Da war nichts..

Sie starrte auf seinen Mund, als könnte sie ihm die Wörter, die sie so gerne hören wollte, auf die Zunge legen. Doch er sagte nichts. Er starrte quer über den Messeplatz, auf dem sie geparkt hatten. Dann öffnete sich sein Mund. Und schloss sich wieder. Nach ein paar Sekunden öffnete er sich erneut. Nur, um sich wieder zu schließen. Dann schlug er die Augen nieder. Sie traute sich nicht, etwas zu sagen. Jedes Wort, dachte sie, könnte das falsche sein. Während sie ihn anstarrte, hatte sie fast vergessen, dass sie sich an den Händen hielten. Sie rutschte unruhig auf ihrem Sitz hin und her. Auf dem Sitz in dem Auto, in dem sie viele schöne, aber viel zu kurze Stunden verbracht hatten. Heimliche Stunden. Sag doch was, dachte sie. Doch alles, was er sagen würde, wäre das, was sie ohnehin schon immer gewusst hatte, aber niemals begreifen wollte. Er hatte nie etwas anderes behauptet als das, was die Wahrheit war. Dass er seine Frau nicht verlassen würde. Nicht für sie. Und auch für keine andere. Weil sie zusammengehörten. Genug, um sich nicht zu trennen. Aber nicht genug, um nicht andere Frauen nebenher zu haben. Oder nur eine. Nämlich sie. Die, die so viel jünger war als er. Die ihn aber so sehr liebte, dass es fast schmerzte. Die erste große Liebe.

Er sagte immer noch nichts. Er starrte raus. „Du weißt es doch“, sagte er schließlich. „Wie die Situation ist. Ich wollte dir nie das Herz brechen, aber ich glaube, ich habe dich für das restliche Leben verdorben.“ Sie verstand nur den ersten Teil. Wie die Situation ist. Dass er sich nicht trennen würde. Sie dachte über den zweiten Satz nach. Dass er sie verdorben habe für ihr weiteres Leben. Sie wollte das nicht verstehen. Er hatte ihr doch alles Gute gezeigt. Die Liebe, den Sex, Zuneigung, Vertrauen. Wieso sollte er sie verdorben haben? Aber sie wusste, sie würde seine Antwort nicht verstehen, wenn sie nachfragte. Sie schwieg. Sein Blick schweifte wieder über den Messeplatz, dann riss er für den Bruchteil einer Sekunde die Augen auf. Sie schaute in die gleiche Richtung, wollte wissen, was da war. Doch außer einem grünen Mercedes konnte sie nichts sehen. Sie schaute wieder zu ihm und er hatte ihren fragenden Blick bemerkt. „Da war nichts“, sagte er lächelnd. Er hatte Angst. Er hatte immer Angst, wenn sie öffentlich unterwegs waren. Doch diesmal war es nicht seine Frau. Schützend hatte er schon die Hand vor den Mund geführt, als hätte er damit verhindern können, dass er erkannt wird. Er, der so ein einzigartiges Auto fuhr, dass man ihn sofort erkennen würde.

Ihr war es egal. Am Anfang nicht. Da wollte sie glücklich sein, keinen Ärger riskieren, ihn ganz für sich haben und sie wollte, dass er ganz bei ihr war, wenn er bei ihr war. Doch inzwischen hatte sie es leid, sich zu verstecken. Ganze zwei Jahre hatte sie das immerhin ausgehalten. Wenn sie entdeckt wurden, dann war es so. Sie merkte jetzt, dass das vielleicht der Impuls war, der ihr von ihm fehlte. Wenn er nichts tat, dass etwas von außen passieren würde. Denn sie konnte nichts tun. Sie konnte ihn nicht verlassen, denn die Liebe brannte in all ihren Gliedern. Sie konnte ihn auch nicht zur Rede stellen, denn es gab nichts zu reden. Er würde sich niemals für sie entscheiden. Er war zu alt, 35 Jahre älter als sie. Sie führten zwei unterschiedliche Leben und hatten sich nur durch Zufall an einer Gabelung getroffen. „Wären wir uns 25 Jahre früher begegnet“, hatte er mal gesagt, „dann würde alles ganz anders aussehen.“ Das waren sie aber nicht. Das war die Situation. Er Lehrer, sie Schülerin. Er alt, sie jung. Er verheiratet, sie unsterblich verliebt. Sie haderte kurz mit sich und der Welt, als sie mit ihren Gedanken wieder in die Realität zurückfand und merkte, dass er immer noch dahin starrte, wo kurz zuvor ja nichts gewesen war. Der Mercedes war weg. Sie blickte auf die Uhr. Die Freistunde war gleich zu Ende. Sie streichelte über seine Wange. „Ich glaube, wir müssen los.“ Er nickte. Dann drehte er seinen Kopf und küsste sie. Sie seufzte. Verdammtes Leben.

