Alle Jahre wieder..

Fast könnte man meinen, Curling – genau, das, was aussieht wie Eisstockschießen, aber nicht Eisstockschießen ist, sondern ihm nur gleicht – sei erst seit diesem Jahr eine olympische Disziplin. Halt – den Gedanken hatte ich 2006 schon. Und 2002 auch. Die Mischung aus Schach und Billard auf dem Eis scheint die schreibende Zunft alle vier Jahre immer wieder zu überraschen. Als hätten sie noch nie zuvor einen Stein übers Eis rutschen oder Frauen und Männer mit einem Schrubber bewaffnet schreiend über die Spielfläche rutschen sehen. Mich hat es nur 1998 ergriffen. Da war die Sportart zum ersten Mal olympisch. Und wirklich etwas völlig Neues. Das war vor allem deswegen so neu und so faszinierend, weil es das Zentrum der Entschleunigung darstellt. Während es bei allen anderen olympischen Wintersportarten nur um höher, größer, weiter und schneller geht, bleibt Curling was es ist: eine Art Eisstockschießen. Es scheint jedoch immer wieder und eigentlich nur im vier jährigen Rhythmus die Leute von neuem in den Bann zu ziehen. Wer lässt sich nicht gerne entschleunigen?

Mich wundert nur, dass es immer noch Redakteure, Journalisten, Zeitungen und Publizisten sonstiger Art gibt, die das Thema Curling alle vier Jahre so aufbereiten, als hätten sie gerade im Fernsehen einem Wunder beigewohnt. Unabhängig davon, ob es als schönes oder nicht so schönes Wunder beschrieben wird. Gibt es überhaupt noch eine Seite im Netz, die während der jetzigen Spiele in Vancouver NICHT Curling als Anlass zu einer Kolumne oder Glosse genommen hat? Curling ist nicht mehr neu, es ist seit 12 Jahren olympisch und in der Zeit zwischen den Spielen interessiert sich kein Mensch dafür, oder?

Wie ist das eigentlich mit einer ganz anderen Sportart, die wirklich neu im Programm ist? Ski Cross! Allerorten – speziell bei Twitter und Facebook überschlagen sich die TV-Zuschauer mit lobenden Worten. Sowas hat Olympia wirklich gefehlt. Ehemalige Ski Alpin-Fahrer wie Katharina Gutensohn, Ted Piccard oder Daron Rahlves – teilweise jenseits der 40 –  stürzen sich eine nicht ganz so steile, aber nicht minder gefährliche Piste herunter. Und „stürzen“ dürfte in diesem Zusammenhang das richtige Wort sein. In keiner anderen Sportart habe ich bei diesen Spielen spektakulärere Stürze gesehen als bei Ski Cross. Leider auch keine, die weniger gefährlich waren. Vier Läufer starten zur gleichen Zeit, die ersten beiden qualifizieren sich für die nächste Runde. Zwischen Start und Ziel liegen Sprünge, Wellen und Kurven, knapp 120 Sekunden pures Adrenalin und Spannung. Das pure Gegenteil zur Entschleunigung, aber der absolute Zuschauermagnet. Olympia braucht neue Sportarten. Und die Sportarten, egal ob am Rand der Medientauglichkeit wie Curling, oder am Rand der Existenzmöglichkeit für die Sportler,  brauchen Olympia. Und wir Zuschauer brauchen Abwechslung. Ent- und beschleunigt. Entgegen der BILD-Zeitung, die heute Tobias Barnerssoi – seines Zeichens übrigens ebenfalls ehemaliger Ski Alpin-Fahrer – als einer von vielen FLOPS der diesjährigen Fernsehkommentatoren einstuft, fand ich seine Berichterstattung durchaus spannend. Er hat erklärt und mitgefiebert – alles im rechten Maß. Danke!

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