Lesen!

Ich weiß jetzt wieder, wieso ich so wenig lese. Eigentlich weiß ich das nie, bis ich wieder ein Buch zwischen den Fingern habe und dieses mit ihnen zu verwachsen scheint. Meine Mutter hat mir mal erzählt, dass ich schon mit sechs Jahren ein Buch nach dem anderen verschlungen habe. Nachdem sie das gesagt hatte, fiel es mir auch wieder ein. Wir waren fast jede Woche in der Stadtbücherei und haben neue Bücher für mich geholt. Und ich kann mich an einen Nachmittag erinnern, an dem ich traurig zu ihr gelaufen bin und gesagt habe: „Ich glaube, ich habe alle interessanten Bücher glesen“. Das galt freilich nur für die Kinderbuchabteilung, die nicht übermäßig groß, aber doch ausreichend war. Irgendwann hat mich das Lesen verlassen. Da muss ich aber schon 12 oder 13 gewesen sein. Eigentlich habe ich irgendwann nur noch die Bücher gelesen, die ich für die Schule lesen musste. Aber was da für Schätze waren. Faust, Teil I. Ich habe es geliebt, verschlungen, aufgesogen und in einer vierstündigen Klausur auf viele weiße Blätter gespeit. Shakespeares Macbeth, das mich heute noch verfolgt und von dem ich noch heute die erste Szene des ersten Aktes auswendig aufsagen kann. When shall we three meet again… in thunder, lightning or in rain? Dürrenmatt. Der großartige Dürrenmatt. Hier brauche ich gar keinen Titel anführen. Ich habe von Dürrenmatt jedes einzelne Werk in meinem Regal stehen (abgesehen von einem, das irgendwo in Düsseldorf bei Heike N. liegt…).

Zwischendurch durfte es aber auch trivial sein. Ich glaube, ich hatte nicht weniger als 25-30 Star Trek-Bücher. Alle gelesen, alle brav im Regal, alle noch einmal gelesen, bis ich sie dann letztes Jahr einfach verkauft habe, weil ich mit dem Thema Star Trek nichts mehr verbinde. Und weil ich eigentlich viel zu selten lese. Und wenn, dann die Tageszeitung, Internet, 140-Zeichen-Nachrichten bei Twitter oder mal wirklich interessante Artikel in Blogs von Stefan Niggemeier oder bei SPON.

Als wir letztes Jahr im Urlaub waren – zwei Wochen in Schweden – hatte ich gerade meine Prüfungsphase hinter mich gebracht und war über jedes bisschen Zerstreuung froh, nachdem ich tausende Seiten zu vielen verschiedenen Themen gelesen und gelernt hatte. Ich nahm mir drei Bücher mit, von denen ich hier zumindest eines mal kurz besprochen hatte. Und das war damals schon so eine derbe Erfahrung, dass ich ein Buch nicht weglegen kann, wenn ich es begonnen habe und es mich fesselt. Es zehrt mich aus, bis ich es zuschlagen kann. Ich kann es nicht unfertig weglegen. Ich merke nach einer Weile, wie ich immer schneller lese, schneller begreife, mehr wissen will, noch schneller lese und versuche, schneller die Handlung fortzudenken, als ich die Worte lesen und erfassen kann. Das Schlimme dabei ist nur: das funktioniert. Und das raubt mir Energien. Es gibt mir allerdings auch welche zurück. Die kleinen Stimmen, die um mich herumschwirren und mir sagen: Schreib selbst, schreib selbst, schreib selbst. Es muss eine unglaubliche Kraftanstrengung sein, eine Handlung niederzuschreiben, die man im Kopf 100mal schneller gedacht hat, bevor man nur ein Wort tippen konnte. Ich weiß nicht, ob jemand versteht, was ich hier zu erklären versuche. Aber wenn lesen schon so anstrengend ist, wie schwer ist es dann, es aufzuschreiben und dabei das Gehirn zu bremsen? Das Buch, das mir bislang die meiste Energie und noch dazu sämtliche Worte geraubt hat, war übrigens Die Klavierspielerin von Elfriede Jelinek. Nachdem ich die letzten 100 Seiten am Stück durchgelesen hatte, hatte ich keine Sprache mehr. Alles war weg – für etwa zwei Stunden.

Ich glaube, neben Musik und dem Rauschen des Meeres gibt es nichts Schöneres als das reine, pure Lesen. Ich brauche mehr Bücher. Wer sich angesprochen fühlt, Ihr dürft mir gerne ein paar Bücher schicken. Ich lese alles.