Jetzt war alles anders. Neun Jahre waren seitdem vergangen. Kurz nachdem auf dem Messeplatz nichts gewesen war, hatte sie sich von ihm getrennt. Nachdem es seine Frau doch rausgefunden und ihm eine Szene gemacht hatte. Nachdem er mehrere Wochen nicht in der Lage gewesen war, die Situation zu klären. Nachdem er nicht in der Lage gewesen war, ihr zu sagen, dass er sie nicht mehr sehen könne, weil er seine Ehe retten muss. Nachdem sie Panikattacken erlitten hatte, nachts nicht mehr schlafen und tagsüber nicht mehr essen konnte. Als sie über den Messeplatz fuhr, musste sie schmunzeln. Sie hielt durch Zufall an der Stelle, an der er damals nichts gesehen hatte. Nur irgendeinen grünen Mercedes. Sie stieg aus und holte ihren Hund aus dem Kofferraum. Sie blickte auf die andere Seite, wo sie damals geparkt hatten.

Jetzt verstand sie, was er damals meinte. Dass er sie verdorben hatte für ihr weiteres Leben. Das war so. Denn seitdem war sie kaum in der Lage gewesen, eine funktionierende Liebesbeziehung einzugehen und an und mit ihr zu arbeiten. Sie maß alles und jeden an ihm. Sie hatte kein Vertrauen in die Welt und vor allem wollte sie eins nie wieder: verletzt werden.

Doch heute war es egal. Sie war wieder bereit für Verletzungen. Weil sie wieder komplett bereit war, sich einzulassen. Auf einen neuen Menschen. Nach neun langen Jahren. Da waren keine Zweifel, keine Angst. Nur Sicherheit, Vertrauen, Begehren und Zuneigung. Alles fühlte sich so richtig an, auch wenn es für viele andere unnormal war. Sie liebte jetzt Frauen. Und hatte gerade einer ihr Herz geschenkt. Sollte es irgendwann gebrochen und verletzt zu ihr zurückkehren, wäre es ok. Denn diese Frau war es wert, das in Kauf zu nehmen.

Nachdem sie mit ihrem Hund eine Runde gedreht hatte, kam die SMS: „Ich bin so gut wie fechtisch. Muss nur noch die Wäsche aufhängen. Kuss.“  Sie schmunzelte, antwortete schnell, dass sie auf dem Weg sei und ging zurück zu ihrem Auto. Das war kein grüner Mercedes. Sondern ein Opel Astra Caravan. Und der brachte sie in ein neues Leben. Mit allem, was dazugehört. Keine Kompromisse, keine halben Sachen. Alles, wenn es sein musste.

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3 Kommentare

  1. Ella · Juli 7, 2010

    Schön geschrieben und schön, dass du dich wieder einlassen kannst. Das freut mich sehr 🙂

  2. Eva · Juli 30, 2010

    Wenn da einach nichts ist, das ist tatsächlich schlimmer, als viele Worte…
    Schöne Niederschrift. Was sagt der stumme Protagonist dazu?

  3. Heike · August 6, 2010

    Schön dass bei Dir auch die Zeit alle Wunden heilt. Wurde echt Zeit. Das Leben zu schön und zu kurz um so viele kostbare Momemte zu vergeuden, nur weil man sein Herz schützen muss.
    Freue mich total für Dich.

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