Aerosol Grey Machine

Meine Neugier ist ja unersättlich und mich interessiert schon lange, wo genau auf dem „schwedischen Land“ das Aerosol Grey Machine Studio von Christoffer Lundquist liegt. Ich erinnerte mich an Videos und Fotos, auf denen man sowohl Innen- als auch Außenansichten zu Gesicht bekam. Und da ich dieses Jahr meinen Urlaub gar nicht so weit weg von diesem Studio verbringe, dachte ich, ein Halbtagesausflug wäre angemessen, um endlich herauszufinden, wo dieses Studio ist, in dem Per Gessle inzwischen so viele Alben und immerhin auch zwei Roxette-Lieder aufgenommen hat. Oder war es nur eins? Nun ja, Marie Fredriksson war auf jeden Fall auch schon dort.

Als ich endlich in der Gegend bin, finde ich die Straße nicht. Ich habe immer noch keine Ahnung, wieso man in Schweden zwei Zahlen voneinander mit Doppelpunkt abtrennt und hinter den Ort schreibt, beispielsweise: Halmstad, 45:14. Ist mir ein Rätsel. Und da ich dieses nicht lösen kann, sitze ich nach etwa 30 Minuten erfolgloser Suche erst einmal im Auto vor einem Supermarkt, finde glücklicherweise ein ungesichertes W-Lan-Netz und google noch einmal nach diesem Studio. Ich finde eine andere Adresse, die sich für mich wesentlich schlüssiger anhört und fahre noch einmal los. In dieser Straße war ich sogar eine Stunde vorher schon einmal gewesen, bin aber umgedreht, weil es eigentlich nur ein Schotterweg ist, von dem sich ab und an weitere Schotterwege gabeln, ohne dabei auch nur den geringsten Hinweis auf Hausnummern oder Hausbewohner zu geben. Witzigerweise war ich die Straße sogar einmal durchgefahren, ohne abzubiegen und hatte an einer Kreuzung auch die etwa sechs Briefkästen gesehen, die zu Häusern in der umliegenden Gegend gehören mussten. Aber richtig draufgeschaut hatte ich anscheinend nicht.

Denn als ich jetzt, das zweite Mal, da bin, parke ich mein Auto, steige aus und schaue auf die Kästen: Lundquist, na super. Ich bin also richtig. Ich stehe aber an einer Kreuzung und kann keine Häuser sehen, muss mich also für eine Richtung entscheiden. Spontan biege ich rechts ab und laufe und laufe und laufe. Es ist ein unglaublich schmaler Schotterweg und alle 100-150 Meter tauchen links oder rechts ein paar Grundstücke auf. Menschen sehe ich allerdings keine. Ein Ende der Straße ist auch nicht abzusehen. Ich bin froh, dass ich mir vorher das Studio bzw. das Gelände noch einmal auf einem Foto angesehen habe und weiß, wonach ich suchen muss. Die ersten Häuser scheiden allesamt aus. Nach etwa einem Kilometer enden links die Grundstücke, stattdessen weidet dort eine Kuhherde, etwa einen Meter höher gelegen als der Weg, auf dem ich laufe. Die Kühe könnten mir also auf den Kopf spucken. Aber sie muhen nur, was sehr bedrohlich klingt. Sie schauen mich an und muhen. Es ist, als würde ein Wachhund Alarm schlagen. Ich finde das etwas befremdlich. Rechts neben dem Weg ist nur Gestrüpp und Bäume, gesäumt von einer kleinen Steinmauer. Plötzlich lichtet sich rechts der Weg und ich bekomme Blick auf ein weiteres Grundstück – das ist es. Das Aerosol Grey Machine Studio. Es ist tatsächlich JWD – janz weit draußen. Ich hatte nicht mehr damit gerechnet, dass ich in dieser „Straße“ fündig werden würde. Aber das muss es sein, ich bin sehr sicher.