Nur zwei Bücher habe ich nie zu Ende gebracht. Günter Grass‘ Blechtrommel. Das Eselsohr ist bis heute auf Seite 126 eingeknickt. Ich habe es aufgegeben. Leichten Herzens. Es tat gar nicht weh. Für so ein Werk bin ich definitiv nicht intellektuell genug und arbeite auch definitiv schon zu lange bei einer Tageszeitung, gehen wir rein nach: „schreib einfache Sätze, formuliere klar und mach gleich deutlich, was du sagen willst“. Sowas hat der Grass nicht nötig. Ich ihn aber auch nicht. Beim zweiten Buch verhält es sich genau andersrum. Handlung platt, Sprache noch platter. Charlotte Roches Feuchtgebiete habe ich nach nicht einmal 40 Seiten zugeschlagen. Ich konnte überhaupt keine Beziehung zu ihrer Hauptperson aufbauen. Die Sprache, die Ausdrücke, all das, was andere vulgär nennen würden, hat mich überhaupt nicht gestört. Sondern nur, dass diese Frau eigentlich überhaupt nicht schreiben kann. Oder vielmehr: sie kann nicht erzählen. Man bleibt an diesem Buch eigentlich nur kleben, weil man noch mehr Vulgäres lesen will, schlägt die Seiten um, um von Ausdruck zu Ausdruck zu hüpfen. Worum es letztlich überhaupt ging, wissen wahrscheinlich die wenigsten. Ich habe es jedenfalls zugeschlagen. Mich interessiert vulgäre Sprache nicht. So wie sie schreibt, rede ich mit Freunden, wenn mir danach ist. Ich muss das nicht beim Lesen eines Buches entdecken und gleichzeitig verstecken. Und mich interessiert auch bis heute nicht, was ihre Hauptfigur am Ende macht. Ob sie noch lebt, an Syphillis gestorben ist oder ein Kind zur Welt gebracht hat.

Auf jeden Fall habe ich eben einen Doppelkrimi von Anne Holts Hanne Wilhelmsen beendet. Ich kann skandinavische Krimis wahllos verschlingen. Es ist egal, wo sie spielen, wer die Hauptfigur ist. Wenn es halbwegs interessant geschrieben und die Handlung nicht zu sehr an den Haaren herbeigezogen ist, dann lese ich alles aus diesem Genre. Allerdings habe ich auch seit Jahren nichts mehr gelesen, das Mankells Mittsommermord auch nur halbwegs den Rang ablaufen konnte.

Wer einen Lesetipp für mich hat, kann ihn gerne hier als Kommentar posten. Es muss kein Krimi sein. Es muss nur gut geschrieben und spannend sein. Ich sehe mich allerdings auch schon wieder im Sog der vielen Worte verschwinden. Es ist tatsächlich, als ob mich etwas aufsaugt und irgendwann, jeglicher Flüssigkeit entleert, wieder ausspuckt. Irgendwie gruselig. Aber irgendwie schön.

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8 Kommentare

  1. nosupermom · März 10, 2010

    Ich empfehle, falls du sie noch nicht gelesen hast, die Trilogie von Stieg Larsson.

    • kiwein · März 10, 2010

      Danke, damit liebäugle ich schon eine ganze Weile. Sollte es doch mal in Angriff nehmen. 🙂

  2. Die Freundin · März 10, 2010

    Das letzte Buch, das mich in seine eigene Welt gezogen hat, war Atwoods „Das Jahr der Flut“ auf Deutsch, welches eine düstere Zukunftsvision zeichnet. Keine Ahnung, ob das was für dich ist, aber es war anders, spannend und ich wusste nach dem Zuklappen kurz nicht, welches Jahr wir haben. Sehr gutes Buch.

    • kiwein · März 10, 2010

      Sehr gut. Habe von Atwood ja noch gar nichts gelesen bisher, obwohl ich Deine Leidenschaft kenne. Asche auf mein Haupt! Das wird nachgeholt. Vielleicht kannst Du mir das am 1. Mai mitbringen?

  3. S. · März 10, 2010

    Ich würde „Das große Heft“, „Der Beweis“ und „Die dritte Lüge“ von Agota Kristof empfehlen. Oder „Oceano Mare“ von Alessandro Baricco. Nachdem mein letzter Tipp aber eher ein Griff ins Klo war, ist das natürlich mit Vorsicht zu geniessen 😉

    • kiwein · März 10, 2010

      Das ist definitiv nicht so. Ich mag auch „verstörende“ Bücher und Tricks gehört dazu. Ich habe sie nicht verstanden, aber literarisch war das trotzdem ganz große Kunst. Natürlich leidet die abschließende Einschätzung ein wenig, wenn man ein Buch nicht versteht oder aufgrund bestimmter Kleinigkeiten nicht mag, ich fand den Stil aber trotzdem gut und würde von Alice Munro sicher auch noch mal was in die Hand nehmen. 🙂 Danke für die anderen Tipps!

  4. Once upon a time · März 10, 2010

    Da ich weiß, dass Du Dich auch für abgedriftete Geschichte und Geschichten interessierst, kann ich Dir Daniel Kehlmanns „Die Vermessung der Welt“ wärmstens empfehlen. Das war für mich das Buch, das ich vor einigen Monaten nicht eher aus der Hand legen konnte bis die letzte Seite drohend auftauchte.

    • kiwein · März 10, 2010

      Ja, das war ja monatelang in den Bestsellerlisten. Kommt auch auf die Liste. 🙂 Wundere mich, dass ich das wirklich noch nicht kenne. Auch hier danke für den Tipp!

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