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Durch Lernstress fehlt mir zwar gerade die Lust zum Tippen, aber heute war es doch recht lustig. Lustig genug, es mitzuteilen.

Am 27.4. schreiben eine Freundin und ich unsere Abschlussklausur. Sie ist vierstündig und man legt vorher mit dem Prüfer zwei Themen fest. Beide Themen werden mit je einer Fragestellung bei der Klausur berücksichtigt und man kann sich dann die Frage zu einem Thema auswählen und diese vier Stunden lang beantworten. Normalerweise lernt man aber nur zu einem Thema, das zweite Thema gilt mehr als „Alibi“ für das Prüfungsamt. Brave Studenten lernen natürlich für beide Themen. Nun, meine Freundin und ich machen beim selben Professor die Prüfung. Ein sehr lustiger Mensch, aufgeschlossen und kokettiert überhaupt nicht mit seinem Wissen. Ein ganz normaler Mann, Professor für Osteuropäische Geschichte.
Meine Freundin und ich haben uns ausgerechnet, dass wir in vier Stunden etwa 15-20 Seiten handschriftlich schaffen können. Wenn es schlecht läuft eher 15, wenn es gut läuft vielleicht auch mehr als 20. Aber keineswegs mehr als 25 Seiten. Kommt natürlich auch auf die Schrift an. Aber wir haben das wirklich getestet, denn man muss ja den Inhalt entsprechend auch auf 15-20 Seiten runterbrechen. Nicht, dass man nach 3,5 Stunden feststellt, dass man erst die Hälfte hingeschrieben hat. So geschehen, Inhalt gekürzt. Sie schickte ihre Gliederung an den Professor, damit er sich ein Bild machen kann, ob sie alle wesentlichen Teile berücksichtigt hat. Heute wollten wir dann noch einmal in seine Sprechstunde. Schnell ging es vorher noch in die Bibliothek, an den PC, die Gliederung noch einmal ausdrucken – und den dazugehörigen Text auch. Meine Freundin hat nämlich zuhause keinen PC und somit auch keinen Drucker. Während ich mich für sie an den Drucker anstellte, schaute sie noch schnell nach Emails und kam schließlich mit großen Augen zu mir: „Der hat mir geantwortet und hinter jedes Kapitel geschrieben, wieviel Seiten es werden soll. Das sind ungefähr 60 Seiten.“ Sie war entsetzt und ich auch. „Ach Quatsch, das kann nicht sein.“ „Doch“ sagt sie, „zu dem einen Kapitel soll ich 30 Seiten schreiben. Ich habe es an den Drucker geschickt, das kommt gleich raus, dann zeige ich es dir.“ Da die Schlange sehr lang war, dachten wir noch ein wenig nach. Und dann musste ich lachen. „Hast du das mal ausgerechnet?“, fragte ich. „Wenn das stimmt, dann musst du 15 Seiten pro Stunde schreiben, das bedeutet, du hast für jede Seite vier Minuten.“ Ich konnte mich nicht mehr halten. Inzwischen hatte ich schon Tränen in den Augen vor Lachen, meine Freundin auch. Wenn jemand schon mal versucht hat, eine Seite HANDSCHRIFTLICH in vier Minuten zu verfassen, weiß er/sie, was ich meine. Wir zweifelten am Verstand des Professors.
Und tatsächlich – als die Email rauskam, sah ich, dass es stimmte. Genau genommen kam es noch schlimmer.  Zusammengerechnet waren es sogar 98 Seiten, die er ausgerechnet hatte. Jetzt wurden meine Augen auch groß. Dann lachte ich laut los. „Ok, 98 Seiten, das sind 27 Seiten pro Stunde, dann hast du jetzt quasi nur noch zwei Minuten für eine Seite.“ Ich musste wieder laut lachen. „Am besten lernst du noch schnell Steno.“ Jetzt lachten wir beide. Wobei meiner Freundin eher noch das blanke Entsetzen ins Gesicht geschrieben stand. Nun, aber wir wollten ja ohnehin in seine Sprechstunde und los ging es. Ich ging zuerst rein, da wir aber auch allgemeine Fragen zu klären hatten, kam meine Freundin dazu und wir klärten dann alles zu dritt. Bis zur entscheidenden Situation. Die beiden saßen sich gegenüber, ich saß am Kopfende des Tisches. Meine Freundin holte seine Email mit den Seitenanmerkungen zu ihrer Gliederung heraus, zeigte darauf und machte ein todernstes, besorgtes Gesicht. Ich konnte kaum ernst bleiben und versuchte verzweifelt, ruhig weiterzuatmen. „Herr Professor, also“, sie blätterte in den 45 Seiten, die sie selbst inzwischen für ihr Thema erarbeitet hatte, „ich habe hier schon 45 Seiten und das muss ich schon total runterkürzen, aber sie haben hier noch mehr angemerkt. Das sind ja 98 Seiten. Das schaffe ich in vier Stunden nicht“, sie blickte ihn hochseriös an, während mir die Lachtränen ganz ohne Lachen die Wangen runterliefen. Er schaute auf die Gliederung und seine Anmerkungen und sagte: „Ach, das ist gar nicht das Thema für ihre Magisterarbeit, sondern das für die Klausur?“ „Ja, genau.“ „Oh je“, meinte er und dann entschuldigte er sich für das Missverständnis und war richtig verlegen. Ich hatte zwar zu meiner Freundin schon vorher gesagt, dass es gut sein kann, dass er Klausur und Arbeit (die wir nach den Prüfungen anfertigen müssen, Umfang 80-120 Seiten) verwechselt hatte. Und so war es dann auch. Aber allein die Vorstellung, 98 Seiten in vier Stunden zu schreiben, hat mir extrem den Nachmittag versüßt. Jetzt noch  breche ich alle halbe Stunde in ein kurzes Gelächter aus. Ich sehe im Geiste dann immer meine schwitzende und erschöpfte Freundin neben mir sitzen und mit Turbo schreibend und zwischendurch verzweifelnd die Hand wechselnd. Gerade habe ich ihr noch eine SMS geschickt: „Ich lache immer noch. Stell dir mal vor, der hätte das ernst gemeint. ;D“
Ich sehe ein, dass es für Außenstehende nicht so lustig sein mag, aber das war wirklich einzigartig!

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