Ich will gar nicht weitergehen, denn der Schotterweg führt genau bis zu diesem Hof und endet dort. Wenn ich jetzt also geradeaus weitergehe, ist offensichtlich, wo ich hin will. So bin ich aber jetzt noch knapp 100 Meter vom Gelände entfernt und befinde, dass es reicht und ich nicht weiterlaufen muss. Tue ich dann auch nicht und beschließe, dass es jetzt Zeit ist, meine Blase zu leeren. Da niemand weit und breit zu sehen ist, hocke ich mich auf den Weg – mit Blick auf das AGM – und verrichte mein Geschäft. Kaum hocke ich, fährt vom Gelände ein blaues Auto los. Es wird noch etwa 15 Sekunden dauern, bis das Auto bei mir ist und ich weiß nicht so recht, was ich tun soll. Fertig pinkeln ist nicht drin, das schaffe ich nicht. Ins Gebüsch springen geht auch nicht, da es schlicht und einfach nicht die Möglichkeit dazu gibt. Zudem habe ich auf diesem Weg ja nichts verloren. Ich muss mir jetzt also überlegen, wofür ich mich entscheide. Weiterpinkeln und blamieren oder Hose hochziehen und den Rest in eben diese laufen lassen. Es wird zweitere Variante. Ich stehe schnell auf, ziehe die Hose hoch, verspüre ein unangenehmes warmes und nasses Gefühl, verziehe das Gesicht, drehe um und laufe den Schotterweg in Richtung meines Autos zurück, bis das blaue Auto an mir vorbei ist. Mein Herz klopft. Ich sehe von hinten Christoffers Kopf und Haare und ärgere mich. Hätte der nicht 15 Minuten später wegfahren können? Ich habe aus irgendeinem Grund Angst, sie könnten umdrehen und mich fragen, was ich hier zu suchen habe und beschließe, wieder umzudrehen und Richtung Gelände zu laufen. Ich hatte nämlich abseits des Schotterwegs, kurz vor der Kurve zum Studio einen kleinen Trampelpfad – gesäumt von vielen Bäumen – entdeckt und beschließe, dort erst einmal zu bleiben. Das mache ich dann auch, hocke mich dort noch einmal hin und entleere den Rest meiner eigentlich inzwischen leeren Blase. Wer schon einmal versucht hat, seinen Urin wieder einzuhalten, nachdem er bereits ein paar Sekunden gestrullert hat, wird wissen, dass es schlicht und ergreifend nicht geht – mag bei Männern anders sein. Aber wenn man wirklich dringend pinkeln muss und damit bereits begonnen hat und dann binnen zwei Sekunden einhalten soll, dann geht es einfach nicht. Meine Hose ist also nass. Ich fühle mich wie eine Dreijährige, weiß nicht, ob ich mich ärgern soll oder nicht.

Immerhin habe ich das Studio gefunden. Ich warte noch zwei Minuten, bis ich sicher bin, dass niemand zurückkommt und gehe zurück auf den Schotterweg. Ich mache mit dem Handy zwei Fotos vom Gelände und marschiere zu meinem Auto. Als ich einsteige, denke ich noch einmal über die letzten Minuten nach und muss laut lachen. Fast wie in alten Zeiten. Naja, immerhin habe ich den berühmt-berüchtigten Hof gefunden und freue mich über den Fund. Nah ran muss ich nicht. Ich war 100-150 Meter dran und denke, dass das reicht. Ich fühle mich so schon als Stalker und deswegen kurz schlecht. Aber das vergeht. Denn ich habe niemanden belästigt, bin nicht auf fremdem, privatem Gelände rumgelaufen und bin im Grunde auch gar nicht aufgefallen. Aufgehalten habe ich mich dort auch nicht. Ich befinde also, dass es keinen Grund gibt, sich mies zu fühlen.

Als ich wieder in unserem Ferienhaus bin, dusche ich erst einmal und ziehe mich um. Dann erzähle ich meiner Familie die Geschichte – sie können es kaum glauben, aber ich versichere, dass ich mir wirklich in die Hose gemacht habe. Das war die Strafe für die ganze Aktion. Irgendwie gerechtfertigt, finde ich. Ein bisschen Strafe muss für sowas sein.

Wer jetzt findet, dass ich damit zu weit gehe, dass ich hier auch noch schreibe, dass ich mir tatsächlich in die Hose gepinkelt habe, der kennt mich vielleicht zu wenig. Ich finde eigentlich sogar, dass das in diesem Fall die Würze an der Story ist. Ich kann jedenfalls drüber lachen, denn irgendwie konnte ich ja auch nichts dafür, beziehungsweise war es nicht freiwillig.

Advertisements

3 Kommentare

  1. Nadine · August 12, 2009

    Sehr gut!!

    Danke für die Geschichte!

    • Paul · Juni 4, 2012

      Auf der Suche nach der Adresse des AGM Studios bin ich auf deinem Bericht gestoßen. Echt spannend und für einen Roxette Fan doch so gut nachvollziehbar! Die Adresse wolltest du dann aber doch nicht verraten…
      😉

      • kiwein · Juni 4, 2012

        Nee, das habe ich mir geschenkt. Die Adresse nutzt einem ohnehin nichts (man findet sie übrigens über Google), denn es gibt weder Straßenschilder noch Hausnummern…

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s