel und Räucheraal | Rahmsuppe vom Hokkaidokürbis mit scharfem Apfelkompott, Räucheraal Medaillons und Honigkresse

Bislang war ich von meiner eigenen Kürbissuppe immer begeistert, mochte nie das, was ich in Restaurants vorgesetzt bekam, weil der Kürbis einfach so totgekocht wurde, dass die Suppe nach allen anderen Zutaten schmeckte, nicht aber nach Kürbis. Bei der hier war das nicht so. Die war vor allem rahmig und bei meiner nächsten Suppe werde ich auch auf den Rahm setzen, damit sie nicht zu sämig wird. Genial die Idee mit dem Räucheraal, der erdige Fischgeschmack passt perfekt zur fruchtigen Note der Suppe. Einzig der Apfelkompott wollte nicht so recht an mich, das lag aber weniger an Geschmack oder Komposition mit Suppe, sondern an der Konsistenz, die mich zu sehr an das braune Eierstich-Ekel-Häppchen vorher erinnerte.

Meine Freundin Judith hatte sich als Vorspeise Pastinake und orientalische Aromen | Mousse von jungen Pastinaken  mit marokkanischem Cous Cous, Dattel und Salz-Kaffeedressing bestellt.

Was Pastinaken sind, war uns beiden nicht so richtig klar. Aber die Blöße zu fragen, wollten wir uns auch nicht geben. Es schmeckte jedoch grandios und überlud etwas die Geschmacksnerven. Bei einem Probelöffel für mich dachte ich, dass es etwas wie Sellerie oder Radieschen schmeckt, da es etwas „nachzieht“. Genial war die Kombination mit der Dattel und CousCous. Das Salz-Kaffeedressing ist aber sicherlich Geschmackssache und hat uns beiden nicht so zugesagt. Diese Vorspeise hat aber rein kulinarisch so viel abverlangt, dass es fast nicht mehr möglich schien, noch zwei weitere Gänge zu essen. Als wäre die Zunge satt, der Magen aber nicht. Es änderte aber nichts daran, dass noch zwei Gänge kamen. Beim Bestellen hätten wir zunächst gerne beide das Gleiche genommen, was uns aber sinnlos erschien, da wir beide natürlich so viel wie möglich probieren wollten. So entschieden wir uns für Heilbutt, Langostino und Sot-l’y-laisse | Heilbutt mit gestampften Sellerie-Kartoffeln, Lauch und sautiertem Gipsy Pink Apfel, Trüffeljus und Zander, Taschenkrebs und Karotten | Gebratenes Filet vom Zander mit Taschenkrebsravioli, Orangen-Karotten und Krustentierjus.

Wir sind beide keine großen Fleischesser, daher blieb nur der Fisch. Außerdem stellte Judith irgendwann fest, dass „in jedem Gericht was ist, was ich nicht mag.“ Aber „das ist mir heute egal“. Konnte es letztlich auch sein, denn alles schmeckte wunderbar und vor allem anders, als man es gewohnt war. Also neu. Viel kann ich über meinen Hauptgang gar nicht sagen. Mein erster Kommentar beim Anblick und Verzehr der „Orangen-Karotten“ war: „Sieht aus und schmeckt wie aus einem Hipp-Gläschen“. Passte aber perfekt zum Zander und dem Krustentierjus und machte satt. Vor allem die Farben der Speisen, wie bunt das alles war und wie anregend das aussah, hat mich doch fasziniert. Noch schöner sah allerdings der Heilbutt aus, der zwischen zwei Sellerie-Kartoffelstampfhäufchen daherkam und von Äpfeln und Lauh umrahmt wurde. Einfach ein Gedicht und wäre es nicht schäbig, in einem Sternerestaurant das Essen zu fotografieren, hätte ich es gemacht.

Bei der Nachspeise konnten wir es dann doch nicht lassen und bestellten identisch: Feige und Nussaromen | Marmoriertes Milchschokoladeneis mit marinierter Cassisfeige,  Haselnußschaum und gerösteten Butteraromen

Ich will nicht übertreiben und wenn es so klingt, tut es mir leid, aber: Das war das beste Dessert, das ich jemals gegessen habe und war allein schon den Besuch im Tafelhaus wert. Diese Nachspeise ist ohne Worte, davon hätte es noch ein Teller sein dürfen. Die Nusscreme, das Schokoladeneis und die Feige, dazu die Nussaromen – mehr als das Bioleksche „mmmmmh“ war bei uns nicht mehr zu holen. Vor dem Dessert gab es übrigens noch einen Neutralisierer im Glas. Holunderbeeren mit Grieseis, auch wirklich gut und genau richtig an diesem Platz.

Noch ganz berauscht machten wir uns nach drei Stunden auf den Rückweg ins Hotel und sind froh, das mal gemacht zu haben. Es hat sich gelohnt, auch wenn Christian Rach selbst nicht da war. Den haben wir um einen Tag verpasst.

Advertisements

3 Kommentare

  1. michaela · Oktober 15, 2010

    Hmm, das hört sich aber lecker an! (Naja, bis auf das Hustensaftgelee ;-))
    Da muss ich wohl auch mal hin!

  2. Rezept · Dezember 8, 2010

    Hallo, ein wirklich guter Artikel, sehr schön beschrieben, hat die Neugier geweckt. Gruß Peter

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s